Schriftsteller Martin Walser wird 85 Jahre alt

Widerborstiges Vergnügen

Martin Walser ist einer der bekanntesten und meistgelesenen deutschen Nachkriegsautoren. Mehr als 50 Jahren Romane, Essays, Hörspiele, Reden und Theaterstücke veröffentlichte er. Ob er auf seine alten Tage fromm geworden ist, fragten sich manche Rezensenten anlässlich seiner 2010 erschienenen Novelle "Mein Jenseits".

Autor/in:
Peter W. Kohl
 (DR)

Als Ich-Erzähler lässt Walser dort den Leiter einer psychiatrischen Klinik am Bodensee auftreten, der den Reliquienkult, dem er nachforscht, verteidigt. "Wir glauben mehr als wir wissen", lautet sein Credo. August Feinlein und seine psychiatrische Klinik treten noch einmal in dem Roman "Muttersohn" (2011) in Erscheinung, in dem Walser nach Ansicht einer Kritikerin "vom Glauben als der Sehnsucht nach absolutem Angenommensein auf Erden" erzählt. Am Samstag wird Martin Walser 85 Jahre alt. Und noch immer scheiden sich an ihm die Geister.



Unstrittig ist sein Rang als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller deutscher Sprache. "Halbzeit", 1960 erschienen, markierte wie die im Jahr zuvor veröffentlichte "Blechtrommel" von Günter Grass den ersten Höhepunkt der deutschen Nachkriegsliteratur. Schon im Roman-Erstling "Ehen in Philippsburg" (1957) hat Walser ein Grundmotiv seines frühen Schaffens angeschlagen: der Überlebenskampf des kleinbürgerlichen Angestellten in einer Gesellschaft des ökonomischen Leistungsdrucks.



Um keine Debatte verlegen

Als Sohn einer Gastwirtsfamilie, die Mutter war strenggläubige Katholikin, promovierte er bereits 1952 mit einer Dissertation über Franz Kafka. Beim Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart gehörte er zur sogenannten Genietruppe, die dem Sender ihren Stempel aufdrückte mit Hörspielen und Features auf hohem literarischem Niveau. 1955 wurde Walser mit dem Preis der Gruppe 47 ausgezeichnet. Es sollten noch viele Auszeichnungen folgen, darunter auch die höchsten, die im deutschen Sprachraum zu vergeben sind: der Büchner-Preis (1981) und der Friedenspreis des deutschen Buchhandels.



Mit der Dankesrede bei der Entgegennahme des Friedenspreises sorgte Walser 1998 für eine emotional geführte Auseinandersetzung über den Umgang mit der NS-Vergangenheit. Walser warf den Medien vor in eine "Routine des Beschuldigens" verfallen zu sein. Auschwitz eigne sich nicht dafür, als "Moralkeule" eingesetzt zu werden. Noch heftiger waren die Reaktionen, als Walsers Kurzroman "Tod eines Kritikers" (2002) erschien. Der Großkritiker, der übrigens nur scheinbar stirbt, trägt unverkennbar die Züge von Marcel Reich-Ranicki.



Querelen um das Buch führten zur Trennung vom Suhrkamp-Verlag und zu massiven Behinderungen seiner Lesungen. Aber Walser, der einst als Wahlkampfhelfer von Willi Brandt und zwischenzeitlicher DKP-Sympathisant ein rotes Tuch für die bürgerliche Rechte war, hatte schon in den 1980er-Jahren den Verdacht erregt, die Seiten gewechselt zu haben und ein Deutschnationaler geworden zu sein. Heute mutet sein damaliges Eintreten für die deutsche Einheit schon fast prophetisch an.



Alter, Todesnähe, Fragen des Glaubens

Solche Schubladen sind aber einfach zu klein für einen Autor, der wie kein anderer über Jahrzehnte hinweg deutsche Befindlichkeiten und Empfindlichkeiten registriert und thematisiert hat, im Großen wie im Kleinen. Aber auch abseits solcher politisch motivierter Aufgeregtheiten ist es immer noch und immer wieder ein widerborstiges Vergnügen Walser zu lesen, wenn auch seine nimmermüde Produktivität manchmal zu Lasten der Qualität geht.



Alter, Todesnähe, aber auch die Fragen des Glaubens sind bevorzugte Themen der neuesten Bücher des nimmermüden Schriftstellers, der sich im Roman "Ein liebender Mann" (2008) in den alten Goethe einfühlte. Den ebenfalls betagten Helden seines Romans "Angstblüte" (2006) lässt er sinnieren: "Er hatte gehofft, im Alter nehme eine Art Sterbebereitschaft zu. (...) Man sei am Leben nicht mehr so interessiert. Jetzt erlebt er, dass das nicht stimmt. Er ist dem Tod sicher so nah wie nie zuvor, aber vom Leben kein bisschen weiter weg als vor dreißig Jahren. Leben ist immer noch etwas, von dem man nicht genug kriegen kann."