DOMRADIO.DE: Was für ein Bild haben Sie vor Augen, wenn Sie an Mario Adorf denken?
Andreas R. Batlogg SJ (Jesuitenkirche in Wien): Ich denke sofort an die Blechtrommel, die ich schon als Schüler gelesen und auch als Film gesehen habe. Das ist der eine Eindruck.
Der andere ist, dass ich ihm mal bei einem Requiem in München in die Arme gelaufen bin und gemerkt habe, das er ein alter Mensch, aber ein "Sir" ist.
DOMRADIO.DE: Ein Interview, das Mario Adolf zu seinem Glauben gegeben hat, hat Sie sehr bewegt. Er sagt darin, er sei kein überzeugter Ungläubiger, sondern ein verhinderter Gläubiger. Wie verstehen Sie diesen Ausdruck?
Batlogg: Er war damals 92 Jahre alt und es fiel mir auf, dass er auf seine Kindheit Bezug nahm, in der er schlechte Erfahrungen gemacht hatte. Verhinderter Gläubiger heißt für mich: Ich würde gern, aber ich kann nicht. Da hat er auch gesagt, er bewundert alle, die glauben können, ihm ist das so nicht möglich.
DOMRADIO.DE: Mario Adolf begründet diesen verhinderten Glauben mit der Erziehung durch böse Nonnen und einen häufig betrunkenen Priester. Steht er damit für viele Menschen seiner Generation?
Batlogg: Leider passiert das manchen Menschen im Laufe ihres Lebens. Adorf spricht von Glaubensarmut, und da bin ich gestolpert, positiv, muss ich sagen. "Ich würde gern, aber ich habe schlechte Erfahrungen gemacht." Manche können sich davon nie mehr befreien. Das gilt auch für Betroffene von sexualisierter Gewalt.
Ich habe mir dann gedacht: Wie wäre es denn, wenn ein Nikodemus-Gespräch stattfinden würde zwischen Mario Adorf und Jesus.
DOMRADIO.DE: Was meinen Sie mit Nikodemus-Gespräch?
Batlogg: Das ist ein Nachtgespräch. Es geht um die Fragen, "Warum?", "Was?", "Wie?" und "Was ist möglich?". Kardinal Martini hat ein solches Nachtgespräch mit meinem Mitbruder Georg Sporschill geführt. Dabei kommen neue Erkenntnisse hoch.
Mir kam es so vor, dass Mario Adorf sich nicht dafür geniert hat, dass er nicht glauben kann, obwohl er es gern wollte. Aber er war durchaus offen dafür, sich auf ein Glaubensgespräch einzulassen.
DOMRADIO.DE: Mario Adolf hat betont, dass er gläubige Christen bewundere und bei sich eine Glaubensarmut ausmache. Auch da spricht er vielen aus der Seele. Was daran bewegt Sie so?
Batlogg: Vielleicht werfen wir manchmal mit unseren Glaubensüberzeugungen viel zu schnell um uns. Wir sind gerade in der Osterzeit, und dabei geht es fünf Wochen darum, das Unglaubliche glauben zu können und zu wollen. Jesus lebt, er ist auferstanden, obwohl er tot war. Nicht scheintot, sondern tot. Wir tun manchmal so, als ob das so leicht zu glauben wäre. Damit steht und fällt unser Glaube. Das ist das eine.
Das andere ist: Ich setze gegen die Glaubensarmut, den Glaubensmut eines Karl Rahners entgegen, der für mich eine Art Antitoxin und Gegengift ist. Zum Glauben gehört auch Glaubensfreude, was uns Papst Franziskus immer wieder vor Augen geführt hat und auch in vielen Texten klargemacht hat.
Ich denke, Glaube ist keine Spaßveranstaltung, aber es hat mit Mut und Freude zu tun. Wir finden viele Menschen, die trotz schwieriger Erfahrungen in der Kindheit, in ihrer Ausbildung oder im Alter Mut zum Glauben haben und auch Freude am Glauben finden. Ich denke auch ein Mario Adolf ist solchen Christen begegnet und hat Respekt vor ihnen.
DOMRADIO.DE: Was sollte die Kirche in ihren Augen aus dem Beispiel dieses verhinderten Gläubigen Mario Adorf lernen?
Batlogg: Respektvoll mit denen umzugehen, die sich im Glauben schwertun oder die nicht glauben können. Es steht uns nicht zu, Menschen abzuschreiben, sie in die Hölle zu schicken oder ins Fegefeuer. Das passiert heute nicht mehr so, wie es vielleicht in früheren Zeiten der Fall war.
Das Interview führte Hilde Regeniter.