Jüdische Geschichte hinterlässt Spuren in Kölns Archäologischer Zone

Zeitreise in die Historie der Domstadt

Köln blickt auf eine über 1.700-jährige Geschichte jüdischen Lebens zurück. Mitten im mittelalterlichen jüdischen Viertel entsteht derzeit das "MiQua", ein neues Museum, in dessen Untergrund Archäologen bedeutende Funde freilegen.

Autor/in:
Alexander Foxius
Bei Ausgrabungen in Kölns Archäologischer Zone kam die Latrine einer jüdischen Familie zutage / © Alexander Foxius (DR)
Bei Ausgrabungen in Kölns Archäologischer Zone kam die Latrine einer jüdischen Familie zutage / © Alexander Foxius ( DR )

Der Alltag in der Archäologie wirkt oft ernüchternd: Bei Bauvorhaben rufen Verantwortliche Fachleute auf die Baustelle. Sie dokumentieren die Funde sorgfältig – zeichnen, schreiben und fotografieren. Anschließend zerstören Bauarbeiten das Bodendenkmal. Die gesammelten Daten fließen in die Dokumentation ein, während an derselben Stelle ein Baumarkt oder ein Wohnviertel entsteht.

Das MiQua entsteht direkt neben dem Kölner Rathaus / © Alexander Foxius (DR)
Das MiQua entsteht direkt neben dem Kölner Rathaus / © Alexander Foxius ( DR )

"In der Archäologie ist es ein großes Privileg, etwas auszugraben, das später Menschen präsentiert wird", sagt Michael Wiehen. Er leitet die Ausgrabungen der Archäologischen Zone im Herzen Kölns, direkt neben dem Rathaus. Hier entsteht ein Projekt, das ihn besonders stolz macht: ein Museum, das die archäologischen Funde dauerhaft zugänglich macht.

"MiQua" -  Jüdisches Leben im mittelalterlichen Köln erleben

Mit dem "LVR-Jüdischen Museum im Archäologischen Quartier Köln" – kurz "MiQua" – entsteht ein außergewöhnliches Museum. Ende 2028 sollen die ersten Besucherinnen und Besucher auf Entdeckungsreise gehen und jüdisches Leben im mittelalterlichen Köln erleben – genau an dem Ort, an dem Jüdinnen und Juden einst lebten, arbeiteten und in der Synagoge beteten.

Michael Wiehen ist Ausgrabungsleiter der Archäologischen Zone Köln / © Alexander Foxius (DR)
Michael Wiehen ist Ausgrabungsleiter der Archäologischen Zone Köln / © Alexander Foxius ( DR )

Im Zentrum des Museums steht der Bereich, in dem Michael Wiehen und sein Team derzeit noch durch zweitausend Jahre Stadtgeschichte graben. Kürzlich gelang ihnen dabei eine spektakuläre Entdeckung: ein vorchristlicher Altar aus dem zweiten Jahrhundert. Das sogenannte Lararium ist der einzige bislang bekannte Fund eines römischen Hausaltars nördlich der Alpen; Vergleichbares kennt man sonst nur aus Pompeji.

Ende 2028 sollen hier Besuchende das MiQua besichtigen können / © Alexander Foxius (DR)
Ende 2028 sollen hier Besuchende das MiQua besichtigen können / © Alexander Foxius ( DR )

Im Fokus der Ausgrabungen steht jedoch vor allem das mittelalterliche jüdische Leben in Köln. Bereits im 11. Jahrhundert ließen sich hier Jüdinnen und Juden nieder. Es entstanden eine Synagoge, eine Mikwe – ein tief gelegenes Ritualbad südwestlich der Synagoge – sowie Wohnhäuser und Werkstätten. Im Jahr 1424 vertrieb die Stadt die jüdische Bevölkerung; erst Jahrzehnte später kehrten sie zurück. Über lange Zeit lebten Christen und Juden hier Tür an Tür.

Rekonstruktion der damaligen Lebensverhältnisse bleibt komplex

Die Archäologinnen und Archäologen arbeiten heute auf dem Niveau der damaligen Keller. Dabei treffen römische Fundamente auf mittelalterliche Strukturen und neuzeitliche Ergänzungen bis ins 20. Jahrhundert. Erst die Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg zerstörten das Viertel am Rathaus.

Die Rekonstruktion der damaligen Lebensverhältnisse bleibt komplex. Wer wann in welchem Haus lebte oder welchen Keller nutzte, lässt sich oft nur schwer nachvollziehen. Zwar liefern Schreinsbücher – mittelalterliche Vorläufer des Grundbuchs – wichtige Hinweise, doch viele Fragen bleiben offen. Archäologinnen und Archäologen gehen daher andere Wege: Sie untersuchen Abfälle aus Latrinen und können so beispielsweise koschere Ernährungsgewohnheiten nachweisen. Zudem finden sie Schiefertafeln mit hebräischen Inschriften.

Eine besonders eindrucksvolle Entdeckung machten sie im Haus der jüdischen Familie Lyvermann, direkt neben der damaligen Synagoge. In der Latrine fanden sie ein zugemauertes Fenster mit einer hebräischen Inschrift. Sie wirkt wie eine Anleitung zur Nutzung: "Das ist das Fenster, durch das die Exkremente ihren Weg nehmen." Religiöse Vorschriften untersagten es gläubigen Juden, Exkremente durch den Hof der Synagoge zu transportieren.

Hebräische Inschrift am Haus der jüdischen Familie Lyvermann / © Alexander Foxius (DR)
Hebräische Inschrift am Haus der jüdischen Familie Lyvermann / © Alexander Foxius ( DR )

Viele solcher Geschichten hat Michael Wiehen mit seinem Team ans Licht gebracht. Wenn 2028 die ersten Besucherinnen und Besucher durch die fertige Anlage gehen, wird seine Arbeit abgeschlossen sein. "Ein absolutes Privileg", nennt er das. Denn dann kann er zeigen, wie jüdisches Leben über Jahrhunderte hinweg das Herz der heutigen Domstadt geprägt hat.

Quelle:
DR

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