Oikocredit wirbt in den Industrieländern Geld ein und investiert es in nachhaltige Projekte der Armutsbekämpfung in Schwellenländern und der "Dritten Welt". Die Anleger, Privatpersonen, Kirchen und andere Institutionen, erhalten eine bescheidene, aber stabile Rendite. Als einer der weltweit führenden nicht-staatlichen Entwicklungsfinanziers will Oikocredit auch 37 Jahre nach der Gründung expandieren - aber immer schön langsam, lautet die Devise.
Auf mittlerweile 472 Millionen Euro beläuft sich die Kreditsumme, die die Genossenschaft an Partner in mehr als 70 Ländern vergibt: an kleine Unternehmen, vor allem aber an Finanzdienstleister, die ihrerseits mit Kleindarlehen von wenigen Euro Armen den Aufbau einer eigenen Existenz ermöglichen. Durch Berichte über sich häufende Suizide überschuldeter Kreditnehmer in Indien geriet der Mikrofinanzsektor zuletzt in Verruf, dabei kam auch Oikocredit nicht ganz ungeschoren davon.
"Mikrokredite sind ein Instrument, das man gut oder auch schlecht gebrauchen kann", sagt das ehrenamtliche Vorstandsmitglied von Oikocredit international, Martina Straub. Das bedeutet, es kommt entscheidend auf die Auswahl der Partner an. Wächst einer zu schnell und orientiert sich nur noch am Profit, kann das auch zur Trennung führen. So lässt Oikocredit gerade die Kooperation mit "Share" in Indien nach 15 Jahren auslaufen. "Die haben sich zu sehr kommerzialisiert", erläutert Grohs.
Oikocredit legt großen Wert auf soziale Verantwortung. Auch deshalb ist die Rendite mit maximal 2 Prozent überschaubar. Andererseits hat noch kein Anleger bei der Genossenschaft Geld verloren. Die größte Erschütterung führte während der Asienkrise Ende der 1990er Jahre lediglich dazu, dass die Ausschüttung auf 1 Prozent zurückgefahren wurde. Über ihre mit Hauptamtlichen besetzten Büros in 36 Ländern stößt Oikocredit in Regionen vor, wo es keine nichtkommerziellen Geldverleiher gibt - nach Sibirien etwa oder in unzugängliche Bergregionen in Bulgarien. "Wir sehen uns schon als Pionier", sagt Straub.
Förderung landwirtschaftlicher Kooperativen
Außer Mikrokrediten will Oikocredit in den nächsten Jahren verstärkt landwirtschaftliche Kooperativen fördern, zum Beispiel Zuckerrohrbauern, die ihre Ernte selbst veredeln. Der faire Handel soll vorangebracht und das Engagement in Afrika auf mehr Länder ausgeweitet werden.
Eine neue Investorengruppe spricht Oikocredit in Deutschland seit einem guten halben Jahr an. In Zusammenarbeit mit der GLS Bank wurde ein Sparkonto aufgelegt, bei dem das Guthaben mit einem Prozent verzinst wird. Dafür muss der Kunde nicht Mitglied in der Genossenschaft werden. Knapp drei Millionen Euro flossen Oikocredit auf diese Weise zu. Eine solche Kooperation mit einer alternativen Bank könnte auch für andere Länder ein Modell sein, sagt Grohs. In Deutschland soll es aber nicht auf andere Geldinstitute ausgeweitet werden.
Freuen würde sich Oikocredit über mehr institutionelle Anleger, gerade auch aus dem Raum der Kirchen, aus dem heraus die Genossenschaft 1975 entstand. 2011 vertraute erstmals eine kirchliche Pensionskasse, nämlich die der deutschen Methodisten, Oikocredit ihre Rücklagen an. Zu große Zuflüsse auf einmal würden jedoch die Organisation überfordern. Deshalb gilt auch hier: ein Schritt nach dem anderen.
Oikocredit-Genossen sind treu. Oft endet ihre Beteiligung erst mit dem Tod oder wenn eine große Anschaffung ansteht, etwa ein Hausbau. In Deutschland, aber auch in Österreich und der Schweiz verzeichnete Oikocredit 2011 erstmals einen verstärkten Mittelabfluss, weil Mitglieder Immobilien kaufen wollten - offenbar nicht nur für den Eigenbedarf, sondern auch aus Angst vor Inflation.
Die Entwicklungsgenossenschaft Oikocredit will weiter wachsen
"Wir sehen uns schon als Pionier"
Die ökumenische Entwicklungsgenossenschaft Oikocredit ist auch 2011 in Deutschland überdurchschnittlich gewachsen. 27,6 Millionen Euro zusätzliches Kapital wurden eingesammelt, wie der Geschäftsführer von Oikocredit Deutschland, Florian Grohs, am Sonntag am Rande eines internationalen Treffens seiner Organisation in Freising mitteilte. Das bedeutet ein Plus von 11 Prozent. Weltweit wuchs die Anlagesumme dagegen nur um 8 Prozent.
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