Ein menschenähnlicher Roboter predigt, beantwortet Lebensfragen und bewegt sich wie ein Mönch: In Japan wird mit dem Projekt "Buddharoid" erprobt, wie Künstliche Intelligenz religiöse Aufgaben übernehmen kann.
"Buddharoid" wurde mit einer Fülle buddhistischer Schriften trainiert. Er könnte, so die Idee, als KI-Mönch Tempel vor dem Leerstand retten, denn durch die alternde japanische Gesellschaft fehlt es dort zunehmend auch an Geistlichen.
Mit dem Umgang mit Künstlicher Intelligenz und Robotik in Fernost widmet sich auch der Theologe Elmar Nass in seinem neuen Buch "Christliche KI-Ethik". Für ihn ist der humanoide Roboter ein ambivalentes Beispiel. Einerseits zeige es, dass in Künstlicher Intelligenz viele Chancen liegen. "Das ist sicher eine Möglichkeit, um junge Menschen an Inhalte der Religion heranzuführen", sagt Nass im Interview mit DOMRADIO.DE. Solche Anwendungen und Möglichkeiten, wie humanoide Mönche und Priester, könnten religiöse Themen auf niederschwelligem Niveau vermitteln. Andererseits seien dem in Bezug auf die Glaubensvermittlung klare Grenzen gesetzt.
Keinen Platz für den Heiligen Geist
Dabei warnte der Priester und Sozialethiker vor einer Verwechslung von Maschine und menschlicher Begegnung: "Diese KI-Roboter-Mönche sind keine Menschen, sie haben keine Seele." Ihnen fehle der Raum für das Wirken des Heiligen Geistes und damit ein zentraler Aspekt religiöser Erfahrung. Dieser sei aber für echte Seelsorge entscheidend, meint Nass.
Besonders kritisch sieht er die mögliche Verdrängung menschlicher Beziehungen durch KI. Wenn Maschinen menschliche Nähe nur simulieren, könne das weitreichende Folgen haben.
KI kann keine menschliche Beziehung ersetzen
"Am Ende wird es da problematisch, wo suggeriert wird, ich würde mit Menschen sprechen", erklärt der Theologe. Eine solche Entwicklung könne dazu führen, dass wir in eine Gesellschaft hineinliefen, in der rein menschliche Kontakte durch Kontakte mit KI ersetzt würden.
Das betreffe nicht nur religiöse Kontexte, sondern auch Bereiche wie Pflege oder Seelsorge. Die Konsequenz wäre laut Nass eine "Entmenschlichung von Beziehungen, von Glauben und Gesellschaft insgesamt".
KI ist nicht neutral
Nass hat gemeinsam mit Studierenden verschiedene Kommunikationstools, sogenannten Chatbots, zu Religion und Kirche befragt – mit teils unterschiedlichen Ergebnissen. Während einige Systeme Religion differenziert darstellten, betonten andere stärker kritische oder politische Aspekte.
Diese Unterschiede müssten Nutzerinnen und Nutzer kennen. Der verbreitete Eindruck, KI liefere objektive Wahrheiten, sei trügerisch. "Falls jemand denkt: 'Ich habe KI gefragt und damit habe ich die Wahrheit', dem kann ich nur sagen: 'Nein, die habe ich nicht.'“
Für die Kirche ergebe sich daraus eine doppelte Aufgabe. Nass meint damit einerseits, über die Funktionsweise von KI aufzuklären. Andererseits müssten eigene Angebote erarbeitet werden. Zwar gebe es bereits kirchliche Chatbots, räumt Nass ein, diese hätten jedoch noch eine geringe Reichweite.
Möglichkeiten KI-gestützter Seelsorge
Konkrete Einsatzmöglichkeiten sieht Nass dennoch. So könne sie etwa bei theologischer Recherche unterstützen, indem sie schnell Parallelen in biblischen Texten aufzeige.
Auch in der Seelsorge erkennt er ergänzendes Potenzial. "Wo Menschen in Notsituationen sind und beispielsweise bei der Telefonseelsorge anrufen, kann die KI einen 24-Stunden-Dienst sicherstellen, wo es menschliche Kontakte nicht mehr schaffen", erläutert Nass. Das sei natürlich nicht optimal, aber dafür eine erste Anlaufstelle, damit Menschen nicht ins Leere liefen und zumindest eine Antwort bekämen.
Darüber hinaus seien neue Formate denkbar, etwa personalisierte spirituelle Impulse, individuell zugeschnittene Bibeltexte oder tägliche Denkanstöße.
Kirche braucht neue Antworten
Große Erwartungen verbindet Nass mit einer möglichen Enzyklika von Papst Leo XIV. zum Thema Künstliche Intelligenz. Der Papst verstehe KI als eine "Art von industrieller Revolution", sagt Nass. Entsprechend gehe es um grundlegende Fragen etwa nach dem Menschenbild oder dem Verhältnis zwischen Mensch und Maschine sowie nach der menschlichen Verantwortung.
Die Entwicklung berühre damit den Kern christlicher Ethik. "Das verändert fundamental unser Verständnis vom Zusammenleben", so Nass. Deshalb brauche es neue Antworten der Kirche.