Pater Pio: Um den Volksheiligen wird in Italien ein regelrechter Kult betrieben - Nicht immer frei von Kitsch
Pater Pio: Um den Volksheiligen wird in Italien ein regelrechter Kult betrieben - Nicht immer frei von Kitsch

16.06.2018 - 09:20

Kapuzinermönch und Star unter den Heiligen Heiligsprechung des Padre Pio

Am 16. Juni 2002 Padre Pio heiliggesprochen. Als Kapuzinermönch lebte er in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Apulien. Damals pilgerten die Menschen zu Tausenden zu ihm hin, und auch heute noch kennt Padre Pio in Italien jedes Kind.

Es gibt beinahe keine italienische Piazza auf der nicht eine Statue von Padre Pio steht.

Italiens Volksheiliger Nr. 1

Der bärtige Kapuzinermönch baumelt als Schutzengel in italienischen Autos, sein Bild klebt in Restaurants und Metzgereien, auf LKW-Kühlern. Er wacht über Kinder und die Spiele italienischer Fußballmannschaften.

Weg des Heiligen

Als Francesco Forgione wird er am 25. Mai 1887 in dem kleinen Dorf Pietrelcina als Kind einfacher Bauern geboren.

Schon mit 16 Jahren tritt er in den Kapuzinerorden ein und erhält den Ordensnamen Pio, der Fromme.

Mit 23 Jahren wird er zum Priester geweiht, doch der junge Mann ist kränklich. Immer wieder plagen ihn sonderbare Krankheiten und Leiden. Darum schickt ihn der Orden in das Kloster von San Giovanni Rotondo, ganz im Süden, im Sporn des italienischen Stiefels.

Stigmata des Padre Pio

Dort widerfährt ihm am 20. September 1918 beim Gebet Seltsames.

Plötzlich hat er eine Vision. Feurige Lichtstrahlen durchbohren sein Herz, seine Hände und Füße. "Ich wäre gestorben, wenn der Herr nicht eingegriffen hätte, um mein Herz zu stützen, das mir aus der Brust zu springen schien", so Padre Pio selbst darüber.

Als sich die Erscheinung auflöste, merkte er, dass seine Hände, seine Füße und seine Seite durchbohrt sind und Blut heraussickert.

Zweifel an den Stigmata und Verehrung des Padre

"Die Stigmata sind ein Zeichen, dass Padre Pio sehr viel mit Leid zu tun hatte ...", erklärt Norbert Köster, Theologe und Kirchenhistoriker an der Universität Münster. "Es gehört zur Mystik, dass Menschen ganz tiefe Erfahrungen machen mit Gott und so würde man versuchen, das auch theologisch deutlich zu machen. Hier geht es um eine Form, mit dem Leid zu leben."

Trotz großer Zweifel an der Echtheit der Stigmata, übrigens auch innerhalb der Kirche, machen sich schon zu Lebzeiten Pios immer mehr Pilger auf in das verschlafene apulische Bauerndorf San Giovanni Rotondo.

Eine der letzten Aufnahmen vor seinem Tod zeigen Menschenmengen, die ihm unter seinem Fenster zujubeln.

Vatikan unterstützt Verehrung des Paters nicht

Der Vatikan betrachtet den Kult in San Giovanni Rotondo mit Argwohn. Ihm wird verboten, öffentlich die Messe zu lesen und die Beichte abzunehmen. Bisweilen darf Pio nicht einmal das Kloster verlassen.

Doch die Pilgerströme stoppt das nicht, längst ist die Verehrung grenzenlos.

Vatikan gibt dem Volk nach

Als Padre Pio am 23. September 1968 im Alter von 81 Jahren stirbt nehmen über tausend Menschen an seinem Begräbnis teil.

Am Ende, so scheint es, muss der Vatikan dem Druck des Volkes nachgeben. 31 Jahre nach seinem Tod wird der Kapuzinermönch selig- und nur drei Jahre später heiliggesprochen, was für kirchliche Verhältnisse ziemlich schnell ist.

Padre Pio-Rummel

Als Johannes Paul II. schließlich am 16. Juni 2002 Padre Pio heiligspricht, kommen über eine Millionen Gläubige nach Rom, der Petersplatz kann die Menschenmenge kaum fassen.

Pios Heimat San Giovanni Rotondo ist heute ein Wallfahrtsort. Rund 7 Millionen Menschen strömen jedes Jahr dort hin, das ist mehr als in Lourdes oder Fatima.

Tagtäglich schieben sich Besuchermassen durch die schmalen Marmorgänge der neuen ultramodernen Kirche, die Italiens Stararchitekt Renzo Piano errichtet hat. Nur wer Spiritualität oder gar Ruhe sucht, der ist hier falsch.