Predigten

"Werft das Netz auf der anderen Seite aus" - Predigt von Domkapitular Meiering

Domkapitular Dominik Meiering nahm in seiner Predigt im Kapitelsamt am dritten Sonntag der Osterzeit das Evangelium vom erfolglosen Fischfang der Jünger zum Ausgangspunkt. Die Szene beschreibe nicht nur eine konkrete Nacht am See, sondern eine grundlegende Erfahrung: Menschen investieren Zeit, Kraft und Planung - und stehen dennoch mit leeren Händen da. Die Jünger seien erfahrene Fischer, die ihr Handwerk beherrschen, und dennoch bleibe ihr Einsatz ohne Ergebnis.

Die Nacht habe im Johannesevangelium eine tiefere Bedeutung. Sie stehe für Orientierungslosigkeit, Unsicherheit und fehlendes Verstehen. Auch nach Ostern lebten die Jünger äußerlich weiter – "nur innerlich, in ihnen, da ist es immer noch Nacht", so Meiering in seiner Predigt im Kölner Dom. Der Domkapitular stellte einen Bezug zum Alltag her und nannte Beispiele von Menschen, die trotz Einsatz keine Erfüllung finden: eine Frau ohne Erfolg bei Bewerbungen, eine gescheiterte Beziehung, Eltern, deren Kinder sich entfernen, oder ein Mann, der im Rückblick auf sein Leben nach Sinn fragt.

Der Wendepunkt der Erzählung liege im Auftreten Jesu. Er stehe am Ufer, werde zunächst nicht erkannt und greife in die Situation ein. Sein Ruf, das Netz auf der anderen Seite auszuwerfen, sei mehr als ein praktischer Hinweis. "Dieser Satz ist ein Schlüssel zum ganzen Handeln Jesu", betonte Meiering. Er stehe für eine grundlegende Veränderung des Blicks und Handelns. Jesus führe Menschen aus gewohnten Denkmustern heraus und eröffne eine neue Perspektive.

Meiering erläuterte, dass Jesus selten die äußeren Umstände verändere, aber den Blick der Menschen neu ausrichte. Aus einer Haltung der Resignation könne so eine Haltung der Hoffnung entstehen. Das "Netz auf der anderen Seite" auszuwerfen bedeute, anders zu denken, anders zu handeln und sich nicht allein auf eigene Logik zu verlassen.

Zur Veranschaulichung nannte er Beispiele aus dem Alltag: In Konflikten könne dieser Perspektivwechsel bedeuten, nicht auf Vergeltung zu setzen, sondern Versöhnung zu suchen. "Die Welt kennt Brandstifter noch und nöcher, aber die Welt muss eben diese andere Seite des Bootes noch kennenlernen", predigte der Domkapitular.

In kirchlichen Begegnungen könne es heißen, Menschen nicht nach Passgenauigkeit zu beurteilen, sondern ihnen zuerst mit Offenheit zu begegnen. Auch mit Blick auf gesellschaftliche Entwicklungen verwies Meiering darauf, dass christliches Handeln sich an der Haltung Jesu orientiere, der diene und nicht herrsche.

Die Jünger folgten dem Wort Jesu und machten die Erfahrung eines reichen Fischfangs. In diesem Ereignis hätten sie den Auferstandenen erkannt. Meiering deutete dies als Zeichen dafür, dass Vertrauen und Gehorsam gegenüber dem Wort Jesu zu einem neuen Anfang führen können. "Das Netz auf der anderen Seite auswerfen heißt: Vertrauen haben in die anderen und auf Gott, dass ein Neuanfang möglich ist."

Abschließend betonte Meiering, dass die Osterzeit dazu einlade, diese Erfahrung immer tiefer zu verstehen. Christen seien nicht dazu gerufen, sich mit Erfolglosigkeit abzufinden, sondern im Vertrauen auf Christus neue Möglichkeiten zu entdecken. Auch persönliche "Nächte" könnten so in einen neuen Morgen führen, wenn Menschen bereit seien, sich auf diesen Perspektivwechsel einzulassen. "Unsere leeren Netze, mit denen wir oft unterwegs sind, sollen gefüllt werden."