Wochenimpuls

8. Mai – Ende des II. Weltkriegs

In diesen Tagen ist uns der "Krieg" unangenehm nah auf den Leib gerückt. Die Konflikte in der Ukraine und im Nahen Osten lassen keinen Zweifel: Der Friede in Europa ist verletzt und brüchig. Da gewinnt der 08. Mai als Tag des offiziellen Endes des 2. Weltkrieges im Jahre 1945, also vor genau 81 Jahren, eine ganz neue, aktuelle Bedeutung. 

Um die Bezeichnung des 08. Mai ist ja bei uns lange, lange gerungen worden. Für uns Deutsche fühlte sich das Ende des 2. Weltkriegs als Kapitulation wie eine Niederlage an. Bis heute scheut man sich deswegen, diesen 08. Mai als bundesweiten Feiertag zu begehen. Eine Niederlage..., die kann man doch nicht feiern – so dachte man.

Es war daher ein echter Meilenstein, als Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1985 den 08. Mai mit einem neuen Titel versah: "Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus". Und dies meinte er nicht nur für die Siegermächte, sondern auch für uns in Deutschland. Die Debatten über diese Bezeichnung "Tag der Befreiung" sind bis heute nicht abgerissen. Besonders rechtspopulistische Kreise protestieren gegen diese Titulierung. 

Mich erinnert dieser Titel der Befreiung gerade jetzt in der Osterzeit daran, dass das Thema "Befreiung" immer zweierlei Komponenten hat: Erstens: Die Befreiung durch Gott selbst: Wirklich befreit können wir nur leben, wenn wir uns auf die Freiheit der Kinder Gottes besinnen. Das Ostergeschehen bezeugt, dass wir als Gottes Geschöpfe von Grund auf zu einem Leben in Frieden und Freiheit berufen sind. Und zweitens: Die gegenseitige Befreiung. Wir müssen einander helfen, wenn wir uns in Unrecht und Vergehen verstrickt haben.

So könnte der 08. Mai auch immer ein Anlass sein, sich auf die christlichen Grundlagen zu besinnen, die den Frieden in Europa und weltweit garantieren. Nicht Macht und Überlegenheit, nicht Gewinn und hohe Stellung bringen uns Menschen Befreiung, sondern die Botschaft und der Glaube, dass Gott uns zuerst geliebt hat.

Ihr Rainer Woelki
Erzbischof von Köln