DOMRADIO.DE: Wie ist das letzte Jahr aus katholischer Sicht für Sie gelaufen?
Prälat Karl Jüsten (Leiter des Katholischen Büros in Berlin): Zunächst einmal war es sehr erfreulich, dass viele Parlamentarierinnen und Parlamentarier beim Gottesdienst zur Konstituierung des Deutschen Bundestages da waren, aber auch viele, die die künftige Regierung abbilden würden. Es freut mich als Priester immer, wenn man die Kirche voll hat.
Zudem hat uns als Christinnen und Christen wahrscheinlich gefreut, dass so viele beim Ablegen des Amtseids die Gottesformel benutzt haben. Das haben nicht nur die Unionsminister getan, sondern auch die meisten Sozialdemokraten. Es waren so viele, dass man sagen kann, dass wir schon lange nicht mehr ein so religiös geprägtes Kabinett gehabt haben.
Und zum Dritten haben viele in der Regierung – ob Minister oder Staatssekretäre – eine eindeutige Kennung als Christ oder Christin. Das freut uns natürlich auch.
DOMRADIO.DE: Kann man sagen, dass es dadurch mehr Offenheit für die Katholische Kirche im Kabinett gibt?
Jüsten: Man muss fairerweise sagen, dass wir als Kirche immer offene Türen haben – egal, wer gerade regiert. Bundeskanzler Olaf Scholz hat uns immer sehr fair und sehr gut behandelt. Wir konnten mit unseren Anliegen bei ihm immer vorbeikommen. Er hat sich im Übrigen auch sehr dafür interessiert, was wir in der Kirche zu dem einen oder zum anderen Thema gedacht haben. Das war bei Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht anders und war auch schon bei Bundeskanzler Gerhard Schröder so. Im jetzigen Kabinett von Bundeskanzler Merz erlebe ich das im Grunde genauso.
DOMRADIO.DE: Aber Friedrich Merz ist der erste Kanzler seit Helmut Kohl, der wieder katholisch ist. Was spielt das für eine Rolle?
Jüsten: Das freut uns. Er lebt auch seinen Glauben. Ich weiß von ihm, dass er sowohl in seinem Heimatort, wie auch in seinem Zufluchtsort am Tegernsee regelmäßig sonntags zum Gottesdienst geht. Aber er kommt auch schon mal zu mir zum Gottesdienst. Und das ist auch etwas Besonderes.
DOMRADIO.DE: Sie gestalten die Andachten und Gottesdienste, die für die Parlamentarier stattfinden. Da nimmt auch der Bundeskanzler dran teil?
Jüsten: Er nimmt nicht so oft an den Gottesdiensten teil, weil er viele Verpflichtungen hat. Das ist auch keine Kategorie, die ich anlegen würde. Aber er nimmt daran teil. Und entscheidend ist, dass er das überhaupt möchte.
DOMRADIO.DE: Er ist aber auch nicht der Einzige der Regierung, der daran teilnimmt, oder?
Jüsten: Verkehrsminister Patrick Schnieder nimmt ebenso wie einige Staatssekretäre und auch Bundestagspräsidentin Julia Klöckner regelmäßig an Gottesdiensten teil – zudem Politiker von der Sozialdemokratie. Das ist recht erfreulich.
DOMRADIO.DE: Wie blicken Sie aus der katholischen Brille auf die Regierungsarbeit, die im letzten Jahr geleistet wurde?
Jüsten: Zunächst muss sich jede Regierung erstmal finden. Das ist der erste Punkt.
Der zweite Punkt ist, dass sie dabei extreme Startschwierigkeiten gehabt haben. Der Bundeskanzler musste zweimal zur Wahl antreten. Außerdem wurde dieses Kabinett aufgrund der internationalen Herausforderungen mit Problemen konfrontiert, die schon besonders waren, wie dem Ukrainekrieg und in diesem Jahr dem Iran-Krieg. Das stellt jede Regierung vor eine große Herausforderung.
Vor allen Dingen sind aber die Kassen klamm. Die Kassen sind aber nicht nur wegen der Kriege klamm, sondern weil in den vergangenen Jahren die eine oder andere Reform nicht umgesetzt wurde. Das muss jetzt alles gemacht werden. Jetzt kommt ganz viel zusammen, dementsprechend ist der Druck groß.
Die Bischöfe haben in ihrem letzten Sozialwort gesagt, dass die Menschen in diesem Land veränderungsbereit sein müssen. Die Bischöfe haben das werbender und freundlicher formuliert. Manche in der Politik machen das drängender. Andere in der Politik wollen nicht, dass Reformen gemacht werden. Aber ich erkenne schon, dass die Koalitionsparteien bereit sind, die Reformen anzugehen. Sie müssen die Bevölkerung jedoch mitnehmen.
Die Bevölkerung muss aber zu diesen Reformen bereit sein. Ich glaube, dass die Bevölkerung bereit ist, wenn sie merkt, dass es sozial ausgewogen und gerecht zugeht, dass jeder seinen Beitrag leistet. Ein Anliegen der Katholischen Soziallehre ist es, dass das jeder nach seiner Stärke und seiner Möglichkeit macht. Von daher begleiten wir als Kirchen die Reformbemühungen der Regierung konstruktiv. Wir schauen uns das alles im Einzelnen an, kritisieren die Reformen, bei denen wir meinen, dass sie kritisiert werden müssen, etwa, weil unsere Krankenhäuser keine Zukunft haben, weil sie zu sehr unter dem Spardiktat zu leiden haben.
Wir sagen jedoch auch, was getan werden muss, etwa bei der Rente. Man muss über das Eintrittsalter reden oder über die Beitragsjahre, die der Einzelne aufbringt.
DOMRADIO.DE: Jetzt haben wir nicht bloß einen neuen Bundeskanzler, sondern auch einen neuen Vorsitzenden der Bischofskonferenz. Vor einigen Wochen war der erst zur Vorstellung bei Friedrich Merz. Sie waren selber dabei. Wie haben Sie das Verhältnis wahrgenommen?
Jüsten: Das war ein sehr offenes Gespräch. Der Bundeskanzler ist sehr interessiert an dem, was die Deutsche Bischofskonferenz macht. Er interessiert sich übrigens auch sehr für den Reformweg der Kirche. Er ist selber engagierter Katholik und ist eher auf der Seite derjenigen, die sagen, dass sich die Kirche verändern muss, um zukunftsfähig zu sein.
Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.