Israelische Jugendliche auf Urlaub vom Terror am Gazastreifen

Eine Welt ohne Raketen sehen

Fröhlich sitzen die Jugendlichen im Gemeindesaal der Kölner Synagoge, unterhalten sich und warten auf ihr Mittagessen. Es sind 25 Mädchen und Jungen aus der israelischen Kleinstadt Sderot. Bis vor ein paar Tagen waren sie noch unmittelbar dem Krieg und Terror des Gazastreifens ausgesetzt. Nun urlauben sie in Deutschland, um zwei Wochen der Ruhe und Entspannung in friedlicher Atmosphäre zu verbringen.

Autor/in:
Barbara Schmickler
 (DR)

«Ich bin glücklich, eine Welt ohne Raketen zu sehen», erzählt die 14-jährige Raya. Zum ersten Mal in ihrem Leben ist sie außerhalb ihres Heimatlandes. Von Deutschland ist sie jetzt schon begeistert.

Die jungen Israelis, die am Dienstag Station in Köln machten, sind zwischen elf und fünfzehn Jahre alt. Begleitet werden sie von drei Lehrern. Finanziell unterstützt wird ihre Reise von der ARD-Fernsehlotterie und der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST). Bereits zum zweiten Mal kommt auf diese Weise eine Gruppe junger Menschen aus Israel nach Deutschland. «Den Jugendlichen, die uns vor zwei Jahren besucht haben, hat es im Kölner Schokoladenmuseum so gut gefallen, dass wir auch dieses Mal wieder einen Besuch in Köln eingeplant haben», erklärt Abraham Lehrer vom Vorstand der Kölner Synagogen-Gemeinde und ZWST-Vorsitzender.

Untergebracht sind die Jugendlichen zusammen mit deutschen Teilnehmern an Feriencamps in Bad Sobernheim bei Frankfurt. Von dort aus werden verschiedene Orte in Deutschland angefahren: «Besonders gut gefallen hat mir der Europapark Rust», sagt die 13-jährigen Liad. Beeindruckt sei sie auch vom ältesten jüdischen Friedhof Europas in Worms gewesen. «Deutschland ist eine andere Welt», sagt Liad. Heimweh ist kein Problem für sie. Mit den meisten aus der Gruppe ist sie auch zu Hause befreundet - das hilft.

«Die Zusammenstellung der Gruppe wurde von Israel aus vorgenommen», berichtet Abraham Lehrer. Die Jugendlichen kämen teils aus besonders vom Terror betroffenen Familien, teils aus sozialen Brennpunkten. Einige seien sehr religiös, andere weniger. Ihre Heimatstadt Sderot liege «in Sichtweite» des Gazastreifens und eben auch in Reichweite der Raketen der Hamas. In den letzten Jahren sind laut Lehrer rund 7.000 Raketen auf die Stadt abgeschossen worden. Besonders Schulen und Kindergärten seien betroffen gewesen.

Ganz anders als der Tagesablauf eines deutschen Teenagers sieht das Leben der jungen Raya aus: «Morgens stehe ich auf und gehe in die Schule. Wenn ein Warnlicht in der Klasse auf Rot springt, müssen wir in den Bunker», sagt die 14-Jährige und fährt fort: «Wenn es grün wird, dürfen wir wieder nach oben in die Klasse und lernen weiter.» Bei diesen Worten schießen der Dolmetscherin, die zuvor das Mittagessen für die Gruppe vorbereitet hatte, Tränen in die Augen. Weiter erzählt Raya, dass sie sich an guten Tagen am Nachmittag mit Freundinnen treffe. «Wenn Alarm ist, müssen aber alle zu Hause bleiben.» Nach der Schule werde sie zum Militär gehen. Danach wolle sie einen «guten Beruf» erlernen. Vor allem aber wünsche sie sich
eines: «Ruhe und Frieden für Israel.»

«Den Jugendlichen die Möglichkeit zum Abschalten zu geben, ist das Ziel der Reise», so der ZWST-Chef. Momentan sei die Situation in Sderots Umgebung relativ ruhig. Doch würden die Wohnung weiterhin mit dicken Schutzwänden ausgestattet. Denn alle rechneten mit weiteren Raketenangriffen.

Das alles sollen die Kinder für einige Tage in Deutschland vergessen. Die Hälfte des Urlaubs ist bereits vorbei. Raya hat schon Parfums und Kosmetik für ihre Familie gekauft: «Und Spielzeug für meinen kleinen Bruder», sagt sie strahlend. Doch zuallererst möchte sie zu Hause von der Ruhe in Deutschland erzählen: «Das ist das Wichtigste, was in Israel fehlt.»