Schlosskirche in Wittenberg
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Lutherdenkmal in Wittenberg
Lutherdenkmal in Wittenberg

29.10.2017 - 09:20

Martin Luther und die Wittenberger Gottesdienstordnung Erste Messe in deutscher Sprache

Jahrhundertelang wurde die Messe auf Latein gefeiert. Martin Luther entwickelte schließlich die erste deutsche Messe. Am 29. Oktober 1525 war die Premiere.

Es ist Weihnachten des Jahres 1521. Die Reformation ist in vollem Gang, als "Junker Jörg", also Martin Luther, von der Wartburg zurückkehrt und in Wittenberg langsam wieder Fuß fasst.

Dort wirbt Andreas Bodenstein, der Mann, der Luther seine Promotionsprüfung abgenommen hat, bereits an einer neuen Gottesdienstordnung. "Die Heiligenbilder sollen raus aus der Kirche. Die Musik auch. Das ist doch alles nur Ablenkung."

Unangekündigte Änderung des Gottesdienstes in Wittenberg

Bodenstein lässt Taten folgen: Beim Abendmahl teilt er Brot UND Wein an die Gemeinde aus. Die Laien dürfen den Kelch sogar selbst in die Hand nehmen. Er selbst trägt weltliche Kleidung und spricht Teile der Messe auf Deutsch.

Solche Veränderungen sind Martin Luther zu schnell, aber andere Reformatoren machen Druck: Thomas Müntzer schreibt im Sommer 1523 über den "Deutschen Gottesdienst". Darin sieht er den deutschsprachigen gottesdienstlichen Gemeindegesang vor.

Martin Luther will langsame Reform

Martin Luther reagiert im Herbst in seinem Büchlein "Form der Messe und der Abendmahlsausteilung". "Deutsche Gesänge sollen die lateinischen Liturgie-Gesänge des Chores mehr und mehr ersetzen, so dass schließlich der gesamte Gottesdienst in der Muttersprache geschieht".

Andernorts werden bereits neue, evangelische Gottesdienstformen entworfen und verbreitet. Man will zurück zu biblischen Vorlagen beziehungsweise die überlieferte Liturgie von Fehlentwicklungen befreien.

Singen in der eigenen Sprache im Gottesdienst verboten

Luthers Reform setzt beim Gesang an: "Ich will Gott mit Gesängen und Worten zugleich loben und Gottes Güte und Gnade rühmen, so dass schöne Worte und lieblicher Klang zugleich gehört werden."

Und so fängt er – nach der Übersetzung des Neuen Testamentes – jetzt auch an, bekannte lateinische Lieder ins Deutsche zu übertragen und selbst neue zu schrieben.

"Sie sollen in ihrer Sprachgestalt einfach und volksnah sein, aber nicht modisch oder vulgär. Ich wünsche nicht eine bloße Übersetzung der lateinischen Texte, sondern deren Übertragung in sprachlicher Freiheit."

Torgauer Kantor an Luthers Seite

Luthers Berater in Sachen Kirchenmusik ist der Torgauer Kantor Johann Walter. Mit seiner Hilfe veröffentlich er 1524 ein Chorbüchlein mit 37 Liedern, von denen er 24 selbst komponiert oder umgeschrieben hatte. Der erste Schritt auf dem Weg zu einer neuen deutschen Messe, so Luther:

"Ich will die Einfältigen und die Jugend zu schriftkundigen Christen machen, und wo es hilfreich und erforderlich wäre, will ich mit allen Glocken dazu läuten lassen und mit allen Orgeln dazu pfeifen und alles klingen lassen, was klingen kann."

Seine Bemühungen betreffen also nicht nur die Gemeindegesänge. Gemeinsam mit dem Kantor aus Sachsen macht er sich auch Gedanken über den Gesang des Priesters, der für die Liturgie 8 verschiedene Töne zur Verfügung hatte. Johann Walter berichtet:

"Er hat mich gen Wittenberg kommen lassen und über die die acht Rezitationstöne mit mir gesprochen. Und schließlich hat er von selbst die Choralnoten des achten Rezitationstones der Lesung zugeeignet und den sechsten Rezitationston dem Evangelium."

Drei Wochen lang beschäftigen sich Walter und Luther mit der Musik im Gottesdienst – bis zum 29. Oktober des Jahres 1525, der Premiere der ersten deutschen Messe Martin Luthers.

Die deutsche Messe nach Luther

Die neue Messe geht in Druck und wird in den protestantischen Territorien als eine mögliche neue Form eingeführt - neben der weiter bestehenden lateinischen Messe, in der vor allem das Hochgebet vor dem Abendmahl radikal gekürzt worden war.

Luthers Messe wird kürzer, er lässt Teile aus, folgt teilweise einer anderen Reihenfolge, die liturgischen Melodien verändern sich. Wesentlichste Neuerung bleibt allerdings: Die deutsche Sprache – in Wort und Gesang.

"Ich bin nicht der Meinung, dass das ganze deutsche Land gerade unsere Wittenberger Ordnung annehmen müsste. Überhaupt ist eine Gottesdienstordnung nichts Zwingendes. Sie ist aber Ausdruck der Liebe und der Nützlichkeit. Sie dient den Einfältigen sowie der Jugend, damit diese sich ans Evangelium gewöhnen."

Ab Weihnachten 1525 wird Luthers Messe in Wittenberg üblich. In den Jahren danach veröffentlicht Luther zuerst seine Gottesdienstordnung und auch ein neues Gesangbuch - für die Gemeinde.

(DR)