Übergetretene Anglikaner sind auch eine grundsätzliche Anfrage

Neupriester mit 68

Drei ehemalige anglikanische Bischöfe, die an Neujahr in der Kathedrale von Westminster in die katholische Kirche aufgenommen wurden, erhalten ihre Priesterweihe. Einer von ihnen, der frühere Bischof von Fulham, John Broadhurst, übernimmt womöglich die Leitung des weltweit ersten katholischen "Personalordinariates" für übertrittswillige Anglikaner.

 (DR)

Verzwickt - das ist es wohl. Das Ordinariat soll Anglikanern, die katholisch werden, aber nicht ganz auf ihre anglikanischen Traditionen verzichten wollen, eine neue kirchliche Heimat bieten. Ein Mischwesen, einer katholischen Diözese gleichgestellt und doch mit einer anderen liturgischen Tradition. Ein ökumenischer Stolperstein, sieht man darin eine Aufforderung zum Seitenwechsel. Und auch eine Büchse, die geöffnet wird.

Denn die zur Konversion bereiten Priester werden, zumindest zum Teil, verheiratet sein. Die drei Bischöfe, die ihnen vorangehen, sind es bereits; sie werden deshalb nie katholische Bischöfe werden können, sondern einfache Priester bleiben. Das Kirchenrecht schreibt vor, dass nur zölibatär Lebende zum Bischofsamt zugelassen sind. Für die Verheirateten gilt: Sie dürfen verheiratet bleiben - wie es ja auch für die mit Rom unierten Ostkirchen gilt.

Ein mögliches Schlupfloch also für bislang verhinderte Priesterkandidaten, die nicht auf ein Familienleben verzichten wollen? Anglokatholisch werden, heiraten und sozusagen beides haben, Amt und Frau? Dem schiebt das päpstliche Gründungsdekret "Anglicanorum coetibus" vom November 2009 einen Riegel vor: Bislang unverheiratete Kandidaten müssen das volle Zölibatsversprechen leisten - allerdings lediglich "in der Regel", wie es in Absatz 6 § 2 heißt. Ehemals römisch-katholische Geistliche, die später zu den Anglikanern übergetreten sind, dürfen im Ordinariat nicht als Kleriker fungieren.

Mit einigem Recht könnte man von den künftigen Mitgliedern des britischen Personalordinariates - dem weitere in anderen Ländern folgen werden - als "mit Rom unierte Anglikaner" sprechen: in Analogie zu den zahlreichen Unionen, die es seit dem 15. Jahrhundert im Bereich der Ostkirchen gegeben hat. Diese gingen freilich meist mit kirchenpolitischen Konflikten einher. Genau diese ökumenische Klippe versuchen Rom und der katholische Erzbischof von Westminster seit 2009 zu umschiffen - auch indem sie den anglikanischen Primas Rowan Williams von Canterbury für seinen verständigen und gemäßigten Kurs loben.

Neben den theologischen gibt es aber auch ganz handfeste Probleme zu stemmen, die die Betroffenen umtreiben. Mit einem Übertritt verlieren ehemalige anglikanische Geistliche automatisch ihre Versorgungs- und Pensionsansprüche wie Gehalt oder Wohnrecht im Pfarrhaus. Weil anglikanische Immobilien nicht mitkonvertieren, könnten ganze Pfarrgemeinden plötzlich ohne Kirche dastehen.

Zwar haben die katholischen Bischöfe schon rund 300.000 Euro Anschubhilfe bereitgestellt. Doch allein die Gehaltskosten dürften diese Summe bald aufzehren. Außerdem werden die drei früheren Bischöfe als katholische Priester schon bald ihren Ruhestand antreten.

Broadhurst ist 68, Andrew Burnham, bislang Bischof von Ebbsfleet, ist 62, und Keith Newton aus Richborough, ebenfalls hoch gehandelter Kandidat für die Leitung des Ordinariates, 58 Jahre alt. Sein emeritierter Amtsvorgänger Edwin Barnes (75) und der pensionierte Weihbischof in Exeter David Silk haben ebenfalls ihren Übertritt angekündigt. Jüngere Kandidaten, warnt Broadhurst, könnten freilich schon durch materielle Nöte von diesem Schritt abgehalten werden.

Was sie theologisch drängt, ist der als zu liberal empfundene Kurs der anglikanischen Führung, etwa mit Blick auf Frauenpriester und den Umgang mit Homosexualität. Bereits in den 90er Jahren gab es eine Welle von Übertritten. Damals verließen Hunderte Geistliche und Laien die Kirche von England. Die Presse rechnet nun mit insgesamt rund 500 Konvertiten aus landesweit etwa 25 Gruppen. Auf Gottes Wiese blühen viele Blumen - aus römischer Sicht ist es ab Samstag eine mehr.

Autor/in:
Alexander Brüggemann