DOMRADIO.DE: An diesem Donnerstag in den frühen Morgenstunden ist der emeritierte Erfurter Bischof Joachim Wanke im Alter von 84 Jahren nach langer schwerer Krankheit gestorben. Als was für einen Menschen haben Sie Bischof Joachim Wanke erlebt?
Winfried Weinrich (Ehemaliger Leiter des Katholischen Büros Erfurt und Ordinariatsrat): Ich habe Bischof Joachim Wanke immer als einen sehr offenen Menschen erlebt. Er hat dem Menschen, dem er begegnet ist, im Gespräch stets vermittelt, dass er ihm wichtig ist. Das habe ich selbst oft im Gespräch erfahren, dass er ein hörender Mensch war, der sich immer für den Menschen Zeit genommen hat, mit dem er gerade im Gespräch war.
Das waren in seiner Funktion viele Menschen und man hatte den Eindruck, dass er jedem, der ihm begegnet ist, sehr wertschätzend gegenübergetreten ist. Wenn man aus dem Gespräch herausging, dann hatte man den Eindruck: Das ist ein Mensch, der ein offenes Herz hat, der zuhören kann und einem vermittelt, dass es gut ist, dass du da bist.
DOMRADIO.DE: Sie selbst haben, wie Bischof Wanke, die DDR erlebt. Inwiefern prägt so etwas das Katholisch-Sein?
Weinrich: Ein Kennzeichen unserer Kirche, gerade auch vor der friedlichen Revolution in der DDR-Zeit, war, dass man sich kannte. Es gab kurze Wege, es gab flache Hierarchien. Es war eben möglich, über die persönlichen Probleme mit dem Bischof zu sprechen. Es gab keine große Schwelle, sondern man kam sehr schnell miteinander ins Gespräch, weil man sich in der Diaspora-Kirche kannte. Man hatte gemeinsame Erfahrungen miteinander, gerade in dieser politischen Zeit. Man stand sehr eng zusammen. Das hat auch die Verbundenheit der Kirche sehr geprägt.
DOMRADIO.DE: Nach der friedlichen Revolution und der Wiedervereinigung wurde das Bistum Erfurt im Jahr 1994 wiederbegründet. Sie wurden zum ersten Leiter des Katholischen Büros in Erfurt ernannt. Wie hat Bischof Wanke als Oberhirte der Diözese auf dem politischen Parkett agiert?
Weinrich: Bischof Wanke hatte einen sehr großen Sensus für gesellschaftliche Fragen und Entwicklungen. Freilich war er in erster Linie Theologe, er war Bischof, aber er war offen für gesellschaftliche Entwicklungen.
Ich glaube, die Akzeptanz unserer Kirche nach der friedlichen Revolution im politischen Raum hat sehr viel mit seiner Person zu tun gehabt. Ein Beispiel: Der konziliare Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung war von Seiten der Bischöfe ein Verdienst von Joachim Wanke. Er hatte eine Offenheit und Sensibilität, dass wir uns als Kirche mit Fragen der Entwicklung in der Gesellschaft beschäftigen und dass wir die Menschen begleiten müssen. Da hat er große Verdienste.
DOMRADIO.DE: Nach 1990 stand Bischof Wanke den Vorstellungen, die an ein Comeback der Volkskirche glaubten, skeptisch gegenüber. Neben seinem Wahlspruch als Bischof war sein Motto: "Das Evangelium auf Mitteldeutsch buchstabieren." Inwiefern war er vorausschauend, auch was unsere heutige Zeit mit ihren Problemen und Herausforderungen anbelangt?
Weinrich: Es gab Stimmen nach der friedlichen Revolution, die sagten: "Jetzt kommen wir in ganz andere kirchliche Strukturen, vielleicht bekommen wir viel Zulauf." Er war da sehr realistisch und kannte aus der Vergangenheit die Kirche hier in der Diaspora. Die war geprägt durch Entscheidungs-Christentum und weniger – wenn ich das Eichsfeld mal herausnehme – durch volkskirchliche Strukturen.
Das Evangelium auf Mitteldeutsch buchstabieren bedeutete, als Christ in der thüringischen Diaspora zu leben und hier als Sauerteig mit dem Evangelium in einer mehrheitlich nicht-christlichen Gesellschaft präsent zu sein sowie hier den Gotteshorizont offen zu halten.
Wanke hat immer mit einem Spruch der Lufthansa gesagt: "Wir halten den Horizont offen." Er meinte damit, wir müssen auch die Gottesfrage in der Diaspora offenhalten und diese Dimension auch vermitteln. Das war ihm ein wichtiges Anliegen, neben seinem Bischofswahlspruch "Vestigia Christi sequi', also den Spuren Christi folgen.
DOMRADIO.DE: Was halten Sie persönlich von ihm in Erinnerung?
Weinrich: Ich habe persönlich, gerade auch beim letzten Besuch bei ihm im Krankenhaus, in Erinnerung, dass er immer auf seinen Gesprächspartner zugeht und zunächst immer auf sein Gegenüber schaut. Der Blick auf den anderen ist ihm ganz wichtig gewesen. Er hat vermittelt: "Schön, dass du da bist. Ich bin für dich da."
Das Interview führte Jan Hendrik Stens.