Er war ein Mann der bedächtigen Worte und traf dabei dennoch meist den Nagel auf den Kopf. Nach seiner Emeritierung als Bischof von Erfurt wurde es stiller um Joachim Wanke. Nun ist er am Donnerstag in den frühen Morgenstunden nach schwerer Krankheit im Alter von 84 Jahren gestorben, wie das Bistum bekanntgab. Zuletzt war er in einem Erfurter Krankenhaus palliativ versorgt worden. Mit Bischof Wanke verliert die katholische Kirche in Mittel- und Ostdeutschland eine prägende Gestalt, die über Jahrzehnte hinweg versuchte, den christlichen Glauben in einer weithin säkularen Gesellschaft verständlich zur Sprache zu bringen.
Geboren wurde Joachim Wanke am 4. Mai 1941 im schlesischen Breslau. Nach der Vertreibung seiner Familie wuchs er in Thüringen auf. In Erfurt studierte er Theologie und empfing 1966 die Priesterweihe. Zunächst wirkte er in der Seelsorge, später auch in der wissenschaftlichen Ausbildung des Priesternachwuchses und wurde Professor für neutestamentliche Exegese am Philosophisch-Theologischen Studium in Erfurt.
1980 wurde Wanke im Erfurter Dom zum Bischof geweiht und übernahm kurz darauf die Leitung des damaligen Bischöflichen Amtes Erfurt-Meiningen. Nach der deutschen Wiedervereinigung wurde daraus 1994 das neu gegründete Bistum Erfurt – mit Wanke als erstem Diözesanbischof. Mehr als drei Jahrzehnte prägte er so die katholische Kirche in Thüringen und im Osten Deutschlands. Erst 2012 nahm Papst Benedikt XVI. sein Rücktrittsgesuch aus gesundheitlichen Gründen an.
Evangelium mit neuen Ausdrucksformen
Sein bischöfliches Wirken stand unter einem Leitgedanken, den Wanke immer wieder formulierte: Man müsse "das Evangelium auf Mitteldeutsch buchstabieren", wie er erstmals 1981 in einer pastoralen Standortbestimmung forderte. Dahinter stand die Überzeugung, dass die Botschaft des Evangeliums in einer von religiöser Distanz geprägten Umgebung neue Ausdrucksformen finden müsse, die an die Lebenswirklichkeit der Menschen anknüpfen. Gerade in der ehemaligen DDR, wo viele Menschen kaum christliche Sozialisation erfahren haben, sah Wanke darin eine zentrale pastorale Aufgabe.
Diese Perspektive prägte viele von ihm geförderte Initiativen. Wanke suchte bewusst den Dialog mit Menschen außerhalb kirchlicher Milieus und förderte pastorale Angebote, die auch Fernstehenden den Zugang zur Kirche erleichtern sollten. Ein bekanntes Beispiel sind die vom Dompfarrer und heutigen Weihbischof Reinhard Hauke entwickelten "Feiern der Lebenswende", die sich an Jugendliche richten, die ohne kirchliche Bindung aufwachsen. Solche Formate sollten zeigen, dass die Kirche auch für Menschen offen bleibt, die bislang kaum Berührung mit ihr hatten.
Auch über das eigene Bistum hinaus war Bischof Wanke engagiert. In der Deutschen Bischofskonferenz leitete er viele Jahre die Pastoralkommission und brachte seine Erfahrungen aus einer stark säkularisierten Region in die gesamtdeutsche Debatte ein. Zudem stand er von 1995 bis 2001 an der Spitze der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland und setzte sich damit auch für ökumenische Zusammenarbeit ein.
Theologisch versiert und pastoralsensibel
Zeitgenossen beschrieben ihn als theologisch versierten und zugleich pastoralsensiblen Bischof, der die besonderen Herausforderungen des kirchlichen Lebens in Mittel- und Ostdeutschland ernst nahm. Wankes Predigten waren von einer tiefen Kenntnis der Heiligen Schrift geprägt, die ihm als einem der wenigen Neutestamentler unter den Bischöfen zukam. Aber auch außerhalb der liturgischen Feiern wie auch auf weltlichem Parkett war er ein gern gehörter Redner.
Als im Frühjahr 2010 zum ersten Mal eine Anzeige gegen einen Priester des Bistums wegen sexueller Nötigung Jugendlicher öffentlich geworden war, sah sich Bischof Wanke dazu veranlasst ein Wort an die Gläubigen zu richten. Mit dem Wissen von heute hätte er die eine oder andere Entscheidung in der Vergangenheit anders gefällt, bekannte er "mit tiefer Beschämung". Die Gläubigen des Bistums nahmen ihm das ab. Rücktrittsforderungen wurden nicht laut.
Gefragter Gesprächspartner, Redner und Ratgeber
Zu den Höhepunkten in der Amtszeit Joachim Wankes zählte der Besuch Papst Benedikts XVI. 2011 in der thüringischen Landeshauptstadt und im Eichsfeld. Möglicherweise fand der Bischof hier Gelegenheit, mit dem Papst über sein vorzeitiges Rücktrittsgesuch ins Gespräch zu kommen, denn mehrfach machten Wanke seine Herzprobleme zu schaffen. Auch nach seinem 2012 angenommenen Rücktritt blieb er ein gefragter Gesprächspartner, Redner und geistlicher Ratgeber.
Mit Joachim Wanke verliert die Kirche einen Bischof, dessen Anliegen es war, den Glauben in einer oft kirchenfernen Gesellschaft verständlich zu machen. Sein Wort vom "Evangelium auf Mitteldeutsch" wie auch sein Wahlspruch als Erfurter Bischof "Vestigia Christi sequi" ("Der Spur Christi folgen") bleiben ein programmatischer Hinweis darauf, dass christliche Verkündigung immer neu übersetzt werden muss – in Sprache und Lebenswelt der Menschen, für die sie bestimmt ist.