Warum ein Sauerländer am Jakobsweg eine Kirche wieder aufbaut

Lebenswerk und Trauerbewältigung im nordspanischen Dorf Villalval

Wenn sich Andreas Senge etwas in den Kopf setzt, zieht er es durch. Zum Gedenken an seine verstorbene Frau baut der Rentner aus Meschede eine verfallene Kirche am spanischen Jakobsweg mit viel Herzblut und eigener Kraft wieder auf.

Autor/in:
Andreas Drouve
Ruine einer Kirche am 3. November 2025 am Jakobsweg in Villalval (Spanien) / © Andreas Senge (KNA)
Ruine einer Kirche am 3. November 2025 am Jakobsweg in Villalval (Spanien) / © Andreas Senge ( KNA )

"Ich bin der Verrückte aus Deutschland, der die Kirche von Villalval wiederaufbauen will." So hat sich Andreas Senge in Spanien öfter vorgestellt und auf einen Wiedererkennungseffekt gesetzt. Mit Erfolg. Mittlerweile kennen viele den 65-jährigen Sauerländer, der sein ambitioniertes Projekt mit Hilfe von Spendengeldern begonnen hat. Schauplatz ist Villalval, ein gottverlassenes Dorf am Jakobsweg in der Provinz Burgos, das gerade einmal 25 Einwohner zählt. 

Pilger auf dem Jakobsweg / © gregorioa (shutterstock)

Ins Auge sticht die Kirche San Juan Evangelista, geweiht dem Evangelisten Johannes. Das Bauwerk wurzelt mutmaßlich im 13. Jahrhundert. Heute liegt es verfallen da. Das will der pensionierte Anlageberater aus Meschede ändern – und führt persönliche Gründe ins Feld. 

Vermächtnis und Trauerarbeit 

Die Suche nach dem "Warum" ist komplex. In seiner Vita blättert Senge in die Jahre 2009 und 2017 zurück, als er mit seiner Frau Bettina auf dem Jakobsweg pilgerte. Obgleich er katholisch ist, einst Messdiener war und eine von Benediktinern geleitete Schule besuchte, bezeichnet sich Senge als "nicht so extrem gläubig". Für ihn und seine Frau war die Pilgerschaft eher eine sportliche Geschichte: "Wir wollten das Flair auf dem Jakobsweg mitbekommen." 

Eine ihrer Stationen war Villalval, wo ihnen der ruinöse Zustand des Sakralbaus auffiel. "Das machte uns betroffen und berührte uns, denn in dieser Form kannten wir aus Deutschland keine kaputten Kirchen." Dies sollte zunächst eine vergessene Randnotiz bleiben. Erst nach Bettinas überraschendem Tod 2022 und der Betrachtung alter Fotos rief sich Senge ins Gedächtnis, wie sie gemeinsam von einer Hochebene nach Villalval hinunterwanderten, den verfallenen Turm der Kirche sahen und anfangs irrtümlich dachten, es sei ein Silo. 

Andreas Senge bei Vorarbeiten zum Wiederaufbau einer Kirche am 26. März 2025 am Jakobsweg in Villalval  / © Andreas Senge (KNA)
Andreas Senge bei Vorarbeiten zum Wiederaufbau einer Kirche am 26. März 2025 am Jakobsweg in Villalval / © Andreas Senge ( KNA )

Die emotionalen Erinnerungen lösten bei Senge eine Gedankenkette zum Sein und Vergehen aus: "Was bleibt, wenn man keine Kinder hat, keine Verpflichtungen? Was kann man tun, damit jemand länger an einen denken kann?" Und dann stellte er sich eine weitere Frage: "Was machst du mit dem Restleben?" Die Antwort: den Wiederaufbau des Gotteshauses von Villalval angehen. Hier sieht der Witwer sein Lebenswerk, sein Vermächtnis, eine "Andenkenkirche" für seine Frau. Er macht keinen Hehl daraus, dass dies für ihn auch Trauerarbeit bedeutet. 

Verein und Spendenkonto 

Das Vorhaben ist kompliziert. Senge hat in Deutschland eigens den "Renovierungsverein Iglesia de San Juan Evangelista Villalval-Burgos, Jakobsweg e. V." gegründet, der gegenwärtig 43 Mitglieder zählt. Er ist der Vorsitzende, hat ein Spendenkonto eingerichtet, eine Website samt Fotogalerie erstellt, im vergangenen Jahr in Spanien mit dem zuständigen Erzbistum Burgos einen Kooperationsvertrag geschlossen. Danach ging alles erstaunlich schnell, um behördliche Hürden wie die Baugenehmigung zu meistern. Im Schnitt ist Senge fünfmal pro Jahr vor Ort und hat sich mit einigen Dörflern angefreundet, die begeistert sind und tatkräftig mithelfen. Senge greift selbst zu Hacke, Schippe und Schubkarre.

Symbolbild Euroscheine im Geldbeutel / © fornStudio (shutterstock)
Symbolbild Euroscheine im Geldbeutel / © fornStudio ( shutterstock )

Mittlerweile ist der Wildwuchs um das Gebäude entfernt, Schutt wurde herausgeholt. Für die Anschaffungen des Gerüsts und des Baukrans hat Senge ein zinsloses Darlehen bekommen. Um die Kosten zu minimieren, macht er in Kürze einen Kranführerschein. 

Gottes Fügung? 

Das Geld ist ein Dauerthema bei dem Projekt. "Wir finanzieren uns rein aus Spenden, bekommen keine Fördermittel", so Senge. Der Kostenvoranschlag für den kompletten Wiederaufbau beläuft sich auf 560.000 Euro. Davon ist bereits jetzt ein knappes Viertel durch Spenden gedeckt. Die Fertigstellung peilt Senge zum zehnten Todesjahr seiner Frau 2032 an. Doch er sprüht vor weiteren Ideen: ein automatisches Glockenspiel, ein Ort des Gedenkens an Verstorbene in der Nordkapelle, den er auch digitalisieren will, ein Taufbecken, gefüllt mit Weihwasser aus 

Kathedrale in Santiago de Compostela / © Sergey Golotvin (shutterstock)
Kathedrale in Santiago de Compostela / © Sergey Golotvin ( shutterstock )

 

Hat Senge durch das Projekt Ungeahntes bei sich entdeckt? Er schickt voraus, dass er Sauerländer und als Sternzeichen Steinbock ist: "Wenn ich mir etwas in den Kopf setze, mache ich das auch." Dann denkt er weiter nach und sagt: "Ich habe keine Angst und gehe seit dem ersten Tag einen Schritt nach dem anderen, so wie auf dem Jakobsweg. Vielleicht ist alles Gottes Fügung." 

Jakobsweg

Der Jakobsweg ist ein europaweites Netz von Straßen und Wegen. Seit dem neunten Jahrhundert führt er Pilger vom Baltikum über Polen, Deutschland, die Schweiz und schließlich Frankreich zum angeblichen Grab des Apostels Jakobus ins spanische Santiago de Compostela. Im Mittelalter erstreckten sich die Tagesetappen meist von einem "heiligen Ort", an dem Reliquien verehrt wurden, zum nächsten.

 © Sonja Geus (DR)
© Sonja Geus ( DR )
Quelle:
KNA