Hamburger Michel
Neue Glocken für den Hamburger Michel

19.10.2018 - 09:10

Der Orientierungspunkt für Matrosen und Hamburger Der Michel: Das Wahrzeichen Hamburgs

Ein Gotteshaus gilt als Wahrzeichen der Hansestadt Hamburg: der Michel. Das Erste, was die Seeleute beim Einlaufen in den Hafen und das Letzte, was sie beim Auslaufen sehen, ist der 132 Meter hohe Kirchturm. Er gilt den Matrosen als Orientierungspunkt. Bis heute prägt er die Silhouette der Stadt.

Dabei steht der heutige Michel bei seiner Gründung im Jahr 1600 außerhalb der Stadtmauern.

Doch Hamburg wächst schnell. Immer mehr Menschen ziehen in die Stadt. Im Juli 1647 fassen Rat und Bürgerschaft den Entschluss, eine große Kirche zu bauen: Sankt Michaelis, sie ist dem Erzengel Michael geweiht.

Am 14. März 1661 wird die Kirche eingeweiht. Nach der Eröffnungspredigt erklingt der Choral „Nun lob, mein Seel, den Herren“ von Johann Sebastian Bach. Zu diesem Zeitpunkt ahnt niemand, dass sich diese Zeremonie noch dreimal wiederholen wird…

Der Michel brennt!

Am 10. März 1750 zieht sich, wie es in einer Chronik heißt:

…zur ungewöhnlichen Jahreszeit eine Gewitterwolke zusammen. Es geschahe plötzlich, ohngefehr des Mittags gegen elf Uhr… Ein erschreckender Blitz – und der traf gleich auf einmal den unteren Teil der Turmspitze.

Löschversuche schlagen fehl, die Kirche brennt bis auf die Grundmauern nieder.

Die Chronik berichtet: „Der Hauptteil des Turmes fiel auf das Kirchendach und setzte das Gotteshaus in Brand, das dadurch völlig vernichtet wurde.“

Zwölf Jahre später, am 19. Oktober 1762, wird die Kirche zum zweiten Male eingeweiht…

Schönheitsfehler beim Bau

Allerdings hat sie einen Schönheitsfehler: Der Turm ist bei der Kirchweihe nur bis zur Höhe des Kirchendaches ausgeführt. Das Kirchenkollegium spricht beim Hamburger Senat vor: „Meine Herren! Fremde behaupten, dass es unserer Stadt Hamburg schlecht gehen müsse – weil St. Michaelis immer noch der Turm fehlt…

Der Appell wirkt zwar – aber gut Ding will Weile haben. Wie, so nebenbei  bemerkt, beim Bau der Türme des Kölner Doms auch.  Am 31. Oktober 1786, also ganze 24 Jahre nach der Kirchweihe, wird auch der Turm eingeweiht.

Liberté? Aber nicht für den Michel

Ungemach von ganz anderer Seite droht dem Michel als die Franzosen 1811 Hamburg besetzen: „…Messieurs! Im Namen ihrer Majestät, des Kaisers Napoleon, ist diese Kirche requiriert! Sie wird zu einem veritablen Pferdestall transformiert…

Zwölf Gemeindemitglieder stellten die 300 geforderten Pferdeplätze zur Verfügung und verhindern damit, dass das Gotteshaus zum Stall wird.

Am 3. Juli 1906, einem strahlendem Sommertag, sind Arbeiter damit beschäftigt, an der Südseite des Turms Kupferplatten zu erneuern. Dabei hantieren sie mit einer Benzinlötlampe. Ein Schwelbrand wird zu spät bemerkt, in einem Flammeninferno werden Turm und Kirche völlig vernichtet.

Die Bürgerschaft beschließt den Wiederaufbau der Kirche. Am 19. Oktober 1912 wird der Michel zum dritten Mal eingeweiht. Es ist nicht das letzte Mal…

Bombenschäden im 2. Weltkrieg

Denn im 2. Weltkrieg wird Hamburg von Bombenangriffen schwer getroffen. Im Sommer 1943 kommen beim so genannten Feuersturm 40.000 Menschen ums Leben. Kurz vor Kriegsende, im März 1945, wird auch der Michel schwer beschädigt.

Nach Beseitigung der Schäden kann die Kirche am 19. Oktober 1952 zum vierten – und zum hoffentlich letzten Mal – wieder eingeweiht werden.

Kein Zweifel, die Zeitläufe haben ihre Spuren beim Michel hinterlassen.

Für Kaiser und Vaterland: Die Glocken werden eingeschmolzen

Vor allem das 20. Jahrhundert: Im 1. Weltkrieg werden die beiden Urschlagglocken des Michel abgehangen – und für die Kanonenproduktion eingeschmolzen.

Hauptpastor Hunziger predigt zum Glockenabschied am 18. Juni 1917: „Gott will, dass feuerspeiende Schlünde aus diesen Glocken werden, damit unser deutsches Vaterland verteidigt bleibe gegen die Feindschaft der Welt.“

Erst nach 99 Jahren, im Jahr 2016, werden die Glocken – finanziert durch Spenden – ersetzt. Seit Juni 2016 erklingt wieder das volle Geläut aller Michel-Glocken.

Wie sagt der Hamburger noch? „Wat mutt – dat mutt!“

 

Moderation: Edgar Schnicke