Esel sind angeblich dumm und faul, deshalb werden einfache Merkhilfen auch Eselsbrücken genannt. "Ich und du, Müllers Kuh, Müllers Esel das bist du", auch dieser Abzählreim zeugt von wenig Wertschätzung des Grautieres. Dabei ist an dem Vorurteil gar nichts dran. Weder den sturen Esel noch den dummen Esel gibt es wirklich.
Esel sind vielmehr hochintelligent, neugierig, aber auch vorsichtig. Das macht sie zu besonders klugen Tieren, die nicht jedem über den Weg trauen.
Bindet den Esel los, der Herr braucht ihn: Mit diesen Worten schickt Jesus seine Jünger los, um bei einem Mann aus dem Dorf Betfage am Ölberg ein Reittier zu organisieren. Für die Jünger damals mag sich das höchst unverständlich angehört haben. Denn eigentlich waren sie doch immer zu Fuß unterwegs. Per pedes sind sie durch Galiläa gezogen, haben das Evangelium verkündet und Kranke geheilt. Noch nie hat jemand einen Esel oder ein anderes Tier gebraucht, um darauf zu reiten. Und so mag diese Ansage Jesu durchaus Irritation hervorgerufen haben. Warum braucht er so kurz vor Jerusalem einen Esel? Warum muss er unbedingt auf diesem Tier nach Jerusalem reiten? Doch die Jünger tun, wie es ihnen vom Meister aufgetragen wird.
Demütiger Ritt auf einem Esel
Jesus jedenfalls weiß genau, was er tut. Denn wieder einmal nimmt er Maß an dem, was bei den Propheten über den Messias geschrieben ist.
Und dort heißt es eben beim Propheten Sacharja: "Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir. Gerecht ist er und Rettung wurde ihm zuteil, demütig ist er und reitet auf einem Esel, ja, auf einem Esel, dem Jungen einer Eselin." (9,9) Der endzeitliche Friedenskönig zieht auf einem Esel in Jerusalem ein. Das ist das Bild, das Jesus vor Augen hat.
Das, was am Palmsonntag geschieht, ist kein Zufall, sondern eine geschickte Inszenierung. Wie vieles im Leben Jesu wird das, was er tut, auf der Hintergrundfolie des Alten Testaments verständlich. Dort werden viele Vorstellungen präsentiert, wie es sein wird, wenn der Messias wiederkommt. Jesus und die Menschen damals kannten sie.
Deshalb hat er sie aufgegriffen, um seinen göttlichen Anspruch zu manifestieren.
Ein Willkommen als Messias
Und die Menschen verstehen, was Jesus ihnen sagen will: Als er auf dem Esel Platz genommen, breiten sie ihre Kleider vor ihm aus. Mit einem prächtigen Zug kommt Jesus nach Jerusalem, wie der Messias wird er begrüßt und willkommen geheißen.
Obwohl der Esel eher eine Randfigur ist, wird er zum Hauptdarsteller: Denn erst über den Esel wird die Verbindung zur alttestamentlichen Prophezeiung hergestellt. Erst mit dem Esel wird deutlich, welchen Anspruch Jesus bei seinem Einzug in Jerusalem erhebt. Und er kommt eben nicht hoch zu Ross, wie all die anderen Herrscher. Sondern er reitet auf einem Esel, auf einem Tier, über das man viele Vorurteile hat. Jesus wählt das Kleine und Schwache, er sorgt sich um die, die sonst am Rand stehen.
Ein ganz besonderer König
Das wird auch am Palmsonntag deutlich: Der Esel steht im Mittelpunkt. Er weist darauf hin, dass derjenige, der auf ihm reitet, wirklich ein König ist. Ein König, der nicht eine Stadt einnehmen will, der vielmehr Frieden bringt, Hoffnung und Gerechtigkeit. Und deswegen jubelt die Menge auch: "Hosanna - Herr, hilf doch". Weil die Menschen wissen, dass von diesem König Hilfe kommt, dass er sich um die sorgt, die sonst ausgegrenzt und verachtet sind. Die keinen Helfer haben und niemanden, den ihr Leben interessiert.
Der Einzug Jesu in Jerusalem ist kein Triumphzug. Der Palmsonntag ist vielmehr ein Tag, der uns Hoffnung machen soll: Hoffnung, dass Jesus auch in unser Herz einziehen möchte, um es mit Frieden und Liebe zu füllen. Hoffnung, dass unser Leben für Jesus wichtig ist und dass er uns sieht. So, wie er den Esel gesehen hat - die Randfigur, die zum Hauptdarsteller wird.