Polen verehrt seinen "Jan Pawel"

Wie ein Heiliger

Auch seine rotbraunen Slipper werden ausgestellt. Gemeinsam mit seiner weißen Soutane, dem Scheitelkäppchen und der goldbestickten Stola sind sie seit dem Wochenende in einer Glasvitrine in Warschau zu besichtigen. Papst Johannes Paul II. (1978-2005) genießt in seiner Heimat Polen Kultstatus. Der 30. Jahrestag seiner Wahl am 16. Oktober 1978 bringt nun einen neuen Hype um seine Person - den auch viele Katholiken kritisch sehen.

Autor/in:
Oliver Hinz
 (DR)

Die Lehrerin Anna Sip meint etwa, die Kirche errichte in Krakau ein allzu gigantisches Johannes-Paul-II.-Zentrum. «Ich glaube, der polnische Papst wäre selbst nicht dafür, dass 200 Millionen Zloty (etwa 56 Millionen Euro) für so ein Großprojekt ausgegeben werden. Er war doch immer bescheiden», so die 35-Jährige. Zum Baubeginn für die Anlage, die an den Vatikan erinnert, gab es am Samstag einen Festakt. Geplant sind unter anderem ein Museum, eine Kapelle, ein Konferenzzentrum, eine Bibliothek und zwei Hotels. Allein das Hauptgebäude, das Johannes-Paul-II.-Haus, soll 13.000 Quadratmeter haben.

Offenen Protest am Bau der weltweit größten Erinnerungsstätte für den Wojtyla-Papst gibt es nicht. Schließlich sind fast alle Polen stolz auf ihren Landsmann. Die Medien nennen ihn meist «den polnischen Papst». Während selbst der Gründer der Gewerkschaft Solidarnosc und Revolutionsheld Lech Walesa heute vielfach angefeindet wird, gilt Johannes Paul II. als einzige unumstrittene moralische Autorität, nicht selten verehrt wie ein Heiliger. Die Bischöfe zitieren ihn auch heute noch ungefähr so oft wie den amtierenden Papst Benedikt XVI.

Seine Lehre nicht vergessen
Bei aller Verehrung für Johannes Paul II. bleibt die Frage, wie viele Menschen auf seine Worte hören. Es sei ein echtes Problem, dass der vor dreieinhalb Jahren verstorbene Papst mancherorts zur Ikone verkomme und seine Lehre vergessen werde, meint der Leiter des Warschauer «Zentrums der Gedanken von Johannes Paul II.», Piotr Dardzinski. Beim «Wettbewerb zwischen dem Bau von Papstdenkmälern und der Beschäftigung mit seiner Lehre» habe es im vergangenen Jahr noch einen «Punktsieg für die Monumente» gegeben, so der Politologe: Dieses Jahr lägen dagegen «die Inhalte vorn».

Für Dardzinski und sein städtisches Institut hat ohnehin das geistige Erbe Johannes Paul II. Priorität - obwohl es die gerade eröffnete Ausstellung mit den Papstschuhen verantwortet. Bei der Vermittlung seiner Lehre setzt das Institut etwa auf eine Schnitzeljagd für Jugendliche am kommenden Samstag. «Eine Aufgabe dabei lautet: Gehe dahin, wo sich Johannes Paul der Große mit Vertretern der evangelischen Kirche getroffen hat», berichtet Dardzinski. «Dort muss man dann erklären, was Ökumene bedeutet.»

250 Papst-Denkmäler
Die Zahl der Papstdenkmäler steigt indes weiter; rund 250 gibt es laut Schätzungen allein in Polen. Am Sonntag kamen eines vor der Krakauer Wawel-Kathedrale, in der Karol Wojtyla 1958 zum Bischof geweiht wurde, und eines in der Pilgerstadt Czestochowa
(Tschenstochau) hinzu. Gustaw Zemla stellt die Statuen fast schon in Serie her. Ein halbes Dutzend waren es schon. Und damit ist noch nicht Schluss. Ein neun Meter hohes Kreuz aus weißem Granit soll ab Juni 2009 auf dem Warschauer Pilsudski-Platz an Johannes Paul II. und seine dort vor dann genau 30 Jahren gehaltene berühmte Rede erinnern, in der er zur Erneuerung Polens aufrief.

Kirchenexperten werten die ungebrochene Verehrung als wichtiges Indiz im laufenden Seligsprechungsprozess. Ginge es nach der Mehrheit der Polen, so ist diese längst überfällig, obwohl sie das Kirchenrecht frühestens fünf Jahre nach dem Tod erlaubt. Das sprach auch Staatspräsident Lech Kaczynski am Sonntagabend bei der Einweihung des Krakauer Denkmals aus: «Alle Polen», so sagte er, «erwarten die Seligsprechung.

Am Donnerstagnachmittag um 17.00 Uhr, genau 30 Jahre nach der Bekanntgabe seiner Wahl auf dem Petersplatz, werden wieder mindestens acht Glöckner die zehn Tonnen schwere Sigismundglocke der Wawel-Kathedrale per Hand läuten. Sämtliche Kirchen der Erzdiözese erinnern dann zeitgleich mit Glockengeläut an das historische Ereignis. Vor 30 Jahren sprach es sich in Windeseile herum, obwohl das Staatsfernsehen im tiefsten Kommunismus erst am späten Abend berichtete. So manchem ging damals wohl durch den Kopf: Die Welt hat uns doch nicht vergessen.