Soziologe sieht in Erwachsenentaufen kein Beleg für religiöses Revival

Taufzahlen greifen zu kurz

Immer wieder sorgen steigende Taufzahlen in Frankreich für Aufsehen. Der Soziologe Edgar Wunder kritisiert vorschnelle Schlüsse und sensationsgetriebene Deutungen. Die Anzahl der ungetauften Kinder wiege die Erwachsenentaufen auf.

Erwachsenentaufe / © Corinne Simon (KNA)
Erwachsenentaufe / © Corinne Simon ( KNA )

Der Soziologe Edgar Wunder hat davor gewarnt, steigende Erwachsenentaufzahlen in Frankreich als Zeichen für eine Rückkehr der Religion zu sehen. "Von einer Umkehr der Säkularisierung kann keine Rede sein", sagte der Wissenschaftler vom Sozialwissenschaftlichen Institut der Evangelischen Kirche in Deutschland dem "KNA-Hintergrund" am Donnerstag. 

Beim Glauben selbst unterschieden sich Frankreich und Deutschland kaum. In beiden Ländern glaubten etwas mehr als 40 Prozent der Menschen an Gott. Medienberichte über Taufzahlen in Frankreich und anderen Ländern erweckten häufig den Eindruck eines religiösen Aufschwungs, griffen aber zu kurz. 

Der Anstieg lasse sich vor allem dadurch erklären, dass dort deutlich weniger Kinder getauft würden, erklärte Wunder. Viele Taufen würden deshalb erst im Jugend- oder Erwachsenenalter nachgeholt. Aus seiner Sicht kommt es daher weniger auf die absolute Zahl der Taufen an als auf die Taufquote.

Vergleich Deutschland/Frankreich

Wenn die Zahl ungetaufter Menschen steige, könnten auch die Taufzahlen wachsen, ohne dass sich der Anteil der Getauften insgesamt erhöhe. Zugleich seien die Größenverhältnisse eindeutig, betonte Wunder: Die Rückgänge bei den Kindertaufen fielen deutlich stärker ins Gewicht als die Zugewinne durch spätere Taufen. Diese könnten den Verlust nicht ausgleichen.

Auch im internationalen Vergleich zeigten sich klare Unterschiede. Während in Deutschland 80 bis 90 Prozent der kirchlich gebundenen Eltern ihre Kinder taufen ließen, seien es in Frankreich nur rund 60 Prozent, so Wunder. Dadurch wachse dort die Gruppe ungetaufter Kinder, aus der viele spätere Taufen hervorgingen. Insgesamt stehe Deutschland bei der Taufquote bis ins junge Erwachsenenalter besser da.

Soziales Umfeld

Migration und Konversionen spielten kaum eine Rolle, so der Experte. Die meisten Erwachsenentaufen beträfen Jugendliche aus christlich geprägten, aber kirchlich distanzierten Familien. Diese entschieden sich bewusst für die Taufe und seien häufig besonders engagiert.

Für die Kirchen ergebe sich daraus eine doppelte Herausforderung. Die Kindertaufe bleibe zentral, da spätere Taufen Rückgänge nicht ausgleichen könnten. Gleichzeitig wachse eine neue Gruppe junger Menschen, die erst später erreicht werde und sich dann bewusst für eine Taufe entscheide.

Europaweit gilt Frankreich als "Zugpferd", wenn es um Erwachsenentaufen geht. Zu Ostern 2025 wurden dort 10.384 Erwachsene getauft, hinzu kamen über 7.400 Jugendliche im Alter von 11 bis 17 Jahren.

Taufe

Die Taufe ist das erste und grundlegende Sakrament. Durch die Taufe wird der Mensch in die Gemeinschaft der Kirche aufgenommen. Die Taufe begründet die besondere, unauflösbare Gemeinschaft des Getauften mit Christus.

Symbolbild: Taufe / © Ruslan Lytvyn (shutterstock)
Quelle:
KNA