"Wir fühlen uns von der Musik der Ferne angezogen, das ist unsere Sehnsucht", sagt Felicitas Hoppe im DOMRADIO.DE Interview: "Wir haben aber auch Angst vor dem Aufbruch, denn das Zuhause gibt uns Sicherheit und in der Reise liegt auch eine Bedrohung". Interessant am Reisen sei es, sich diesem zwiespältigen Gefühl auszusetzen, weil das Reisen ein Sinnbild des Lebens sei.
Die Autorin Felicitas Hoppe hat sich in ihrem Leben häufiger ins Ungewisse aufgemacht. In ihrem Buch "Reisen" erzählt sie von ihrer Fahrt auf einem Containerfrachtschiff und von ihrer Reise mit 100 Schriftstellern im Literaturexpress durch Europa im Jahr 2000.
Für Hoppe liegt der eigentliche Reiz des Reisens im Unbekannten und nicht darin, die Reise nach den eigenen Wünschen und Erwartungen zu organisieren. Die Autorin ist in Hameln geboren und aufgewachsen und die Sage vom Rattenfänger von Hameln spielt in ihrem Leben und Schreiben eine bedeutende Rolle. Sie selbst sieht sich als ein Kind des Rattenfängers und so folge sie seinem Flötenspiel in einen dunklen Tunnel – ohne zu wissen, wo die Reise für die Kinder hinführt. "Die Sage spiegelt somit die ganze Ambivalenz des Reisens," sagt sie. "Denn wenn wir reisen, folgen wir einer Musik, die wir nicht kennen". Oft hat Hoppe auf ihren Reisen Unvorhergesehenes und Unangenehmes erlebt, wo sie auf die Hilfe von anderen angewiesen war. "Im Nachhinein sind das die besten und ertragreichsten Momente", sagt sie.
Von der Großstadt in die Einsiedelei
Reisende sieht die Autorin als moderne Pilger, die versuchen, sich selbst durch eine Traumreise zu erlösen – und dann häufig von den eigenen Erwartungen geblendet das Fremde gar nicht wahrnehmen und erleben. Denn "jede Reise besteht aus drei Reisen", sagt Hoppe, "1. Der Traum von der Reise. 2. Die Reise selbst. 3. Der Versuch, sie in den Traum von davor zurückzuverwandeln." Der einzige weiße Fleck auf der Karte, nach dem wir suchen, seien wir selbst. Und auf der Suche nach sich selbst bleibe man lieber zuhause, schreibt Hoppe in ihrem Buch "Reisen".
Immer wieder zieht sich Hoppe aus dem Großstadtleben in Berlin, wo sie wohnt, zurück und lebt allein in einer Einsiedelei im Wallis in der Schweiz. Vor 20 Jahren hat sie diesen Ort entdeckt und da das Wallis auch ein Touristenort ist, klopfen bei ihr auch immer wieder Touristen an, die wissen wollen, wer da wohnt. "Der Einsiedler ist eine Art spiritueller Reiseführer", sagt sie.
Mit Risiken und Nebenwirkungen
"Right or wrong, this is the road and we are on it". Felicitas Hoppe hat das Zitat von Gertrude Stein als Motto ihrer Betrachtungen über das Reisen ausgewählt. Die Autorin beschreibt unseren Lebensweg als Reise mit Risiken und Nebenwirkungen. "Und wir können nicht selbst entscheiden", sagt Hoppe: "Wir können natürlich sagen: 'Ich gehe jetzt nach links' oder 'Ich gehe nach rechts'. Aber im Großen und Ganzen gehen wir einem bekannten Ziel entgegen, nämlich wissend, dass die Veranstaltung, an der wir teilnehmen, endlich ist. Aber wo diese Reise endet und wie sie endet, in welchem Verkehrsmittel sie endet, mit welchen Gefährten sie endet, das wissen wir nicht, und es ist gut, dass wir das nicht wissen, sondern dass wir sagen: Das ist der Weg, und den gehen wir, und das ist dann doch ein Moment des Pilgerns mit allen Risiken und Nebenwirkungen".