DOMRADIO.DE: Was für ein Projekt ist "Scoring Girls"?
Lea Weber (Managerin Projekte & Public Relations, SCORING GIRLS* & HÁWAR.help e.V.): Scoring Girls ist ein Projekt, das sich an Mädchen unabhängig von ihrer Herkunft, Religion oder dem sozioökonomischen Status ihrer Familie richtet. Es ist ein niedrigschwelliges Angebot, das allen offensteht, die Bock haben, Fußball zu spielen. Aber auch allen, die Lust haben, sich zugehörig zu fühlen oder nach einem Team suchen.
Wir bieten in Köln an vier Standorten kostenlose Fußballtrainings an: in Chorweiler, Grengel/Hoven, Mülheim und Junkersdorf. Wir haben aber auch Standorte in München, Berlin und im Irak.
An jedem dieser Standorte trainieren wir einmal pro Woche. Die Mädchen können einfach zu uns kommen. Darüber hinaus bieten wir pädagogische Betreuung an. Das heißt, wir versuchen, uns nach den Bedarfen der Mädchen zu richten, zum Beispiel bei Herausforderungen in der Schule oder mit ihrem Aufenthaltsstatus. Wir unterstützen aber auch, wenn es um den Übergang in die Berufswelt geht, beispielsweise bei der Praktikums- oder Ausbildungssuche.
Das Projekt soll ein Ort sein, an dem sich die Mädchen frei fühlen können, an dem sie sich sicher fühlen können und vor allem, an dem sie sich zugehörig fühlen können. Bei uns sind viele Mädchen, die aus marginalisierten Communities kommen. Das heißt, sie erleben oft in ihrem Alltag Herausforderungen, Barrieren und Hürden. Wir möchten einen Ort schaffen, der so wenige Barrieren wie möglich für sie bietet und gleichzeitig ein Ort sein, an dem sie Unterstützung für all die Barrieren erhalten, die sie in ihrem Leben durchleben.
DOMRADIO.DE: Welche Veränderungen konnten Sie schon bei den Mädchen im Projekt erleben?
Weber: Bei uns trainieren Mädchen zwischen 8 und 18 Jahren. Wir messen die Veränderungen, zum Beispiel im Selbstbewusstsein der Mädchen oder in anderen Kompetenzen. Wir versuchen sozusagen, sie in ihren Lebenskompetenzen zu stärken. Wir richten auch unsere Trainings pädagogisch danach aus. Durch das Projekt hat sich ihr Selbstvertrauen verbessert. Viele sind über sich hinausgewachsen und trauen sich mehr zu. Sie wissen, dass sie ein Teil von "Scoring Girls" sind, und das gibt ihnen Rückhalt. Sie wachsen immer weiter zusammen, lernen sich untereinander besser kennen, freunden sich mehr an und wissen, dass sie sich aufeinander verlassen können.
DOMRADIO.DE: Im Sozialbereich wird immer mehr gespart. Warum sind Projekte wie "Scoring Girls" trotzdem wichtig, sodass dort mehr Geld investiert wird?
Weber: Tatsächlich wurde das Projekt von der ehemaligen Profifußballerin Tuğba Tekkal gegründet. Sie kommt aus einer kurdisch-jesidischen Großfamilie. Sie musste in ihrer Kindheit und Jugend viele Diskriminierungserfahrungen machen und hat sich ihren Weg in den Fußball, aber auch ihren Weg ins Leben hart erkämpfen müssen. Sie hat das Projekt vor zehn Jahren gegründet, damit Mädchen wie sie einen Ort haben, den sie in ihrer eigenen Kindheit immer gebraucht hätte: einen Ort, an dem sie frei sein können, einen Ort, an dem sie Unterstützung bekommen, an dem sie gesehen werden und an dem sie gehört werden.
Tuğba Tekkal sagt selbst, dass sie niemals gedacht hätte, dass das Projekt zehn Jahre später immer noch so sehr gebraucht wird. Die Herausforderungen und Hürden sind nach wie vor da. Wir sprechen aktuell von Mädchen, die teilweise über die gefährliche Mittelmeerroute nach Deutschland gekommen sind, die hier ankommen und keine Angebote und keinen Anschluss finden.
Das Überleben solcher Projekte ist sehr, sehr hart. Wir müssen jedes Jahr darum kämpfen, dass wir weiter finanziert werden. Wir haben tolle Unterstützer, aber wir möchten eben auch, dass die Mädchen langfristig unterstützt werden können und dass wir sie wirklich auf dem Weg in ihr Erwachsenenleben so begleiten können, dass sie uns irgendwann im besten Fall nicht mehr brauchen. Das ist ein wirklich harter Kampf in der aktuellen Situation.
Es braucht daher weiter das Projekt, weil all diese Mädchen, die zu uns kommen, sonst keinen Ort hätten, an dem sie sich wohlfühlen können. Das sind Mädchen, die in ganz unterschiedlichen Bereichen diskriminiert werden, die sagen "Scoring Girls ist wie Familie für mich", und die den Weg in den Fußball sonst nie gefunden hätten.
DOMRADIO.DE: Die Kölner Gruppe ist aktuell in Mexico City beim Street Child World Cup und repräsentiert dort Deutschland. Wie kam das?
Weber: Wir haben schon öfter kleinere Reisen mit "Scoring Girls" zu den Frauen-Europameisterschaften in die Schweiz oder nach England gemacht. Dieses Jahr bekamen wir die Möglichkeit, nach Mexiko zu fliegen. Der "Street Child World Cup" ist ein Turnier, das sich an soziale Projekte richtet. In diesem Jahr nehmen 30 Nationen aus der ganzen Welt teil.
Ich glaube, es gibt nur drei europäische Nationen, die dabei sind. Wir haben uns dort als erstes deutsches Team beworben, das jemals an dem Turnier teilnehmen wird, und sind tatsächlich durch einen längeren Bewerbungsprozess gegangen. Vor über einem Jahr wurden wir dann final ausgewählt. Seitdem liefen die Reisevorbereitungen.
Wir haben direkt gesagt, dass wir Bock darauf haben. Die Mädchen haben es verdient, weil sie Deutschland sind, mit all ihren Geschichten, mit all ihren Hintergründen, mit all ihren Wurzeln, mit all ihrer Motivation und ihren Träumen. Es hätte kein besseres deutsches Team geben können und es repräsentiert die deutsche Gesellschaft auch so, wie sie ist.
Wir haben ganz viele Trainings gemacht, viele Testspiele organisiert, Elternabende veranstaltet, Teamtage durchgeführt, Einheiten zu Kinderrechten angeboten, Packlisten geschrieben, Kapitäninnen gewählt und so weiter. Seit dem 6. Mai sind wir dort.
DOMRADIO.DE: Was macht so eine Reise mit den Mädchen?
Weber: Es beschäftigt sie sehr, dass dies auch eine große Verantwortung ist. Sie sind sich dieser Verantwortung bewusst, einmal, dass sie Deutschland repräsentieren, aber auch, dass sie unser Projekt repräsentieren. Sie möchten quasi stellvertretend für all die anderen "Scoring Girls" antreten und die zu Hause stolz machen. Sie sind natürlich sehr aufgeregt. Es ist in ihren Augen eine riesige Ehre, dort mit der deutschen Nationalhymne und dem Adler auf der Brust auflaufen zu dürfen.
DOMRADIO.DE: Inwieweit spielt dabei auch der interreligiöse Dialog eine Rolle?
Weber: Das ist tatsächlich ein großes Thema bei uns. "Scoring Girls" ist ein Projekt der Menschenrechtsorganisation HÁWAR.help. Und HÁWAR.help wurde auf der Asche des Völkermordes an den Jesiden gegründet. Der Völkermord von 2014 war sozusagen der Ausgangspunkt der Gründung. Dadurch liegt diese Dimension von Religion, aber auch religiöser Verfolgung, dem Projekt inne. Für Tuğba Tekkal, die das Projekt gegründet hat, war wichtig, dass es 2015, in einem Jahr, in dem sehr viele Menschen ihre Heimatländer verlassen mussten und nach Deutschland geflohen sind, einen Anlaufort für all diese Menschen gibt.
Das heißt, dieser multiethnische und multireligiöse Kern war von Anfang an das Fundament sowohl von HÁWAR.help als auch von "Scoring Girls".
Bei uns trainieren Mädchen aus über 21 Nationen mit ganz unterschiedlichen Glaubensrichtungen. Das Thema Religion spielt auch immer wieder eine große Rolle, weil es teilweise der Anlass für Diskriminierung in der Lebensrealität der Mädchen ist. Aber auch, weil wir gezielt in Workshops den Raum bieten, um interreligiös in den Austausch zu kommen. Wir machen die Erfahrung, dass "Scoring Girls" einen sehr guten Rahmen dafür bietet, dass die Mädchen ganz offen aufeinander zugehen können, sich gegenseitig Fragen stellen können und einfach ein Team sind, egal, woran sie glauben, egal, woher sie kommen. Das ist immer eine sehr besondere Erfahrung, wenn die Mädchen da in den Austausch kommen.
Das Interview führte Carolina Graef Alarcón.