Die Prinzipien der katholischen Soziallehre reifen nach Ansicht des Theologen Thomas Schwartz angesichts vielfältiger Krisen zu einem "weltpolitisch hochrelevanten moralischen Imperativ".
Das schrieb der Hauptgeschäftsführer des katholischen Osteuropa-Hilfswerks Renovabis in der aktuellen Ausgabe der "Herder-Korrespondenz": "Wie ein guter Bordeaux, der erst nach Jahrzehnten seine volle Komplexität offenbart, entfaltet die Soziallehre ihre intellektuelle Schärfe gerade in den neuen Schläuchen unserer multiplen Krisen."
Die Soziallehre der Kirche decke die strukturellen Verbindungen zwischen Klimakrise und wirtschaftlicher Ungerechtigkeit "schonungslos" auf, schreibt Schwartz. Das Konzept der "ökologischen Schuld" konkretisiere intergenerationelle Verantwortung: "Die reichen Nationen tragen eine messbare Schuld gegenüber den Armen - eine Schuld, die in Gigatonnen Kohlenstoffdioxid quantifizierbar ist, in versiegelten und ausgelaugten Böden, in ausgebeuteten Ressourcen, in vernichteter Biodiversität", so der Theologe.
Papst Franziskus' Begriff der "ökologischen Schuld" sei damit keine Metapher für moralisches Unbehagen, sondern eine präzise Diagnose: Die Industrienationen verursachten durch ihren historischen Kohlenstoffausstoß unmittelbar die Klimakrise, die nun die Lebensgrundlagen von Millionen Menschen vernichte. "Diese Schuld ist real, quantifizierbar und erfordert Wiedergutmachung", schreibt Schwartz. So seien die Forderungen nach Klimareparationen keine ideologische Spinnerei, sondern die logische Konsequenz des Solidaritätsprinzips.
Antwort auf aktuelle Krisen
Schwartz fordert eine Neujustierung globaler Institutionen: "eine Reform des UN-Sicherheitsrats mit Einschränkung des Vetorechts; einen Internationalen Gerichtshof mit erweiterter Jurisdiktion; eine globale Finanzautorität gegen Steuerflucht; eine supranationale Klimaagentur mit durchsetzbaren Sanktionsmechanismen; eine internationale KI-Regulierungsbehörde".
Dies erfordere den Mut, nationale Souveränität zugunsten des Gemeinwohls zu beschränken, schreibt er. Auch wenn dieser Gedanke "bei Populisten Schnappatmung" verursache, sei er "alternativlos".
Die katholische Soziallehre biete keinen Masterplan, aber einen Kompass: Die ökosoziale Transformation verlange globale, intergenerationelle Solidarität, die sich in der Anerkennung und Tilgung der ökologischen Schuld konkretisiere. Die KI-Revolution verlange digitale Subsidiarität, die menschliche Autorschaft und Gedankenfreiheit gegen algorithmische Tyrannei schütze.
Technologie müsse dem Menschen dienen und die "aus den Fugen geratene Weltordnung verlangt politische Subsidiarität, die sich in der Ermächtigung effektiver internationaler Institutionen mit echten Durchgriffsmöglichkeiten manifestiert", so Schwartz.
Der Theologe betonte: "Es braucht eine Weltautorität, die Entscheidungen durchsetzen kann - gegen entfesselte transnationale Märkte, die sich jeder demokratischen Kontrolle entziehen, und gegen gewaltbereite neokoloniale Imperialismen, die das Völkerrecht verhöhnen."