Die Stadt Köln blickt auf ein langes sowohl jüdisches als auch christliches Erbe zurück: Seit 321 sind Juden in Köln bezeugt – in der Stadt am Rhein ist damit die älteste jüdische Gemeinde in Deutschland beheimatet. Der Dom und die bis heute gebräuchliche Rede vom "Heiligen Köln" zeigen aber auch, dass der christliche Glaube bedeutende Spuren in Köln hinterlassen hat. Daher ist die Domstadt ein hervorragender Ort, um eine der bedeutendsten Auszeichnungen im Dialog zwischen Judentum und Christentum zu verleihen – die Buber-Rosenzweig-Medaille.
Der Große Saal in der Kölner Festhalle Gürzenich ist am Sonntag sehr gut gefüllt. Die etwa 600 Menschen sind auf Einladung des Deutschen Koordinierungsrats der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (DKR) nach Köln gekommen, um dabei zu sein, wenn die Buber-Rosenzweig-Medaille an den diesjährigen Preisträger überreicht wird.
Die Stimmung erinnert etwas an ein Familientreffen: Viele der Anwesenden begrüßen sich, tauschen eine Umarmung aus, beginnen ein anregendes Gespräch. Das ist nicht verwunderlich, denn eine große Zahl der Anwesenden gehört einer der mehr als 80 örtlichen Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit an, die es in Deutschland gibt. Ihre gemeinsamen Ziele sind seit ihrer Gründung in der Nachkriegszeit das Miteinander von Judentum und christlichen Kirchen sowie der Kampf gegen Antisemitismus. Aber auch hohe Vertreter aus Kirche, Politik und Zivilgesellschaft sind nach Köln gereist. Auch Hendrik Wüst, der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, ist zur Preisverleihung in die Veranstaltungshalle gekommen.
Zu Fuß nach Jerusalem
Eine etwas längere Anreise als der NRW-Regierungschef hatte der diesjährige Geehrte: Pater Christian Rutishauser lehrt Judaistik an der Universität Luzern in der Schweiz. Der Jesuit engagiert sich bereits seit Jahrzehnten für den christlich-jüdischen Dialog – in der Theologie, durch Vorträge oder durch Studienreisen nach Israel.
2011 pilgerte Rutishauser sogar sieben Monate lang mit einer kleinen Gruppe auf alten Kreuzfahrer-Routen nach Jerusalem. Nach der Ankunft im Heiligen Land veranstalteten die Pilger dort eine Friedenskonferenz. Im Filmporträt, das die Arbeit des Judaisten bei der Feierstunde in Köln vorstellt, wird er wegen seiner zahlreichen Reisen und seines unermüdlichen Einsatzes treffend als "Handlungsreisender im christlich-jüdischen Dialog" bezeichnet.
Immer wieder wurde die Buber-Rosenzweig-Medaille an Theologen verliehen, die als Professoren an Universitäten lehrten. Auch Rutishausers Doktorvater aus Luzern, Clemens Thomas, erhielt im Jahr 1994 die Auszeichnung. In seiner Laudatio auf den diesjährigen Preisträger hebt der Berliner evangelische Theologe Christoph Markschies die Bedeutung des wissenschaftlichen Nachdenkens über Gott, Glaube und Religion hervor. Rutishausers Theologie sei "genau die richtige Theologie, die ganz konkret gegen Antisemitismus und Antijudaismus hilft". Rutishauser verknüpfe sie mit einem klassischen Bildungsbegriff, der in einem humanistischen Sinn "Persönlichkeitsbildung" anstrebe, so Markschies – "Bildung gegen Antisemitismus".
"Keinen Platz für Antisemitismus"
Die Zunahme von Antisemitismus und Judenhass nach dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 hierzulande ist auch bei der feierlichen Veranstaltung in Köln immer wieder Thema. Pfarrer Friedhelm Pieper, der evangelische Präsident des DKR, berichtet von einem Besuch in einer deutschen Synagoge. Als er das jüdische Gotteshaus verlässt, erinnert ihn der Sicherheitsbeauftragte daran, seine Kippa abzusetzen. Ansonsten könnte es sein, dass er auch als Nichtjude auf der Straße angegriffen wird.
Ministerpräsident Wüst verspricht in seinem Grußwort, jüdisches Leben in Deutschland wieder "sicher und sichtbar" machen zu wollen und bekräftigt: "Bei uns gibt es keinen Platz für Antisemitismus." Am Abend zuvor erinnerte der Kölner Erzbischof, Kardinal Rainer Maria Woelki, bei einer christlich-jüdischen Gemeinschaftsfeier im Kölner Rathaus daran, dass Jesus selbst Jude war. "Darum ist Antisemitismus nicht nur ein gesellschaftliches Problem. Er ist eine Verleugnung der eigenen geistlichen Herkunft", so der Kardinal. Das müsse Christen zum Handeln gegen Judenhass bewegen.
Die Kirche suche die Begegnung mit dem Judentum – in Schulen, in Gemeinden, im theologischen Gespräch. "Als Erzbistum Köln wollen wir daran mitwirken, Orte zu schaffen, an denen jüdisch-christlicher Dialog selbstverständlich ist: nicht als Ausnahme, sondern als Normalität", sagte Woelki am Samstag.
"Schulter an Schulter"
Auch Rutishauser fordert bei der Preisverleihung im Gespräch mit Moderatorin Gundula Gause ein enges Miteinander von Juden und Christen. Er warnt jedoch: "Wir dürfen Jüdinnen und Juden nicht unsere christliche Sicht überstülpen, das passiert viel zu oft." Es sei daher sehr wichtig, ihre Anliegen in der heutigen Gesellschaft zu verstehen, sagt der Judaist, der auch Papst Leo XIV. zum Dialog mit dem Judentum berät.
Das Motto zum Jahr der Christlich-Jüdischen Zusammenarbeit 2026, nach jüdischer Zeitrechnung das Jahr 5786/87, betont aus diesem Grund das Miteinander beider Religionen. Es stammt aus dem Buch des Propheten Zefanja und lautet "Schulter an Schulter". Schulter an Schulter stehen zum Abschluss der Preisverleihung auch die Mitglieder des Präsidiums und des Vorstands des DKR mit Rutishauser auf der Bühne – Juden, evangelische und katholische Christen gemeinsam unterwegs.