Evangelischer Pfarrer reflektiert Gemeindearbeit in Russland

"Es haben alle geschwiegen und ich auch"

Als Pastor in der russischen Metropole Sankt Petersburg hat Michael Schwarzkopf viel erlebt. Er spricht über die Arbeit in seiner Gemeinde, über das Deutschlandbild vieler Russen und das Schweigen über die Politik.

Autor/in:
Jürgen Voigt
Blick auf Sankt Petersburg in Russland / © Stephen Richard McAdam (shutterstock)
Blick auf Sankt Petersburg in Russland / © Stephen Richard McAdam ( shutterstock )

Hätte er früher gehen müssen? Diese Frage lässt Michael Schwarzkopf nicht los. Immer wieder stellt er sie sich, spricht sie laut aus. Gerade jetzt, kurz nach dem Jahrestag des russischen Angriffs auf die Ukraine. 

Schwarzkopf, heute evangelischer Pfarrer einer Erfurter Gemeinde, war von 2013 bis 2024 Pastor im russischen Sankt Petersburg. Oft habe er überlegt, das Land ob der politischen Entwicklungen früher zu verlassen. "Aber ich wurde in meiner Gemeinde einfach gebraucht", sagt er der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Michael Schwarzkopf, geschäftsführender Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Erfurt-Südost, steht am 3. März 2026 vor dem Altar in der Gustav-Adolf-Kirche in Erfurt / © Jürgen Voigt (KNA)
Michael Schwarzkopf, geschäftsführender Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Erfurt-Südost, steht am 3. März 2026 vor dem Altar in der Gustav-Adolf-Kirche in Erfurt / © Jürgen Voigt ( KNA )

Die Pfarrgemeinde, von der Schwarzkopf spricht, ist die Gemeinde der Petrikirche mitten in der russischen Metropole. Sie gehört zur Evangelisch-Lutherischen Kirche Russlands, ihr Kirchenbau ist der größte evangelische des Landes und ein Erzbischofssitz.

Gegründet wurde sie im 18. Jahrhundert von Peter dem Großen. Er gewährte damals deutschen Einwanderern Glaubensfreiheit. "An der Kirche wirkten ununterbrochen deutsche Pfarrer", berichtet Schwarzkopf. "Ich war nun aber der letzte seiner Art."

Deutsche Kirche half beim Wiederaufbau

Seit dem Ende der Sowjetunion hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) laut Schwarzkopf den evangelischen Gemeinden Russlands beim Wiederaufbau geholfen und deutsche Pfarrer ins Land geschickt Doch da es nun genug russische evangelische Pfarrer gebe, würden künftig keine Pfarrer mehr entsendet.

"Ich wollte diesen Übergang gut moderieren", sagt Schwarzkopf. Er habe es als seine Aufgabe angesehen, die Finanzen der Gemeinde zu sanieren und für die Menschen da zu sein. Und so trat er 2013 sein Amt als letzter deutscher Pfarrer der Petrikirche in Sankt Petersburg an – trotz einer schon damals angespannten politischen Lage.

Schweigen über die Politik

Über die politische Situation sei in seinem Umfeld nicht gesprochen worden. "Es haben seit 2014 alle geschwiegen. Und ich auch", erzählt Schwarzkopf. "In der normalen Gemeindearbeit war es auch völlig unmöglich, darüber zu sprechen." 

Allerdings sei die Verbundenheit mit Russland in seiner Gemeinde sehr stark. Wirklich gewusst, wer im Detail wie zur politischen Lage steht, habe er jedoch nicht und ergänzt: Anders hätte er die Gemeinde nicht zusammenhalten können. 

Michael Schwarzkopf

"Wenn wir über solche Themen gesprochen hätten, hätten der Gemeinde vielleicht viele Menschen den Rücken zugekehrt. Das hätte diese kleine Gemeinde zerbrochen."

150 Mitglieder zählte sie zuletzt, davon einige Russlanddeutsche. "Wenn wir über solche Themen gesprochen hätten, hätten der Gemeinde vielleicht viele Menschen den Rücken zugekehrt", sagt Schwarzkopf. "Das hätte diese kleine Gemeinde zerbrochen." Auch bei ihm persönlich sei eine Freundschaft in die Brüche gegangen.

Viele Menschen in der russischen Gesellschaft stünden entweder auf der einen oder der anderen Seite – es gebe nichts dazwischen. Dabei sei das Bild von Deutschland bei vielen Russen durchaus positiv. Deutschland sei das Land, das die Schnellbahnverbindung nach Moskau gebaut habe; es stehe für Pünktlichkeit und Ordnung, erzählt Schwarzkopf.

Christliches Leben und Freiheit

Sein Wirken habe sich besonders um die Gemeinde und den Glauben gedreht. "Ich wollte klarmachen, was Leben aus einem christlichen Glauben heraus heißt." Dieses Leben gehe mit einer inneren Freiheit einher, den Glauben selbst zu gestalten. 

Eine Eigenschaft, die für Russland eigentlich wichtig sei: Die Beziehung zu Gott solle Menschen nicht einschränken. "Und wenn die Gottesbeziehung mich nicht einschränkt, sollte es auch keine andere Beziehung."

Zudem hat Schwarzkopf die Gemeinde wieder auf finanziell solidere Beine gestellt – mit dem Ankauf einer gebrauchten Orgel. "In der orthodoxen Kirche in Russland gibt es keine Orgeln", erklärt er.

 © Vladimir Batishchev (shutterstock)

"Weil sie also selten zu hören sind, ist Orgelmusik für viele Menschen in Russland interessant. So kam die Idee, in unserer Kirche Konzerte zu geben." Durch die Eintrittspreise für die Konzerte, zu denen tausende russische Touristen gekommen seien, habe sich die Gemeinde inzwischen saniert.

Frühere Rückkehr nach Deutschland

Auch deshalb habe sich Schwarzkopf etwa vor vier Jahren entschlossen, schon vor dem eigentlichen Ablauf seiner vertraglichen Zeit in Sankt Petersburg 2025 nach Deutschland zurückzukehren. "Meine Aufgaben waren weitestgehend erfüllt."

Zwar sei er kurz vor seiner Ausreise zur Polizei gebeten worden: "Es wurden mir zwei Ordnungswidrigkeiten zur Last gelegt." 20 Stunden habe er in Gewahrsam verbracht. Dann aber habe sein Anwalt die Sache entkräftet; kurz darauf konnte der Pastor ausreisen. "Das ging dann auch ohne Probleme."

Eine völlig andere Welt

Verglichen mit Erfurt sei Sankt Petersburg eine völlig andere Welt. Aber genau das habe ihn 2013 gereizt. "Ich wollte in meinem Leben nochmal in eine Großstadt", erinnert sich Schwarzkopf. 

Er habe sich schon früh in seinem Leben für das Land interessiert und die Sprache gelernt, sagt der Pastor, der 1962 in der damaligen DDR geboren wurde und zunächst Mathematik studierte. Er arbeitete erst als Programmierer in Magdeburg, doch nach dem Mauerfall wuchs in ihm das Gefühl, neu anfangen zu wollen, wie er sagt. 

1990 zog er nach Berlin und begann ein Theologiestudium – ganz im Sinne seines Vaters und seiner Großväter, die ebenfalls Pfarrer waren. "Sie haben den Glauben aber sehr wissenschaftlich, theologisch, und nicht so nah an den Menschen gelebt. Das wollte ich anders angehen."

Und wie geht Schwarzkopf heute mit Leid und Krieg um? "Ich werde immer versuchen, aus dem Glauben Kraft zu schöpfen", sagt er. Den Glauben deswegen aufzugeben, davon rät er allen ab. "Dann verliert man das, was man noch hat, ja auch noch."

Quelle:
KNA