Warum eine Woche lang Ostern gefeiert wird

Acht Mal Sonntag

Ostern ist kein einzelner Tag, sondern ein Hochfest von acht Tagen. Die sogenannte Osteroktav bis Weißen Sonntag hat tiefe biblische Wurzeln und prägt bis heute Liturgie und Feiertagskultur, auch über die kirchlichen Grenzen hinaus.

Autor/in:
Jan Hendrik Stens
Brennt eine Woche lang ununterbrochen: Osterkerze im Kölner Dom / © Beatrice Tomasetti (DR)
Brennt eine Woche lang ununterbrochen: Osterkerze im Kölner Dom / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Wer am Ostersonntag in die Liturgie blickt, merkt schnell: Mit dem festlichen Halleluja ist es nicht getan. Die Kirche feiert die Auferstehung Christi nicht nur an einem Tag, sondern über acht Tage hinweg – als ein einziges großes Hochfest. Diese sogenannte "Osteroktav" gehört zu den ältesten und zugleich bedeutendsten Strukturen des Kirchenjahres.

Liturgisch gilt dabei eine bemerkenswerte Regel: Jeder Tag der Osteroktav wird wie ein Hochfest begangen. Die Liturgie kennt in diesen Tagen keine gewöhnlichen Werktage. Selbst andere Hochfeste müssen zurücktreten – sie können erst nachgefeiert werden, wenn die Oktav beendet ist, konkret nach dem Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit, dem Weißen Sonntag.

Was ist eine Oktav?

Der Begriff "Oktav" leitet sich vom lateinischen "octava dies" ab – der "achte Tag". Gemeint ist ein Zeitraum von acht Tagen, in dem ein Fest verlängert und vertieft wird. Dabei zählt der Festtag selbst bereits als erster Tag mit, sodass sich an Ostern eine Spanne von Sonntag bis Sonntag ergibt. Daher ist auch der Ostersamstag nicht der Samstag vor Ostersonntag – das ist der Karsamstag –, sondern der danach.

Die Idee dahinter ist nicht bloß eine Verlängerung im kalendarischen Sinn, sondern eine theologische Verdichtung: Ein so zentrales Heils-Ereignis wie die Auferstehung Christi kann nicht in 24 Stunden "abgehandelt" werden. Es verlangt eine längere Feier, ein Hineinwachsen, ein Verweilen im Geheimnis. Das wird auch in den Schriftlesungen dieser Tage deutlich.

Biblische Wurzeln im Judentum

Die Wurzeln dieser Feststruktur reichen tief in das Judentum hinein. Bereits im Alten Testament begegnet die Vorstellung mehrtägiger Festzeiten, wie sie im Buch Levitikus im 23. Kapitel beschrieben werden. Besonders prägend ist das Pessachfest, das über eine Woche hinweg gefeiert wird. Auch das Laubhüttenfest (Sukkot) kennt eine siebentägige Festdauer, die durch einen zusätzlichen achten Tag abgeschlossen wird.

Die Juden feiern Pessach (KNA)
Die Juden feiern Pessach / ( KNA )

Diese Struktur hat eine klare religiöse Logik: Große Heils-Taten Gottes werden nicht punktuell erinnert, sondern in einem Zeitraum gefeiert, der Raum für Gemeinschaft, Erinnerung und Vertiefung lässt.

Auch im Neuen Testament gibt es Hinweise auf die Bedeutung des achten Tages. So erscheint der auferstandene Christus den Jüngern nicht nur am Ostertag, sondern erneut "acht Tage darauf" (vgl. Joh 20,26). Die frühe Kirche hat darin eine Bestätigung gesehen, dass das Osterereignis eine zeitliche Ausdehnung besitzt.

Entwicklung in der frühen Kirche

Erwachsenentaufe in der Osternacht im Kölner Dom / © Beatrice Tomasetti (DR)
Erwachsenentaufe in der Osternacht im Kölner Dom / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Bereits in den ersten Jahrhunderten entwickelte sich die Osteroktav zu einer festen Größe im liturgischen Leben. Besonders eng war sie mit der Taufpraxis verbunden: Die Osternacht war zentraler Termin für die Taufe der Katechumenen. Die Neugetauften trugen anschließend eine Woche lang ihre weißen Gewänder und legten diese erst am Sonntag darauf ab – daher stammt der Name "Weißer Sonntag".

In dieser Zeit wurde Ostern als ein zusammenhängendes Fest verstanden, nicht als Abfolge einzelner Tage. Die Liturgie war geprägt von festlichen Gesängen, täglichen Eucharistiefeiern und einer intensiven mystagogischen Unterweisung der Neugetauften.

Ausweitung der Oktaven im Mittelalter

Im Laufe des Mittelalters wurde das Prinzip der Oktav auf viele weitere Feste übertragen. Neben Ostern und Weihnachten erhielten auch Hochfeste wie Fronleichnam, Epiphanie oder Kirchweihfeste eigene Oktaven. Einige sind bis heute als Festwochen erhalten geblieben. Die Liturgie wurde dadurch immer stärker strukturiert – aber auch komplexer.

Diese Entwicklung hatte zwei Seiten: Einerseits wurde die Bedeutung wichtiger Feste hervorgehoben, andererseits entstand eine gewisse Überfrachtung des Kalenders. Immer mehr Tage waren durch Oktaven "belegt", was die ursprüngliche Klarheit des Kirchenjahres teilweise überlagerte.

Liturgische Reform und Reduktion

Mit der Liturgiereform des 20. Jahrhunderts, insbesondere nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, wurde diese Entwicklung bewusst zurückgenommen. Ziel war eine stärkere Konzentration auf das Wesentliche, also die das Kirchenjahr am meisten prägenden Feste.

Ausschnitt des Gemäldes »Mariä Himmelfahrt« von El Greco / © N.N. (dpa)
Ausschnitt des Gemäldes »Mariä Himmelfahrt« von El Greco / © N.N. ( dpa )

Heute kennt die römisch-katholische Liturgie nur noch zwei Oktaven mit weltkirchlicher Gültigkeit: die Osteroktav und die Weihnachtsoktav. Beide sind unmittelbar auf die zentralen Geheimnisse des Glaubens bezogen: die Menschwerdung und die Auferstehung Christi. 

Aber anderen Hochfesten und Festen folgt mitunter am Oktavtag noch einmal ein darauf Bezug nehmender Gedenktag wie zum Beispiel Maria Königin genau eine Woche nach dem Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel.

Die Osteroktav nimmt im heutigen liturgischen Kalender eine herausragende Stellung ein. Sie ist die "Festwoche der Wochen" und bildet zusammen mit der vorangehenden Karwoche gewissermaßen das Herz des gesamten Kirchenjahres. Es herrscht also zwei Wochen lang Ausnahmezustand.

Der Rang der Osteroktav

Liturgisch ist die Osteroktav einzigartig. Jeder ihrer Tage steht im liturgischen Rang eines Hochfestes. Selbst andere Hochfeste müssen zurücktreten. Diese Vorrangstellung unterstreicht: Die Auferstehung ist das zentrale Ereignis des christlichen Glaubens – und ihre Feier duldet keine Konkurrenz.

Im liturgischen Vollzug schwächelt die Oktav allerdings ein wenig, denn in der Heiligen Messe wird eine Woche lang nur der Gloria-Hymnus hinzugefügt wie an Festen. Das Glaubensbekenntnis ist nur am Ostersonntag und erst wieder am Sonntag darauf vorgesehen. In der Stundenliturgie wird eine Woche lang jeden Tag der Te Deum-Hymnus ("Dich, Gott, loben wir") gesungen.

Glockenstuhl im Südturm des Kölner Domes / © Andreas Kuehlken (KNA)
Glockenstuhl im Südturm des Kölner Domes / © Andreas Kuehlken ( KNA )
Läuten eine Woche lang feierlich: die Kölner Domglocken

Deutlich wird die Osteroktav aber an äußeren Zeichen: Im Kölner Dom brennt die Osterkerze eine ganze Woche lang ununterbrochen auf dem großen Ständer in der Vierung der Kathedrale. Auch das Geläut zu den Gottesdiensten ist eine ganze Woche lang unüberhörbar sonntäglich. Letzteres spiegelt sich auch in ausgefeilten Läuteordnungen anderer Kirchen wider.

Ostermontag mit Sonderstatus

Mosaik: Jesus mit zwei Jüngern auf dem Weg nach Emmaus  / © Renata Sedmakova  (shutterstock)
Mosaik: Jesus mit zwei Jüngern auf dem Weg nach Emmaus / © Renata Sedmakova ( shutterstock )

Im deutschsprachigen Raum genießt der Ostermontag noch eine Vorrangstellung. An ihm sind – wie am Ostersonntag auch – in der Heiligen Messe drei Schriftlesungen vorgesehen. Abweichend von der Leseordnung der Weltkirche hören die Gläubigen hierzulande am Ostermontag das Emmaus-Evangelium (Lk 24,13-35), wie es in der alten Liturgie Tradition war.

Hierdurch kommt es an den Folgetagen der Oktav zu einer Verschiebung der Evangeliumstexte, die nicht selten für Verwirrung und Chaos sorgt. Mitunter ist dann das Emmaus-Evangelium noch einmal am Ostermittwoch zu hören, weil ein Verantwortlicher nicht aufgepasst oder ein Zelebrant Sonderwünsche geäußert hat. Die richtige Reihenfolge – gemessen an der Leseordnung der Weltkirche – im deutschsprachigen Raum ist demnach: Mittwoch, Montag, Dienstag und ab Donnerstag dann gleichlaufend. In der Stundenliturgie müssten die Antiphonen zum Benedictus und Magnificat auch entsprechend angepasst werden.

Vom Kirchenkalender zum gesetzlichen Feiertag

Die Frage, warum in Deutschland auf Ostersonntag ein gesetzlicher Feiertag folgt, führt aus der Liturgie in die Rechts- und Kulturgeschichte und steht aktuell auch wieder in der Diskussion.

Die sogenannten "zweiten Feiertage" – also Ostermontag, Pfingstmontag und der zweite Weihnachtstag – haben ihre Wurzeln in der mittelalterlichen Praxis der Oktaven. Da große Feste über mehrere Tage hinweg begangen wurden, war es naheliegend, auch den Folgetag arbeitsfrei zu halten.

Mit der Säkularisierung und der Entstehung moderner Staaten wurden diese kirchlich geprägten Rhythmen teilweise in staatliches Recht übernommen. In Deutschland sind die Feiertagsgesetze Ländersache, doch der Ostermontag wie auch der Pfingstmontag und der zweite Weihnachtstag sind bundesweit gesetzlich geschützt und werden derzeit auch von der Mehrheit der Bevölkerung befürwortet. Feiertage sind eben nicht nur religiöse, sondern auch kulturelle und gesellschaftliche Institutionen.

Mehr als Tradition

Die Osteroktav ist somit mehr als ein liturgisches Detail. Sie zeigt, wie tief religiöse Praxis, biblische Tradition und gesellschaftliche Ordnung miteinander verwoben sind.

Wer Ostern wirklich verstehen will, muss sich auf diese Zeit einlassen. Die acht Tage laden dazu ein, die Auferstehung nicht nur zu feiern, sondern zu bedenken, zu verinnerlichen – und vielleicht auch neu zu begreifen, warum ein einziger Tag dafür nicht ausreicht. Ein bewusstes Mitfeiern der Liturgie der Kirche kann hier ein Weg sein.

Ostern

An Ostern feiern Christen ihr wichtigstes Fest: die Auferstehung Jesu am dritten Tag nach dem Tod am Kreuz. Die Botschaft von Kreuz und Auferstehung ist das Fundament ihres Glaubens. Kerngehalt ist, "dass am Ende das Leben über den Tod, die Wahrheit über die Lüge, die Gerechtigkeit über das Unrecht, die Liebe über den Hass und selbst über den Tod siegen wird", so der katholische Katechismus.

Seit dem Konzil von Nizäa im Jahre 325 wird das älteste Fest der Christenheit am Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond gefeiert.

Osterkerzen / © Harald Oppitz (KNA)
Osterkerzen / © Harald Oppitz ( KNA )
Quelle:
DR

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