Abbé Pierre
Abbé Pierre

05.08.2017 - 09:20

Emmaus-Gründer - Vater der Obdachlosen Abbé Pierre

"Ein bisschen Zeit, frei zu sein und Liebe zu lernen" das war das Lebensmotto von Abbè Pierre, der an den Folgen einer Lungenentzündung starb. Der als „Vater der Obdachlosen" bekannte französische Ordensmann wurde 94 Jahre alt. Geboren wurde er am 05. August 1912.

Seit den 50er Jahren war Abbé Pierre einer der bekanntesten Vorkämpfer gegen soziale Ausgrenzung - zunächst in Frankreich, dann in ganz Europa. Die von ihm gegründeten Emmaus-Gemeinschaften kümmern sich bis heute um Obdachlose, Kranke, Arme, Einsame und Strafentlassene - in über 30 Ländern.

"Unser Geheimnist ist zu zeigen, dass es keine andere Quelle für den Frieden gibt, als das Bemühen, den Schwächsten zu dienen und denen die am meisten leiden."

Ein Motto, das sich wie ein roter Faden durch das Leben von Abbe Pierre zog. Schon als Kind erlebte er mit, wie sein reicher Vater in der Freizeit Obdachlosen die Haare schnitt und sie mit Essen und Kleidung versorgte. 1930 trat Henri Antoine Grouès, so sein richtiger Name, in den Kapuzinerorden ein und verteilte sein gesamtes Erbe an die Armen.

Der Krieg prägte sein Leben

Seinen berühmten Decknamen Abbé Pierre bekam er als Widerstandskämpfer gegen die deutsche Besatzung. Der Krieg hat ihn nachhaltig geprägt, wie er bei einem späteren Besuch in Deutschland erzählte.

"Auf deutschem Boden zu sein, das ist schon etwas Besonderes für mich. Ich wurde zwei Jahre vor dem ersten Weltkrieg geboren und werde nie vergessen wie ich als Kind die Opfer mit verstümmelten Armen und Beinen sah. Später dann der furchtbare zweite Weltkrieg und der Widerstand gegen ein Terrorregime. Seitdem ist Frieden ein Wort, das uns aufrüttelt und herausfordert."

Hilfe für Außgestoßene - Die Emmaus-Gemeinschaft

Und der Einsatz für den Frieden in der Welt fing bei dem Ordensmann buchstäblich vor der eigenen Haustür an. 1949 kauft er vor den Toren von Paris ein Haus und stellte es obdachlosen Familien zur Verfügung. Weitere Grundstücke wurden besetzt und Häuser darauf gebaut, so entstand die Emmaus-Gemeinschaft zur Hilfe für Ausgestoßene. Legendär wurde der Hilfsappell im Radio, mit dem Abbe Pierre im Winter 1953/54 eine beispiellose Spendenaktion startete.

"Emmaus beweist, dass Gerechtigkeit und Frieden dort möglich sind, wo wir uns zuerst um die Notleidenden kümmern und den Ärmsten dienen."

Heute kümmern sich fast 500 Emmaus-Gemeinschaften in knapp 40 Ländern der Welt um Kranke, Arme, Einsame und Strafentlassene. Bis ins hohe Alter kämpfte der hagere Mann mit dem weißen Vollbart und der markanten Hornbrille für die Menschen am Rand der Gesellschaft auch wenn er damit oft aneckte, zumindest bei den Reichen und Mächtigen. Etwa wenn er Politiker wegen unterlassener Hilfeleistung anklagte oder sich für Hausbesetzer, Drogenabhängige und Kriegsdienstverweigerer einsetzte.

"Unsere Gemeinschaft hat nur eine Daseinsberechtigung, solange wir für die kämpfen, die die anderen links liegenlassen, die ausgegrenzt und verstoßen werden. Wenn wir das nicht mehr tun, wird es unsere Gemeinschaft auch nicht mehr geben."

"Vorkämpfer gegen Not und Unrecht"

Im Volk machten ihn solche Ansichten umso populärer, bis zuletzt gehörte er in allen Umfragen zu den bekanntesten und vor allem zu den beliebtesten Franzosen aller Zeiten, als Vorkämpfer gegen Not und Unrecht war er eine Art Gewissen der Nation.

"Zum ersten Mal gibt es eine globale Humanität. Heute kann sich kein Mensch mehr in seinen Elfenbeinturm zurückziehen angesichts des Elends in aller Welt, heute kann keiner mehr sagen "wir haben nichts davon gewusst."

Auch innerkirchlich wagte der streitbare Ordensmann den Widerspruch zur Lehrmeinung, etwa als er gegen Kondomverbot und Zölibat eintrat, oder als er im Jahr 2005 in einem Buch eigene flüchtige sexuelle Begegnungen einräumte und gesellschaftliche Anerkennung für homosexuelle Paare forderte. Auch im Gespräch mit Kirchenführern nahm er kein Blatt vor den Mund:

"Gestern habe ich den Kölner Kardinal getroffen, er hat zu  mir gesagt: "Sie reden immer von den Armen, müssen wir nicht auch stärker die Misere der Reichen im Blick haben"? "Aber Emminenz", habe ich geantwortet, "ist es nicht das beste Mittel den Reichen zu helfen, indem wir ihnen die Augen öffnen für die Probleme der Armen?""