Die AfD punktet auch bei Christen – Muslime wählen SPD – und Manuel Hagel wäre Ministerpräsident geworden, wenn nur die Stimmen von Katholiken und Protestanten gezählt hätten: Eine Analyse der Forschungsgruppe Wahlen in Mannheim, die der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) exklusiv vorliegt, zeigt überraschende Ergebnisse zum Wahlverhalten von Christen und Muslimen bei der baden-württembergischen Landtagswahl vom Sonntag.
Grundlage der Analyse sind Daten der Forschungsgruppe Wahlen. Am Tag der Landtagswahl wurden in 160 Wahllokalen in ganz Baden-Württemberg rund 21.000 Bürgerinnen und Bürger befragt – unmittelbar nachdem sie gewählt hatten. 10.241 von ihnen erhielten einen kurzen Fragebogen, der auch nach Konfessions- beziehungsweise Religionszugehörigkeit fragte.
Zudem wurden demografische Faktoren wie Alter, Geschlecht oder formales Bildungsniveau erhoben. Die Wahltagsbefragungen gehören zu den umfassendsten Umfragen, die in Deutschland überhaupt stattfinden.
Demnach erreichte die AfD – trotz wiederholter Aufrufe der Kirchenführungen, die Partei wegen ihrer extremistischen und christlichen Werten widersprechenden Positionen nicht zu wählen – bei Katholiken 17 Prozent und bei Protestanten 19 Prozent.
Das entspricht etwa dem Gesamt-AfD-Ergebnis, die ihren Stimmenanteil im Vergleich zur vorausgegangenen Landtagswahl 2021 jetzt auf 18,8 Prozent verdoppeln konnte.
Bischöfe: AfD für Christen nicht wählbar
Die katholischen Bischöfe hatten der AfD schon 2024 völkischen Nationalismus vorgeworfen und die Partei als für Christen unwählbar bezeichnet. Auch der Freiburger Erzbischof Stephan Burger hatte wiederholt klar vor der AfD gewarnt. Die Analyse zeigt zugleich, dass nur 8 Prozent der Muslime ihr Kreuz bei der AfD machten – wenig überraschend bei den nationalistischen Tönen der Partei.
Auffällig ist, wie stark SPD und auch Linke unter Muslimen auf Resonanz stießen. Unter Muslimen erhielt die SPD ganze 20 Prozent, die Linke 17 Prozent. Das entspricht jeweils rund dem Vierfachen des allgemeinen Gesamtergebnisses, bei dem die SPD auf 5,5 Prozent und die Linke auf 4,4 Prozent kamen.
Keine breite muslimische Unterstützung für CDU
Deutlich schlechter als im Gesamtergebnis schnitt auch die CDU unter Muslimen ab: Die Partei mit Spitzenkandidat Manuel Hagel erreichte hier nur 16 Prozent, knapp 14 Prozentpunkte weniger als im Gesamtergebnis. Im Blick auf den hauchdünnen Wahlsieger Grüne zeigt die Auswertung, dass Spitzenkandidat Cem Özdemir, der sich selbst als säkularen Muslim bezeichnet, bei Muslimen nicht wirklich punktete: Unter Muslimen erreichten die Grünen nur 16 Prozent.
Deutlich höher war die Grünen-Zustimmung unter Protestanten (30 Prozent) und Katholiken (27 Prozent). Auffällig auch, dass die Grünen mit ihrem Spitzenkandidaten besser bei Christinnen als bei Christen ankamen: Evangelische Frauen wählten 33 Prozent Grün, evangelische Männer 27 Prozent. Eine ähnliche Differenz zeigte sich auch auf katholischer Seite.
Hohe Kirchenbindung – hohes CDU-Ergebnis
Und die CDU, die als einzige Partei das "christlich" im Namen trägt?
Hier macht sich der konfessionelle Bonus noch deutlich bemerkbar. Zur Hilfe über die Ziellinie als stärkste Partei reichte es dennoch knapp nicht. So zeigt die Auswertung der Forschungsgruppe Wahlen, dass Katholiken zu 38 Prozent und Protestanten zu 30 Prozent CDU wählten – im Vergleich zum Gesamtergebnis von 29,7 Prozent.
Spannend auch, dass mit der Kirchenbindung die CDU-Zustimmung noch einmal ansteigt: Denn unter den Christen, die jede Woche den Gottesdienst besuchen, erreichte die CDU bei den Katholiken 46 Prozent und bei den Protestanten 35 Prozent. Hätten also nur Christen abgestimmt, wäre CDU-Kandidat Hagel neuer baden-württembergischer Ministerpräsident geworden. Bei der CDU zeigt sich im Vergleich zu den Grünen der umgekehrte
Geschlechter-Trend: Die CDU stieß unter christlichen Männern auf eine etwas größere Zustimmung als unter christlichen Frauen. Allerdings beträgt der Unterschied nur etwa 2 Prozentpunkte.
Mehr Männer als Frauen wählen AfD
Eklatanter ist, dass Christinnen viel weniger AfD wählten als Christen: So etwa 15 Prozent der Katholikinnen, aber 20 Prozent der Katholiken. Dieser Geschlechterunterschied lässt sich auch beim gesamten AfD-Wahlergebnis zeigen, nicht nur unter Kirchenmitgliedern.
Im Blick auf die Altersverteilung der christlichen Stimmen zeigt sich bei den Grünen ein recht homogenes Bild: Die Partei punktete über alle Altersgruppen hinweg. Dagegen schwächelte die CDU bei den jungen Christinnen und Christen. Und bei der AfD machten mehr junge Katholiken und Protestanten ihr Kreuz als ältere Kirchenmitglieder. Und wie steht es mit den Konfessionslosen?
Nach jüngsten Schätzungen sind das etwa 40 Prozent aller Baden-Württemberger. Hier waren die Grünen mit 37 Prozent deutlicher Wahlsieger vor CDU und AfD mit jeweils 20 Prozent. Hätten nur Konfessionslose gewählt, wäre die Linke mit 7 Prozent im Landtag vertreten gewesen – die SPD mit nur 4 Prozent draußen gewesen.