Im Auftrag einer Beratungsfirma war die Kommunikationswissenschaftlerin mit vier Psychologen vier Tage lang durch Sichuan gereist. In der Provinz Sichuan starben vor vier Wochen Zehntausende Menschen durch ein schweres Erdbeben, Hunderttausende wurden obdachlos.
Besonders für Kinder im Erdbebengebiet sollen nun spezielle Angebote zur psychologische Hilfe entwickelt werden. Im Auftrag des Erziehungsministeriums verfassten Kinderpsychologen Ratgeber, die an Schulen verschickt werden. Hotlines werden eingerichtet.
Der chinesische Frauenverband veröffentlichte eine Liste mit Tabu-Sätzen bei der Begegnung mit Überlebenden. Aussprüche wie etwa "Du hast wirklich Glück gehabt", "Sei tapfer" und "Wir lieben Dich alle" sollten in jedem Fall unterbleiben.
Die wahren Bedürfnisse der Überlebenden zu erfassen, ist für das Team aus Shanghai von zentraler Bedeutung. Durch die Stippvisite in den Orten Dujiangyan und Hanwang wollten sie die Bedingungen für ein langfristig angelegtes Hilfsprogramm erkunden. Initiiert hatte es die Firma Shanghai Sunnybund, nachdem viele Journalisten über den großen Bedarf an psychologischer Betreuung berichteten.
"Ihre größte Angst war es, schon verrückt zu sein"
"Viele Menschen kamen sofort auf unser Team zu", sagt Wang. "Ihre größte Angst war es, schon verrückt zu sein." Denn die meisten hatten seit Tagen nicht geschlafen und waren am Ende ihrer Kräfte. Die Psychologen beruhigten die Menschen, brachten ihnen Techniken bei, sich zu entspannen. Die halfen auch Wang nach ihrer Rückkehr. "Meine Meinung über Psychologie habe ich gründlich geändert", bekennt sie.
Bis in die 1990er Jahre war Psychologie in der kommunistisch regierten Volksrepublik eine Wissenschaft zweiter Klasse. Während der Kulturrevolution (1966-1976) nannte Mao Tse-tung sie eine bourgeoise Pseudowissenschaft, die falsche Vorstellungen von Individualismus verbreite. Psychologische Einrichtungen wurden geschlossen, Ärzte zur Umerziehung aufs Land geschickt.
Chinesen wollen mehr Ratschläge
Seit 2002 misst China der Psychologie wieder mehr Bedeutung zu. Im ganzen Land entstanden psychologische Institute, aktuell über 100. Dennoch hatte China Ende 2006 nur 19.000 ausgebildete Fachkräfte. Die beruflichen Perspektiven für Psychologen waren bis vor zehn Jahren noch denkbar schlecht.
Trotzdem schloss Ye Bin 1993 sein Psychologiestudium in Shanghai ab, wo er heute ein Beratungszentrum leitet. "Ich interessierte mich für Menschen und verschlang in der Oberstufe psychologische Fachbücher aus dem Westen in Übersetzung", sagt der 39-Jährige. In seinen Behandlungen passt der Professor westliche Techniken der chinesischen Kultur an, ersetzt christliche Werte durch buddhistische.
Chinesen wollen mehr Ratschläge, das westliche Prinzip der autonomen Entscheidung muss abgeschwächt werden. "In der chinesische Gesellschaft ist Psychologie immer noch mit Scham und Tabus behaftet", sagt Ye. "Aber durch ihre Rolle bei der Bewältigung des Erdbebens ändert sich dies vielleicht."
China misst Psychologen erstmals eine Rolle bei der Bewältigung einer Katastrophe zu
Die Angst, verrückt zu sein
Wendy Wangs Stimme überschlägt sich, als sie von ihren Eindrücken aus der Erdbebenregion berichtet. "Trotz Vorbereitung waren meine Erwartungen völlig falsch." Erstmals in der Geschichte der Volksrepublik weist die chinesische Führung Psychologen eine wichtige Rolle bei der Bewältigung einer Krise zu.
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