KNA: Sie fahren als bekennender evangelischer Christ Mitte Mai zum Katholikentag nach Würzburg. Fremdelt man da?
Markus Söder (CSU-Politiker und Ministerpräsident von Bayern): Ganz im Gegenteil. Ob katholisch oder evangelisch: Wir alle glauben an Gott und an Jesus Christus. Es wäre schön, wenn wir Christen in Deutschland noch stärker unsere Einheit betonen.
KNA: Welchen Eindruck macht der aktuelle Papst auf Sie?
Söder: Von Leo XIV. mache ich mir gerade noch ein Bild. Mit Papst Benedikt XVI. waren wir Bayern natürlich eng verbunden. Und mit seinem Nachfolger hatte ich zwei beeindruckende Begegnungen. Franziskus war sehr charismatisch und auch witzig. Bei meinem letzten Besuch brachte er uns an die Tür, obwohl er schon nicht mehr so gut laufen konnte. Er sagte, er mache das mit seinen Gästen immer so, um zu sehen, dass sie nichts mitnehmen und auch wirklich gehen. Da haben wir zusammen herzlich gelacht.
KNA: Sie sind gern in Rom.
Söder: Der Vatikan hat eine besondere Ausstrahlung. Wenn Gläubige aus aller Welt auf dem Petersplatz gemeinsam den Glauben bezeugen, dann ist das ein unglaublich starkes Band.
KNA: Der Vorsitzende des Landeskomitees der Katholiken in Bayern, wie Sie ein Nürnberger, hat den Wunsch geäußert, Sie mögen das Konkordat mit dem Heiligen Stuhl in Rom neu verhandeln, damit die Katholiken im Freistaat endlich mehr Mitsprache bei Bischofsernennungen bekommen. Werden Sie ihm entsprechen?
Söder: Und dabei haben wir das 100-jährige Bestehen des Konkordats vor zwei Jahren noch gemeinsam als große Errungenschaft gefeiert. Meine Empfehlung wäre, sich mit diesem Anliegen direkt an den Heiligen Vater zu wenden. Der Vorsitzende des Landeskomitees der Katholiken hat auf den Papst sicher mehr Einfluss als ein bayerischer Ministerpräsident.
KNA: Kann man mit der Bibel in der Hand Politik machen?
Söder: Ich habe die Bibel auf meinem Schreibtisch liegen. Nicht für das Alltagsgeschäft, aber für große Fragen. In der Corona-Zeit war ich dankbar, dass ich glauben kann. Wenn man Entscheidungen treffen muss, die einem kein Berater abnehmen kann, braucht man irgendein Licht. Ich bin kein frömmelnder Pietist, aber ich bete. Darin finde ich Kraft - auch im Austausch mit anderen Gläubigen.
KNA: Welche grundsätzliche politische Position ergibt sich aus dem christlichen Menschenbild?
Söder: Zentral ist für mich der Schutz des Lebens vom Anfang bis zum Ende. Menschen klonen? Das lehne ich klar ab. Und assistierter Suizid ist natürlich eine sehr persönliche, aus meiner Sicht aber auch schwierige Entscheidung. Ich schätze sehr die menschlich wertvolle Begleitung im Hospiz. Mit Würde zu gehen, mit sich und Gott das Gespräch zu suchen auf diesem Weg – das habe ich auch bei meinen Eltern so erlebt.
KNA: Wie lässt sich christlicher Einfluss in einer Gesellschaft bleibend geltend machen, in der sich Kirchenmitglieder in Scharen verabschieden?
Söder: Warum die Menschen gehen, darauf müssen zuerst die Kirchen eine Antwort finden. Der Staat kann helfen, die Kirchen als Institutionen und das christliche Verständnis hochzuhalten. Deshalb streichen wir keinen Religionsunterricht und schaffen auch keine christlichen Feiertage ab. Und ich bleibe dabei: Kreuze aufzuhängen ist ein richtiges Signal, weil der Staat sich dadurch auch zum christlichen Menschenbild und zur abendländischen Kultur bekennt. Es gibt kein kirchenfreundlicheres Bundesland als Bayern.
KNA: In der Union gab es schon Debatten, das C im Parteinamen durch ein K zu ersetzen: K wie konservativ. Was halten Sie davon?
Söder: Das wäre ein schwerer Fehler und eine unnötige Verengung. Die Union ist konservativ, aber auch sozial und liberal. Ohne das christliche Menschenbild würden wir unsere Identität verlieren. Mehr noch: Der Kern des Grundgesetzes, die Menschenwürde, entstammt dem Christentum. Der Sozialstaat basiert auf dem Konzept des barmherzigen Samariters. Sogar der Leistungsgedanke findet sich im biblischen Gleichnis von den Talenten wieder.
KNA: Wo ist es Christen in der Politik zuletzt parteiübergreifend gelungen, eine Mehrheit zu organisieren?
Söder: Beim Streit um die Streichung des Abtreibungsparagrafen 218 habe ich eine große Geschlossenheit wahrgenommen. Viele Länder auf der Welt beneiden uns um unsere Rechtslage. In den USA stehen sich Menschen manchmal in radikaler Unversöhnlichkeit gegenüber. Die Balance zwischen Glaubensüberzeugungen und gesellschaftlichem Frieden ist ein hohes Gut.
KNA: Eine kraftvolle und möglichst angstfreie Präsenz des Judentums in Bayern ist Ihnen wichtig. Gab es für dieses Engagement ein Schlüsselerlebnis?
Söder: Als junger Mensch wurde ich in Nürnberg mit der Geschichte des Nationalsozialismus konfrontiert. Dieser vollständige Verlust der Menschlichkeit, dieser aggressive Nihilismus - das hatte für mich mit der Abwesenheit von Gott zu tun. Deshalb war mir immer klar: So etwas darf nie wieder passieren. Das "Nie wieder" ist in die Alltagssprache übergegangen. In der Realität nehmen Aggressionen gegen jüdisches Leben zu. Man darf die israelische Regierung natürlich kritisieren, das machen ja auch die Israelis selbst. Aber das darf niemals in Antisemitismus und Antizionismus übergehen.
KNA: Sie sind ein eifriger Social-Media-Nutzer. Wie gelungen fanden Sie die KI-generierte Selbstinszenierung von US-Präsident Trump als Heiland?
Söder: Ohne Worte.
KNA: "Hab Mut, steh auf", lautet das Katholikentagsmotto – ein Jesuswort aus dem Evangelium Ihres Vornamensvetters. Was fällt Ihnen dazu ein?
Söder: Sichtbarkeit und Bekenntnis. Auch mit denen über den Glauben zu reden, die kein Interesse zeigen. Einfach sagen, warum es gut ist, Christ zu sein. Neugierig machen. Zeigen, welche Kraft im Glauben steckt – gerade dann, wenn er gemeinsam gelebt wird.
Das Interview führte Christoph Renzikowski.