Rüdiger Liedtke
Rüdiger Liedtke

02.10.2018 - 14:26

111 Orte. Rüdiger Liedtke auf den Spuren der Nazi-Zeit in München München - 'Die Hauptstadt der NS-Bewegung'

Keine deutsche Stadt ist mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus so eng verbunden wie München. In der reaktionär-bierseligen Atmosphäre der Brauhäuser und Bierkeller gewann Hitler immer mehr Anhänger. In einem Rundgang durch München hat Rüdiger Liedtke 111 Orte aufgespürt, die unmittelbar mit der Nazi-Zeit zu tun haben.

"Man hat verdrängt, versteckt und vertuscht. Man wollte es nicht wahrhaben", sagt Rüdiger Liedtke über die Nachkriegszeit in München. "Die Hauptstadt der Bewegung ging nach dem 2. Weltkrieg relativ nahtlos über in die Hauptstadt der Herzen. Erst vor einigen Jahren hat man sich entschieden, sich damit auseinanderzusetzen". Ohne München hätte es keinen Nationalsozialismus gegeben, sagt Rüdiger Liedtke. Hitler nannte München die 'Hauptstadt der Bewegung'. Hier starteten Himmler, Heydrich und auch Hitler ihre Karrieren.

Überall in München gibt es Orte, die mit dieser Zeit untrennbar verbunden sind und deren NS-Vergangenheit bis heute eher verborgen wird. "Zum Beispiel die Kunstakademie, die eine große Rolle gespielt hat, dort gibt es kein Hinweisschild. Die Druckerei der Münchner Post am Altheimer Eck, wo die SA sich ausgetobt hat, kein Hinweisschild. Die Arisierungsstelle in der Widenmeyerstraße, kein Hinweisschild. Oder am Zirkus Krone, wo die großen NS-Aufmärsche stattfanden, am Hofbräuhaus, am Wiener Platz, das waren in der Entstehung alles Nazi-Hochburgen – keine Hinweise", nennt Liedtke einige Orte, auf die er in seinem Buch '111 Orte in München. Auf den Spuren der Nazi-Zeit' aufmerksam macht".

'Jeder hat es gewußt'

Der Autor zeigt in seinem Buch, wie dicht das Netz der nationalsozialistischen Durchdringung in München war und was alles in der Stadt dem Terror gedient hat. "In München ist die SS entstanden, die SA, die Hitler-Jugend", sagt Liedtke. "Sämtliche Reichsleitungen saßen in München, wo der Terror und die Gleichschaltung organisiert wurden. Das KZ Dachau wurde als erstes Konzentrationslager aus der Münchner Ettstraße, dem Polizeipräsidium organisiert. Das Buch zeigt und benennt die Orte, an denen der Nationalsozialismus entstand".

Eines wurde Rüdiger Liedtke bei der Recherche zu seinem Buch noch einmal klar, jeder Bewohner Münchens hat damals mitbekommen, was passiert ist, jeder hat es gesehen. Er benennt dafür ein Beispiel. "Kaum eine Firma in München hatte nicht eine Baracke oder einen Anbau an der Firma, in der nicht Zwangsarbeiter waren. Hunderte in der ganzen Stadt. Es kann also auch niemand heute sagen, er hat das nicht gewußt. Man konnte sich dem gar nicht entziehen. Täglich waren hunderte und tausende Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge in der ganzen Stadt vertreten".

Die Orte des NS-Verbrechens benennen

Und auch die Verbrechen an den Juden waren für die Münchner offensichtlich. Keiner kann sagen, er habe davon nichts gewußt, betont Liedtke. "Es gab in München hunderte von Versteigerungen jüdischen Besitzes und unendlich viele Menschen haben sich bereichert, haben für ganz wenig Geld großartige Sachen gekauft – und wenn es nur ein Geschirr oder ein Teppich war. Und es ist auch nicht auszuschließen, dass unendlich viele Familien heute noch in ihren Wohnungen Teile jüdischen Besitzes haben, von denen vielleicht die Nachkommen gar nichts wissen, weil die Eltern darüber nicht gesprochen haben".

In seinem Buch '111 Orte in München. Auf den Spuren der Nazi-Zeit' macht Rüdiger Liedtke die verdrängte finstere Zeit sichtbar. Er benennt die Orte der Täter, aber auch die des Widerstands und erzählt von der jahrzehntelangen Geschichte des Wegsehens und Verdrängens. "Viele Münchner wissen das ja gar nicht. Wenn sie an Gebäuden vorbeikommen, sagen sie, hach, wie schön – die Ludwigstraße oder die Leopoldstraße, wie wunderbar. Aber die Gebäude dort sind Nazibauten. Die Architektur bestimmt heute noch maßgeblich die Stadt", sagt Liedtke. "Die Zeit des Nationalsozialismus läßt einen erschauern, denn viele Orte, an denen Grauenvolles passiert ist, sind noch sehr nah und jeden Tag ist man mit denen in Berührung. Man muss nur wissen, was sich da verborgen hat – dann kann man vielleicht auch anders damit umgehen".

Moderation: Johannes Schröer
(DR)