Kirchen prägen Stadtbilder und Lebenswelten

Vom Minarett bis zum Kirchturm

Wie prägen Moscheen, Synagogen und Kirchen das Stadtbild? Zwei Wissenschaftlerinnen zeigen, wie Sakralarchitektur, Migration und religiöse Vielfalt die Städte verändern. Es ist ein mühsamer, aber unverzichtbarer Prozess.

Autor/in:
Kristina Staab
Ehrenfelder Ditib-Moschee und Kölner Dom / © Rolf Vennenbernd (dpa)
Ehrenfelder Ditib-Moschee und Kölner Dom / © Rolf Vennenbernd ( dpa )

Viele Menschen verbinden Kirchen nicht nur mit Gottesdiensten, sondern auch mit Nachbarschaft, Treffpunkten und persönlicher Identifikation. 

"Der Kirchplatz, auf dem man sich früher mit Freunden traf, prägt bis heute den inneren Kosmos der Bewohner", erklärt Beate Löffler, Architektin und Kunsthistorikerin. Selbst säkularisierte Kirchen bleiben als kulturelle Landmarken spürbar, und Abriss oder Umnutzung kann den Verlust von Deutungshoheit und Identifikation bedeuten.

Minarett-Moschee in Tirana, Albanien / © Elton.xh (shutterstock)
Minarett-Moschee in Tirana, Albanien / © Elton.xh ( shutterstock )

Es geht also nicht allein um Architektur, sondern um die enge Verknüpfung von gebauten Räumen, sozialen Praktiken und geteilten Erinnerungen: Dort haben Menschen geheiratet oder ihr Kind taufen lassen. Sehgewohnheiten beim Erkennen von Sakralräumen sind kulturell geprägt.

"In Deutschland überlagern sich etablierte Bild-Erwartungen mit denen von Zuwandernden", erläutert Löffler, die gemeinsam mit der Religionswissenschaftlerin Dunja Sharbat Dar das Buch "Religiöse Bauten im Stadtraum des 21. Jahrhunderts in Deutschland" verfasst hat.

Der Bau religiöser Gebäude ist aufwendig: "Das erfordert nicht nur Geld, sondern auch die Kompetenz, sich mit Stadtgesellschaft und Verwaltung auseinanderzusetzen." Entsprechend vergehen oft Jahrzehnte, bis Gemeinschaften die nötige Stabilität erreichen, um eigene Räume sichtbar zu machen.

Miteinander braucht einen Ort

Religion entfaltet sich dabei nicht nur in Ritualen, sondern im Miteinander – und das braucht einen Ort. "Wenn sich eine Gemeinde konstituiert, geschieht das auch durch die körperliche Anwesenheit", erläutert Löffler. Ein gebauter Kirchenraum fördere Zusammenhalt, Traditionen und Beheimatung. 

Bereits zum zweiten Mal findet die Einschulung unter Coronabedingungen statt. / © Beatrice Tomasetti (DR)
Bereits zum zweiten Mal findet die Einschulung unter Coronabedingungen statt. / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Corona habe gezeigt, wie sehr Gemeinden darunter litten, wenn Begegnung unmöglich war. In der modernen Stadt reiben sich der soziale Raum einer multireligiösen Gesellschaft und ihre Bedürfnisse mit der historischen gebauten Struktur, die für eine monokonfessionelle christliche Religion angelegt ist. "Jede Veränderung in den religiösen Praktiken hat Konsequenzen für den Kirchenbau", so die Forscherin.

Dabei seien Sichtbarkeit, Symbolik und Monumentalität klar zu unterscheiden: Eine Moschee mit Kuppel und Minarett kann zeichenhaft sein, ohne den Stadtraum zu dominieren. Auch die Bedeutung von Größe und Präsenz hat sich verschoben. 

"Kirchen, die um 1900 noch monumental wirkten, werden heute durch Hochhäuser gnadenlos verzwergt", stellt Löffler fest. In pluralen Städten bewegt sich Sakralarchitektur zwischen funktionalem Gemeindezentrum und dem Anspruch, sich bewusst vom Alltag abzuheben, ohne zwingend als Machtdemonstration gelesen zu werden.

Historisch war Bauen stets mit Einfluss verknüpft. "Wer hoch baut, wer groß baut, hat Macht über den Raum", sagt die Buchautorin. Türme prägten einst das Stadtbild und signalisierten Autorität – eine Lesart, die heute angesichts moderner Skylines weitgehend verblasst ist.

In den drei abrahamitischen Religionen werden jedenfalls weiterhin religiöse Gebäude errichtet. Viele junge Gemeinden in Deutschland gehen auf die Arbeitsmigration der Nachkriegszeit zurück. 

Muslimische sowie orthodoxe christliche Gemeinschaften entwickelten sich aus provisorischen Anfängen. "Es braucht Zeit, bis eine Versammlungsgemeinschaft so stabil ist, dass man bauen kann", erklärt Löffler. Erst mit gewachsenen Strukturen entstehen Moscheen oder Kirchenneubauten.

Multireligiöse Zentren entstehen vereinzelt

Parallel dazu differenzieren sich auch bestehende religiöse Gruppen zunehmend aus. Seit den 1990er-Jahren zeigen sich wachsende Unterschiede innerhalb der jüdischen Gemeinden: "Einheitsgemeinden haben sich nach methodischen Überzeugungen aufgeteilt, etwa in orthodoxe, liberale oder reformierte Gruppen", berichtet Löffler. 

In Städten wie Frankfurt, Berlin oder Dresden führt diese Diversität zu neuen Gemeinschaften – ob diese künftig eigene Sakralbauten errichten, bleibt ungewiss. Der Prozess ist komplex und langfristig.

Symbolbild Interreligiöses Gebet  / © fizkes (shutterstock)
Symbolbild Interreligiöses Gebet / © fizkes ( shutterstock )

Multireligiöse Zentren entstehen vereinzelt, etwa in Hannover oder Berlin, gelten jedoch eher als Dialogprojekte. "Das sind im Augenblick keine wirklichen Antworten auf multireligiöse Praxis, sondern Ansatzpunkte, um ins Gespräch zu kommen", ordnet Löffler ein. Die Zusammenarbeit erfordere viel Abstimmung über scheinbar Selbstverständliches. Bis echte gemeinsame Praxis entsteht, dürften noch Jahrzehnte vergehen.

Beate Löffler beschreibt die gewachsene Struktur moderner Städte: "Je eindeutiger ein Gebäude ist, desto leichter erkennen Menschen, was es sein soll. Je komplexer die Stadt wird, desto schwieriger ist es, eine klare Architektursprache zu entwickeln." Das erklärt teilweise, warum neue Moscheen oft traditionelle Formen nutzen. 

Sie plädiert dafür, aktuelle Entwicklungen zu beobachten und langfristig Empfehlungen für eine harmonischere Stadt- und Sakralplanung zu geben. Es gehe jedoch nicht darum, den Marktplatz umzubauen. Die Erhaltung des Stadtkerns überschneidet sich zwar mit Fragen zu Sakralbauten, ist aber ein eigenes Thema.

Löffler betont, dass historisch gewachsene Strukturen, bauliche Lesbarkeit und unterschiedliche Wahrnehmungen von religiösen und säkularen Gruppen mehrere Ebenen bilden, die sich nicht gleichzeitig verändern – eine Herausforderung für alle Beteiligten. "Darüber hinaus gibt es noch die Metaebene – die öffentliche Diskussion über Kirchen und Sakralbauten", erklärt Löffler. Solche komplexen Prozesse sind nur möglich, weil eine demokratische Öffentlichkeit Mitbestimmung erlaubt.

Religiöse Vielfalt in Städten ist ein langfristiger Aushandlungsprozess. "Wenn neue Gemeinden sichtbar werden, verändert das die Welt ein kleines bisschen", so Löffler. Konflikte nehmen oft mit der Zeit ab: Ein zunächst abgelehntes Minarett wird später ohne Debatte genehmigt. Auch die gemeinsame Nutzung von Sakralräumen wird häufiger. Der Prozess bleibt mühsam und teils konfliktreich, ist aber notwendig, um Prioritäten zu klären, Kompromisse zu finden und gesellschaftlichen Wandel gemeinsam zu gestalten.

Moschee

Eine Moschee ist das Sakralgebäude für das islamische Gemeinschaftsgebet. Der Begriff stammt vom arabischen Wort "masdschid", "Ort des Sich-Niederwerfens". Neben ihrer rituellen Funktion dienen Moscheen als Zentren der religiösen Lehre und Diskussion sowie als Treffpunkte für das soziale Leben. Ihr Ursprung geht auf das Haus des Propheten Mohammed in Medina als Versammlungsort zurück.

Die Masjid Al Noor Moschee (Archivbild) / © Martin Hunter (dpa)
Die Masjid Al Noor Moschee (Archivbild) / © Martin Hunter ( dpa )
Quelle:
KNA