"Armut beginnt immer häufiger beim Wohnen. Die Angst, sich keine Wohnung mehr leisten zu können, ist längst kein gesellschaftliches Randphänomen mehr, sondern betrifft zunehmend die Mitte der Gesellschaft." Die Vorständin der Diakonie Baden, Sabine Jung, schlägt gemeinsam mit der Caritas in Baden-Württemberg Alarm.
Dramatisch schnell steigende Mieten, Immobilienspekulation und zu wenige öffentlich geförderte Sozialwohnungen sind für die Wohlfahrtsverbände zur sozialen Schlüsselfrage der Gegenwart geworden.
Bei ihrer Pressekonferenz am Donnerstag in Stuttgart stellten Diakonie und Caritas Lösungsansätze für Baden-Württemberg vor. So fordern sie flächendeckende Beratung und Unterstützung für von Wohnungsverlust bedrohte Menschen. "Frühzeitige Vermittlungen zwischen Vermietern und Mietern können oft verhindern, dass Menschen zwangsgekündigt werden", sagte die Rottenburger Caritasdirektorin Annette Holuscha-Uhlenbrock. Viele Kommunen strichen derzeit aber ihre finanzielle Förderung für solche Beratungsinitiativen.
Sozialwohnungen länger in Förderung halten
Caritas und Diakonie würdigten die Absicht der künftigen Landesregierung, mehr in den Sozialen Wohnungsbau zu investieren. Der Neubau von staatlich geförderten Wohnungen reiche aber nicht aus.
Aktuell gebe es landesweit 56.000 Sozialwohnungen, gebraucht würden 200.000. Jährlich fielen Tausende bestehende Sozialwohnungen aus der Förderung heraus. "Hier müssen wir ansetzen und die Sozialbindung verlängern", sagte Holuscha-Uhlenbrock. Wohnen sei ein Grundrecht und dürfe nicht dem freien Markt und der Spekulation überlassen werden.
Eine dritte Strategie gegen Wohnarmut ist für die Wohlfahrtsverbände, bestehenden Wohnraum gerechter zu nutzen. "Wir müssen endlich über eine fairere Verteilung reden. Familien mit Kindern quetschen sich in 50-Quadratmeter-Wohnungen, während gut situierte Alleinstehende und Paare viel größere Häuser bewohnen", kritisierte Sven Reutner von der Diakonie Baden-Baden.
Mittel aus Wohnbauförderung umwidmen
Kirchliche Pilotprojekte zeigten, so Diakonie und Caritas, dass die Vermittlung von leerstehenden Wohnungen oder Einliegerwohnungen in großen, nur noch von einer Person bewohnten Häusern möglich ist.
"Wenn wir nur einen kleinen Prozentsatz der Landeswohnbauförderung von jährlich 400 Millionen Euro in diese Mobilisierung von bestehenden Wohnungen umlenken würden, wäre für die Menschen viel gewonnen", betonte Caritasdirektorin Holuscha-Uhlenbrock.
Nach offiziellen Angaben sind im Südwesten rund 1,5 Millionen Menschen, also etwa jeder achte Einwohner, von Armut betroffen oder bedroht. Die Armutsgefährdungsschwelle liegt für Einzelpersonen bei einem monatlichen Nettoeinkommen von 1.450 Euro. Die Sozialverbände sprechen zusätzlich von "unsichtbarer Armut" oder "Wohnungsarmut", weil Tausende Menschen so viel für ihre Wohnung bezahlen müssen, dass von ihrem Einkommen nicht genügend für ihren Lebensunterhalt, Bildung und gesellschaftliche Teilhabe bleibt.
Teuerung und Mietensteigerung
Ihren Angaben zufolge sind in Baden-Württemberg derzeit etwa 95.000 Menschen ohne Wohnung. "Die Zahl der Hilfesuchenden in unseren Wohnungslosen-Beratungsstellen steigt gerade stark an. Neu ist, dass sich auch Personen mit einem festen Einkommen und mehr Familien an uns wenden", sagte Diakonie-Geschäftsführer Reutner, der in Baden-Baden und Rastatt Wohnungslosen-Beratungen verantwortet. Die Teuerung bei Lebenshaltungskosten und Mieten bringe immer mehr Menschen im Südwesten an ihre finanzielle Belastungsgrenze. Innerhalb von fünf Jahren seien beispielsweise in Baden-Baden die Durchschnittsmieten um 30 Prozent gestiegen.
Und ein weiteres, großes Thema der Schuldner- und Wohnungsberater ist derzeit, dass Familien sich laufende Immobilienfinanzierungen nicht mehr leisten können. "Ich befürchte, da kommt noch eine Welle auf uns zu", sagt Reutner.