Bücherverbrennung: Gedenktafel in Hamburg
Bücherverbrennung: Gedenktafel in Hamburg
Bücherverbrennung 1933
Bücherverbrennung 1933

10.05.2019 - 06:50

Verbrechen der Nationalsozialisten gegen Kultur und Demokratie 10. Mai 1933: Bücherverbrennung

In zahlreichen deutschen Universitätsstädten karren die Nazis am 10. Mai 1933 Tausende Bücher aus öffentlichen und privaten Bibliotheken zusammen und verbrennen sie auf öffentlichen Plätzen. Darunter Werke von Kästner, Brecht, Tucholsky.

Ein riesiger Scheiterhaufen erhellt die Nacht an diesem 10. Mai 1933 mitten in Berlin. Um das lodernde Feuer herum, hat sich eine große Menschenmenge gebildet. Sie alle wollen das unheimliche Spektakel miterleben. Mit ihren Blicken verfolgen sie, wie ein Buch nach dem anderen in die Flammen geworfen wird.

"Das Vorspiel nur …

… dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen." Die düstere Prognose, die Heinrich Heine im Jahr 1821 in seiner Tragödie "Almansor" formuliert hatte, wurde zur Zeit des NS-Regimes grausame Realität.

Kurz nachdem Adolf Hitler an die Macht gekommen war, begann in Deutschland die Gleichschaltung des öffentlichen Lebens. Zu den frühen Aktionen gehörte unter anderem das Verbot jüdischer, linkspolitischer und philosophischer Literatur.

Studentische Aktion gegen Bücher

Die Berliner Bücherverbrennung ist der Höhepunkt der so genannten "Aktion wider den undeutschen Geist". Einer Maßnahme, die das "Hauptamt für Presse und Propaganda" der Deutschen Studentenschaft ins Leben gerufen hatte.

Anfang April 1933 schickte sie ein Rundschreiben an alle deutschen Studenten, in dem es heißt: "Die Deutsche Studentenschaft plant anlässlich der schamlosen Greuelhetze des Judentums im Ausland eine vierwöchige Gesamtaktion gegen den jüdischen Zersetzungsgeist und für volksbewusstes Denken und Fühlen im deutschen Schrifttum. Die Aktion beginnt am 12. April mit dem öffentlichen Anschlag von 12 Thesen, 'Wider den undeutschen Geist' (…)."

Nur wenige Tage später hingen die Thesen in vielen Universitäten aus. In leuchtend roten Lettern war auf den Plakaten zu lesen: "Wir fordern vom deutschen Studenten den Willen und die Fähigkeit zur Überwindung jüdischen Intellektualismus und der damit verbundenen liberalen Verfallserscheinungen im deutschen Geistesleben."

Allein in Berlin kamen so über 20.000 Bücher zusammen. Am Abend des 10. Mai wurden sie zum Opernplatz getragen. Dort war schon ein großer Scheiterhaufen errichtet worden. Mit dabei: Propagandaminister Joseph Goebbels.

Inszenierte Spontanität

Die Bücherverbrennung wurde wie ein Ritual zelebriert und war bis ins kleinste Detail geplant. Mit einem spontanen Ausbruch des Volkswillens – wie es die Propaganda verbreitete – hatte die ganze Veranstaltung nichts zu tun.

Nach Goebbels Rede entzündeten einige Männer das Feuer. Im Wechsel riefen sie Feuersprüche und warfen dabei die Bücher in die Flammen: "Ich übergebe dem Feuer die Schriften von Heinrich Mann, Ernst Glaeser und Erich Kästner. Gegen Gesinnungslumperei und politischen Verrat!"

"Es war widerlich"

Einer der genannten Autoren schaute sich das Ganze mit eigenen Augen an. Erich Kästner war an diesem Abend zum Opernplatz gekommen. Hilflos und wütend verfolgte er die Szenerie. Später schrieb er darüber:

"Und im Jahre 1933 wurden meine Bücher in Berlin auf dem großen Platz neben der Staatsoper von einem gewissen Herrn Goebbels mit düster-feuerlichem Pomp verbrannt. 24 deutsche Schriftsteller, die symbolisch für immer ausgetilgt werden sollten, rief er triumphierend beim Namen. Ich war der einzige der 24, der persönlich erschienen war, um dieser theatralischen Frechheit beizuwohnen. Ich stand bei der Universität, eingekeilt zwischen Studenten in SA-Uniform, den Blüten der Nation, sah unsere Bücher in die zuckenden Flammen fliegen und hörte die schmalzigen Tiraden des kleinen, abgefeimten Lügners. Begräbniswetter hing über der Stadt. Es war widerlich."

Auftakt zur Vernichtung der unabhängigen Intelligenz

In den folgenden Wochen brannten auch in anderen Universitätsstädten die Bücher. Werke von 127 Autorinnen und Autoren fielen den Flammen zum Opfer, darunter die von Walter Benjamin, Karl Marx und Anna Seghers. Die meisten Schriftsteller durften danach nicht mehr arbeiten und wurden verfolgt. Viele entschieden sich deswegen für das Exil. Andere wurden verhaftet oder starben im KZ.

(DR)