DOMRADIO.DE: Die Piusbruderschaft spricht von einem Dialogangebot an Rom. Erkennen Sie in der veröffentlichten Glaubenserklärung eine neue Offenheit gegenüber dem Vatikan?
Prof. Dr. Jan-Heiner Tück (Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien): Eher nicht. Für mich ist das vor allem eine erneute Positionsbestimmung, keine wirkliche dialogische Öffnung. Die strittigen Punkte, über die seit rund fünfzig Jahren diskutiert wird, werden noch einmal bekräftigt, ohne dass erkennbar wäre, wo neuer Gesprächsspielraum entstehen könnte.
DOMRADIO.DE: Dabei betont die Erklärung doch ausdrücklich die Treue zur katholischen Tradition und auch zum Papsttum. Gleichzeitig hält die Bruderschaft aber an den geplanten Bischofsweihen fest. Passt das zusammen?
Tück: Das wirkt tatsächlich widersprüchlich. Einerseits wird unterstrichen, dass der Papst "der alleinige Inhaber der kirchlichen Autorität ist", andererseits unterläuft und beschädigt man sie, wenn ohne apostolisches Mandat neue Bischöfe geweiht werden sollen. Damit autorisiert sich die Gemeinschaft letztlich selbst.
Zugleich zeigt sich erneut ein grundlegendes Problem im Traditionsverständnis der Piusbruderschaft. Mit Benedikt XVI. gesprochen könnte man sagen: Sie friert den Traditionsbegriff auf die Zeit der Pontifikate von Pius IX. bis Pius XII. ein und verweigert so die Fortschreibung der Tradition durch das Zweite Vatikanische Konzil und die Nachkonzilspäpste.
DOMRADIO.DE: Die Piusbruderschaft wirft dem Konzil Verrat an der Tradition vor, oder?
Tück: Ja, die Piusbrüder werfen dem Konzil eine Protestantisierung und Relativierung der Tradition vor. Der erste aber, der gesagt hat, Konzile können irren, war paradoxerweise Luther, den Lefebvre noch als abscheulichen Häresiarchen bezeichnet hat, und nun verweigern sie selbst das Konzil.
Natürlich könnte Rom zugestehen, dass es nach dem Konzil vereinzelt Deutungen gab, die über die eigentlichen Konzilstexte hinausgingen. Aber darüber lässt sich kaum sprechen, wenn die Bruderschaft erklärt, schon das Konzil selbst und seine Dokumente seien das Problem. Das zeigt sich an den inhaltlichen Markierungen, die die Glaubenserklärung vornimmt.
DOMRADIO.DE: Das zeigt sich ja besonders bei zentralen Themen wie Religionsfreiheit oder dem Verhältnis zum Judentum. Gibt es dort irgendeine Bewegung?
Tück: Nein, kaum. Zwar wird zunächst die gemeinsame Christologie betont – das ist selbstverständlich ein Konsenspunkt. Gleichzeitig heißt es aber, der Bund Gottes mit Israel sei aufgekündigt worden. Das steht im klaren Gegensatz zu "Nostra aetate", wo die katholische Kirche ein neues Verhältnis zum Judentum formuliert hat und jede Form des Antijudaismus zurückweist.
In anderen Dokumenten der Piusbruderschaft lassen sich bis heute antijüdische Stereotype erkennen.
Ein weiterer zentraler Punkt ist das Kirchenverständnis. Die Bruderschaft beruft sich auf das Axiom "Außerhalb der Kirche kein Heil", interpretiert es aber exklusivistisch. Nichtkatholiken wird der Verlust des Heils angedroht. Entsprechend werden alle Nichtkatholiken und Nichtchristen aufgefordert, "in den Schoß der wahren Kirche" zurückzukehren.
Das Zweite Vatikanische Konzil hat dagegen ein inklusiveres Verständnis von Kirche entwickelt. Die katholische Kirche sieht sich weiterhin als Trägerin der Kirche Christi, erkennt aber zugleich in anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften vielfältige und zu würdigende Elemente des Wahren, Guten und Heiligen an. Genau diese Öffnung lehnt die Piusbruderschaft bis heute hartnäckig ab.
DOMRADIO.DE: Konkret steht die Bruderschaft jetzt unter Druck, weil sie nur noch zwei – zudem hochbetagte – Bischöfe hat. Sie argumentiert deshalb mit einer Art kirchlichem Notstand, um neue Bischofsweihen zu rechtfertigen. Wie tragfähig ist dieses Argument theologischen gesehen?
Tück: Man muss zunächst sehen, dass die Piusbruderschaft seit den 1970er-Jahren deutlich gewachsen ist. Sie zählt heute über 730 Priester sowie mehrere hundert Brüder und Schwestern in ihren Reihen – aber eben nur noch zwei Bischöfe. Wenn das sakramentale Leben fortgeführt werden soll, braucht sie tatsächlich neue Bischöfe.
Nach der überraschenden Ankündigung, Anfang Februar erneut Bischöfe weihen zu wollen, gab es deshalb umgehend Gespräche mit Kardinal Fernández, dem Präfekten des Glaubensdikasteriums. Er stellte drei Bedingungen: keine neuen Bischofsweihen, die Anerkennung der Konzilstexte und die Bereitschaft, über unterschiedliche Grade der Zustimmung zu einzelnen Dokumenten zu sprechen.
Der Generalrat der Piusbruderschaft hat dieses Angebot jedoch umgehend zurückgewiesen. Stattdessen weist er darauf hin, dass die Kirche neuerdings für irreguläre und komplexe Situationen eine geschmeidige Pastoral der Barmherzigkeit empfiehlt. Genau eine solche Situation reklamiert der Generalrat jetzt für die Piusbruderschaft und bittet um einen Weg der Nächstenliebe – also die päpstliche Genehmigung der Weihen, ohne zuvor die theologischen Differenzen geklärt zu haben. Das halte ich für eine fast schon freche Strategie.
DOMRADIO.DE: Die Bruderschaft beklagt zugleich die kirchenrechtlichen Sanktionen gegen sie. Sie argumentiert, diese Maßnahmen würden eher vom Glauben entfremden als zur Einheit beitragen. Wie bewerten Sie das?
Tück: Diese Darstellung greift zu kurz. Vor jeder Sanktion standen intensive Gesprächsbemühungen. Schon Paul VI. schrieb dem Gründer der Bruderschaft, Erzbischof Marcel Lefebvre, persönliche Briefe und bat ihn eindringlich, in der Einheit der Kirche zu bleiben. Trotzdem weihte Lefebvre 1976 eigenmächtig Priester und zog sich damit die Sanktion der Suspendierung zu.
Die nächste große Eskalation folgte 1988. Damals hatte Kardinal Ratzinger mit Lefebvre bereits ein Einigungsprotokoll ausgearbeitet, das Lefebvre zunächst unterschrieb. Kurz darauf widerrief er jedoch und nahm trotzdem die unerlaubten Bischofsweihen vor. Dadurch zog er sich automatisch die Exkommunikation zu; Johannes Paul II. stellte daraufhin umgehend einen "schismatischen Akt" fest.
2009 hob Benedikt XVI. die Exkommunikation der vier illegitim geweihten Bischöfe wieder auf, nachdem diese dem Papst formell Gehorsam zugesichert hatten. Diese Geste des Entgegenkommens erwies sich allerdings als schwierig, unter anderem weil einer der Bischöfe ein notorischer Holocaustleugner war.
Papst Franziskus wiederum kam der Bruderschaft entgegen und erteilte ihren Priestern 2015, im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit, die reguläre Beichtvollmacht. Deshalb kann man wirklich nicht sagen, Rom habe ausschließlich mit kirchenrechtlichen Sanktionen reagiert. Vielmehr hat der Vatikan über Jahrzehnte versucht, die Traditionalisten wieder stärker in die kirchliche Einheit einzubinden.
DOMRADIO.DE: Im Juli könnten nun erneut unerlaubte Bischofsweihen stattfinden. Was würden Sie dem Vatikan raten: konsequenter reagieren oder weiter auf Gesprächskanäle setzen?
Tück: Ich halte es für richtig, dass Kardinal Fernández soeben in einer vatikanischen Note noch einmal klargestellt hat: Bischofsweihen ohne päpstliches Mandat stellen einen schweren Verstoß gegen die Einheit der Kirche dar. Sie führen automatisch zur Exkommunikation der Beteiligten und sind ein schismatischer Akt.
Gleichzeitig bleibt die Einladung bestehen, über die theologischen Differenzen – insbesondere im Blick auf das Zweite Vatikanische Konzil – weiter zu sprechen. Nach der jetzt veröffentlichten Glaubenserklärung sehe ich allerdings wenig Anlass zu Optimismus. Die Positionen stehen derzeit in einem fundamentalen Gegensatz zueinander, und ich erkenne kaum, wie sich dieser Konflikt kommunikativ verflüssigen ließe.
Das Interview führte Mathias Peter.
Redaktion: Jan Hendrik Stens.