Theologe Schwartz sieht Soziallehre als moralischen Kompass in Krisen

Neujustierung globaler Institutionen

Die Welt ist in der Krise. Renovabis-Hauptgeschäftsführer Thomas Schwartz sieht die Katholische Soziallehre aber als ausgereiften Wegweiser in aktuellen Konfliktlagen. Sie biete dabei zwar keinen Masterplan, sei aber ein Kompass.

Essensausgabe für Bedürftige / © addkm (shutterstock)
Essensausgabe für Bedürftige / © addkm ( shutterstock )

Die Prinzipien der katholischen Soziallehre reifen nach Ansicht des Theologen Thomas Schwartz angesichts vielfältiger Krisen zu einem "weltpolitisch hochrelevanten moralischen Imperativ". 

Das schrieb der Hauptgeschäftsführer des katholischen Osteuropa-Hilfswerks Renovabis in der aktuellen Ausgabe der "Herder-Korrespondenz": "Wie ein guter Bordeaux, der erst nach Jahrzehnten seine volle Komplexität offenbart, entfaltet die Soziallehre ihre intellektuelle Schärfe gerade in den neuen Schläuchen unserer multiplen Krisen."

Thomas Schwartz / © Dieter Mayr (KNA)
Thomas Schwartz / © Dieter Mayr ( KNA )

Die Soziallehre der Kirche decke die strukturellen Verbindungen zwischen Klimakrise und wirtschaftlicher Ungerechtigkeit "schonungslos" auf, schreibt Schwartz. Das Konzept der "ökologischen Schuld" konkretisiere intergenerationelle Verantwortung: "Die reichen Nationen tragen eine messbare Schuld gegenüber den Armen - eine Schuld, die in Gigatonnen Kohlenstoffdioxid quantifizierbar ist, in versiegelten und ausgelaugten Böden, in ausgebeuteten Ressourcen, in vernichteter Biodiversität", so der Theologe.

Papst Franziskus' Begriff der "ökologischen Schuld" sei damit keine Metapher für moralisches Unbehagen, sondern eine präzise Diagnose: Die Industrienationen verursachten durch ihren historischen Kohlenstoffausstoß unmittelbar die Klimakrise, die nun die Lebensgrundlagen von Millionen Menschen vernichte. "Diese Schuld ist real, quantifizierbar und erfordert Wiedergutmachung", schreibt Schwartz. So seien die Forderungen nach Klimareparationen keine ideologische Spinnerei, sondern die logische Konsequenz des Solidaritätsprinzips.

Antwort auf aktuelle Krisen

Schwartz fordert eine Neujustierung globaler Institutionen: "eine Reform des UN-Sicherheitsrats mit Einschränkung des Vetorechts; einen Internationalen Gerichtshof mit erweiterter Jurisdiktion; eine globale Finanzautorität gegen Steuerflucht; eine supranationale Klimaagentur mit durchsetzbaren Sanktionsmechanismen; eine internationale KI-Regulierungsbehörde". 

Dies erfordere den Mut, nationale Souveränität zugunsten des Gemeinwohls zu beschränken, schreibt er. Auch wenn dieser Gedanke "bei Populisten Schnappatmung" verursache, sei er "alternativlos".

Die katholische Soziallehre biete keinen Masterplan, aber einen Kompass: Die ökosoziale Transformation verlange globale, intergenerationelle Solidarität, die sich in der Anerkennung und Tilgung der ökologischen Schuld konkretisiere. Die KI-Revolution verlange digitale Subsidiarität, die menschliche Autorschaft und Gedankenfreiheit gegen algorithmische Tyrannei schütze. 

Technologie müsse dem Menschen dienen und die "aus den Fugen geratene Weltordnung verlangt politische Subsidiarität, die sich in der Ermächtigung effektiver internationaler Institutionen mit echten Durchgriffsmöglichkeiten manifestiert", so Schwartz.

Der Theologe betonte: "Es braucht eine Weltautorität, die Entscheidungen durchsetzen kann - gegen entfesselte transnationale Märkte, die sich jeder demokratischen Kontrolle entziehen, und gegen gewaltbereite neokoloniale Imperialismen, die das Völkerrecht verhöhnen."

Katholische Soziallehre

Die katholische Soziallehre ist die Soziallehre der katholischen Kirche. Sie ist historisch eng mit dem päpstlichen Lehramt, insbesondere den Sozialenzykliken, verknüpft. Obwohl die Kirche seit ihren Anfängen zur sittlichen Gestaltung des sozialen Lebens Stellung bezog und in der Scholastik die naturrechtlichen Grundlagen ihres Menschen- und Gesellschaftsbildes entwickelte, ist ihre Soziallehre im engeren Sinne ein Produkt des 19. Jahrhunderts mit seinen sozialen Spannungen und den konkurrierenden Ideologien des Liberalismus und Sozialismus.

Artikel-ID: 2117682383
HERTEN, DEUTSCHLAND - 3. MÄRZ 2021: Ewald Pit, Industrieerbe der Ruhrmetropole am 3. März 2021 in Herten, Deutschland / © alfotokunst (shutterstock)
Artikel-ID: 2117682383 HERTEN, DEUTSCHLAND - 3. MÄRZ 2021: Ewald Pit, Industrieerbe der Ruhrmetropole am 3. März 2021 in Herten, Deutschland / © alfotokunst ( shutterstock )
Quelle:
KNA