Der CDU-Politiker lobt Angela Merkels Profil und warnt vor der Neugründung einer konservativen Partei. Vor allem mahnt er, konservatives Denken müsse zwar innerhalb der Union eine Stimme haben, gehöre aber gezähmt durch christliches, soziales und liberales Denken. Sonst liefen Konservative Gefahr, "sich in reaktionärer Beharrung einzugraben."
Roland Koch zeichnet ein so differenziertes und teilweise selbstkritisches Bild des Konservativen, dass manche, die sich jetzt eine Verlängerung der Sarrazin-Debatte mit anderen Mitteln gewünscht haben, wohl enttäuscht werden. Vielmehr stellt sich der Autor als abwägender Vordenker vor. Er will die intellektuelle Lücke auf der rechten Seite des politischen Spektrums gleichsam diagnostizieren und füllen. Kochs Buch mit dem recht allgemeingültigen Untertitel "Ohne Werte und Prinzipien ist kein Staat zu machen" ist so gesehen der "Anti-Sarrazin".
Konservative, so beschreibt es Koch, seien Suchende zwischen der "Bestimmtheit der Werte und der Unbestimmtheit des Weltenlaufs." Er plädiert für die Achtung eines "konservative Kerns", den jede Gesellschaft brauche. "Der Stolz auf die gewachsenen Prinzipien einer langen und oft leidvollen Kulturgeschichte unserer Völker und Nationen prägt jede friedliche Ordnung, die uns vor unmenschlichen Folgen einer wie auch immer gearteten Anarchie schützt." Und er wiederholt am Schluss des Buches sein Credo: "Da ist der Platz des Konservativen, der immer ein Reformer bleiben muss." In neun Kapiteln buchstabiert Koch seine Variante des Konservativismus für die verschiedenen politischen Themen des Tagesgeschäfts aus. Familie, Bildung, Wirtschaft, Umwelt und Patriotismus gehören dazu.
Ein eigenes Kapitel widmet der Autor der "Rolle der Religion". Er beklagt einen Rückzug des Religiösen aus dem "kollektiven Bewusstsein unserer Gesellschaft". Als Grund macht er eine Tabuisierung in der Öffentlichkeit aus und wünscht sich mehr Bekenntnis zu Glauben und Tradition. "Im politischen Diskurs tun wir manchmal so, als seien die Werte und das Miteinander der Menschen in unserem Land etwas völlig selbstverständliches und hätten keinerlei Ursprung in der christlichen Botschaft und Lehre." Es gebe eine berechtigte Nähe von einem konservativen und einem religiösen Bewusstsein und Bekenntnis, so Koch weiter. Er spricht dabei persönlich auch von der der "befreienden Kraft des Glaubens".
Doch Koch hält das christliche Abendland hoch, um gleich wieder ein bestimmtes Klischee zu zerstören. Im Zusammenleben mit den Muslimen in Deutschland fordert er Religionsfreiheit ein. Ressentiments scheinen bei ihm nicht durch. "Auch als christlich geprägte Gesellschaft haben wir ein großes Interesse an der aktiven Religionsausübung der Muslime in unserem Land." Er fordert aber die Anerkennung der "grundlegenden Werte unseres Gemeinwesens" und "Rücksicht" und "Angemessenheit" beim Bau von Großmoscheen. Kritisch geht er mit den türkischen Verbänden um. Es müsse ein islamischer Religionsunterricht entwickelt werden, "nicht akzeptabel" sei aber, wenn ein türkisches Ministerium über seine Organisationen in Deutschland dabei mitreden wolle.
CDU-Politiker Roland Koch gibt den «Anti-Sarrazin»
Konservativ, christlich, sozial
Roland Koch spricht an einer Stelle nicht ganz unbescheiden selbst von einem «Manifest». Doch sein Buch mit dem schlichten Titel «Konservativ», das am Montag von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin vorgestellt wurde, ist mehr als eine Kampfschrift. Die erwarteten Reflexe bedient der frühere hessische Ministerpräsident nicht.
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