Am 22. August 1864 wird die erste Genfer Konvention unterzeichnet
Am 22. August 1864 wird die erste Genfer Konvention unterzeichnet

22.08.2017 - 09:20

Das Vertragswerk hinter der Arbeit des Roten Kreuzes Anno Domini: Verabschiedung der Genfer Konvention

Sie helfen bei Großveranstaltungen, im Notfall oder bei Naturkatastrophen. Doch ihre ursprüngliche Aufgabe ist eigentlich eine ganz andere: Die internationale Rotkreuzbewegung soll im Kriegsfall die Verwundeten versorgen. Zu diesem Zweck wurde am 22. August 1864 die Genfer Konvention verabschiedet.

Henry Dunant ist geschockt, als er das leidvolle Leben auf einer Galeere aus der Nähe sieht. Sein Vater, ein strenggläubiger Calvinist, nimmt ihn mit nach Toulon, um ihm die Menschen zu zeigen, um die er sich mildtätig kümmert. Die Qualen der Häftlinge hinterlassen Spuren bei Henry. Er möchte sich selbst einbringen. An freien Abenden und Sonntagen besucht er Gefangene, hungernde und kranke Menschen.

1852 schließt er sich mit einer Gruppe von Christen zusammen und trifft sich mit ihnen jede Woche, um die Bibel zu studieren. Daraus wird wenig später die Genfer Gruppe des CVJM. Der Besuch eines Erweckungspredigers bringt ihn dazu, in der Schweiz eine Dependance der Evangelischen Allianz zu gründen, dem Zusammenschluss verschiedener evangelischer Landes- und Freikirchen.

Ende der 1850er Jahre wird Henry auch wirtschaftlich aktiv. Als Geschäftsmann erwirbt er im französisch besetzten Algerien eine Landkonzession. Doch die Behörden machen es ihm nicht leicht, seine Rechte wahrzunehmen. Henry hofft, seinen Stand zu verbessern, indem er 1858 zusätzlich zur Schweizer auch die französische Staatsbürgerschaft annimmt.

Das Leid auf den Schlachtfeldern

Er will sich mit seinem Anliegen direkt an Kaiser Napoleon wenden. Der hält sich mit seinem Heer gerade in der Lombardei auf und kämpft auf Seiten Sardinien-Piemonts gegen die Österreicher. Henry macht sich auf - zu Napoleons Hauptquartier in der kleinen Stadt Solferino am Gardasee.

Am Abend des 24. Juni 1859 kommt Dunant am Schlachtfeld vorbei. Er blickt in die leeren Augen verstümmelter Soldaten, die wie von Sinnen sind vor Schmerzen, und  verlangen, dass man sie umbringt.

"An anderen Stellen liegen Unglückliche, die von Kugeln oder Granatsplittern getroffen und zu Boden gestreckt sind, denen aber darüber hinaus noch durch die Räder der Geschütze, die über sie hinwegfuhren, Arme und Beine zermalmt wurden."

Etwa 38.000 Verwundete, Sterbende und Tote liegen auf dem Schlachtfeld, ohne dass ihnen jemand hilft. Henry ist zutiefst erschüttert und mobilisiert sofort die örtliche Bevölkerung, um die verwundeten Soldaten notdürftig zu versorgen. Mit Hilfe der Kirchengemeinde der Nachbarstadt baut er ein Behelfshospital auf, aber es fehlt an vielem: An genügend Helfern, medizinischem Material und Verpflegung.

"Die Sonne des 25. Juni beleuchtet eine des schrecklichsten Schauspiele, das sich erdenken lässt. Das Schlachtfeld ist allerorten bedeckt mit Leichen von Menschen und Pferden. In den Straßen, Gräben, Bächen, Gebüschen und Wiesen, überall liegen Tote, und die Umgebung von Solferino ist im wahren Sinne des Wortes mit Leichen übersät. Weithin trifft man überall auf Blutlachen."

Die Helferinnen um Henry machen keinen Unterschied zwischen der Herkunft der Soldaten. Henry gelingt es zudem, österreichische Armeeärzte aus französischer Gefangenschaft auszulösen, um sie zur Nothilfe einzusetzen. Auf seine Kosten lässt er Verbandsmaterial und Hilfsgüter herbeischaffen.

"Erinnerungen an Solferino"

Die Ereignisse in Solferino wird er lange nicht los. Zu seinem Treffen mit Napoleon kommt es vorerst nicht. Stattdessen fährt er wieder zurück nach Genf und schreibt dort ein Buch über seine Eindrücke. Darin kommt er zu dem Schluss, dass ein Hilfswerk für Kriegssituationen her muss.

"Hätte es bei Solferino ein solches internationales Hilfswerk gegeben, oder wären freiwilligen Helfer da gewesen, wie viel unbeschreiblich Gutes hätten sie leisten können in jener unheilvollen Nacht vom Freitag zum Samstag, als Tausende von Verwundeten vor Qual stöhnten und herzzerreißend um Hilfe riefen?"

Im September 1862 lässt er sein Buch auf eigene Kosten drucken: 1.600 Exemplare. 

Henry reist durch ganz Europa, um sie an führende Persönlichkeiten aus Politik und Militär zu verteilen.

Die Reaktionen sind durchweg positiv. Sein Buch "Erinnerungen an Solferino" muss bald nachgedruckt und in andere Sprachen übersetzt werden. Zusammen mit einem Juristen, zwei Ärzten und einem Armeegeneral gründet Henry 1863 ein Komitee zur Vorbereitung einer internationalen Konferenz, wo er seine Ideen umsetzen will. Sie nennen sich "Internationales Komitee der Hilfsgesellschaften für die Verwundetenpflege".

Der Auftakt zur Gründung eines Hilfswerkes

Auf einer ersten Konferenz treffen im Oktober 1863 36 Personen aufeinander: Delegierte von Regierungen und Vereinen aus dem westlichen Europa. Es kommt zur ersten Resolution.

"Gründung nationaler Hilfsgesellschaften für Kriegsverwundete. Neutralität der Verwundeten. Entsendung freiwilliger Pflegekräfte auf das Schlachtfeld. Einführung eines Schutzzeichens in Form einer weißen Armbinde mit rotem Kreuz …"

Ein Jahr später lädt die Schweizer Regierung alle europäischen Länder, die Vereinigten Staaten von Amerika, Brasilien und Mexiko zu einer diplomatischen Konferenz ein. Dort einigt man sich am 22. August 1864 auf die erste Genfer Konvention „betreffend die Linderung des Loses der im Felddienst verwundeten Militärpersonen“.

"Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz"

"Personen, die nicht direkt an den Feindseligkeiten teilnehmen, einschließlich der Streitkräfte, welche die Waffen gestreckt haben, sollen unter allen Umständen mit Menschlichkeit behandelt werden, ohne jede Benachteiligung aus Gründen der Rasse, der Farbe, der Religion oder aus irgendeinem ähnlichen Grunde."

Verstümmelung und Folterung sollen damit der Vergangenheit angehören, und die Kriegsparteien werden in Zukunft verantwortlich gemacht für den Umgang mit ihren Opfern.

"Die Verwundeten und Kranken sollen geborgen und gepflegt werden. Eine unparteiische humanitäre Organisation, wie das Internationale Komitee vom Roten Kreuz, kann den am Konflikt beteiligten Parteien ihre Dienste anbieten."

"Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz" wacht über die Einhaltung der Genfer Konvention. Es darf zwar keine Sanktionen aussprechen, mahnt die Staaten aber zur selbständigen Bestrafung an und meldet Verstöße ggf. dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag.

Mittlerweile haben 194 Staaten die Konvention unterzeichnet und regionale Rotkreuzgesellschaften aufgebaut. Die Genfer Konvention ist das bisher einzige Abkommen, das weltweite Akzeptanz findet.

Der Ideengeber Henry Dunant wird von Napoleon zum französischen Ehrenlegionär erklärt. Im Jahr 1901 erhält er für seine Lebensleistung den Friedensnobelpreis.