Winfried Kretschmann (77), Grünen-Politiker und scheidender Ministerpräsident von Baden-Württemberg, hat laut eigenem Bekunden keine Angst vor dem Tod. Wer an Gott glaube und an die Hoffnung der Auferstehung, der könne dem Tod ins Gesicht schauen - ohne wegzugucken, sagte Kretschmann der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".
Sein Glaube habe ihn auch in seiner Karriere als Politiker getragen, sagte der bekennende Katholik. Als Politiker könne man immer scheitern, "und zwar richtig". Aber der Glaube habe ihm die Gewissheit gegeben, trotzdem nicht in einen Abgrund zu stürzen. "Wenn man politisch scheitert, scheitert man noch lange nicht als Mensch."
Glaube gibt Kraft
Ähnlich hatte sich Kretschmann zuvor bereits im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) geäußert: Sein Glaube habe ihn von Angst befreit. Mit dem Alter wandle sich der Glaube, sagte der Politiker nun der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Man beschäftige sich mehr mit Gott als mit Kirchenstrukturen.
Außerdem habe er erst relativ spät bewusst wahrgenommen, dass man sich in Gottesdiensten sehr oft bei Gott bedanke, fügte der baden-württembergische Ministerpräsident hinzu. "Da wurde mir klar: Ohne eine Grunddankbarkeit kann man einfach nicht zufrieden sein, das ist völlig unmöglich."
Die Welt deuten
Auf die Frage, warum viele Menschen ihren Glauben verlören, antwortete Kretschmann, das liege am hermeneutischen Wesen des Menschen. "Nur indem wir die Welt deuten, bekommt sie Sinn für uns. Viele Menschen lassen sich auf das Hermeneutische im Glauben aber nicht ein, sie bleiben irgendwann stehen", so der Politiker. "Doch seinen Kinderglauben zu bewahren, klappt natürlich auch nicht, und dann verlieren sie den Glauben."
Glaube müsse Sinn ergeben, betonte Kretschmann. "Das ist den Kirchen aber etwas verloren gegangen - in einer Welt, wo der Glaube oder die Religion nur noch eine Option ist."