Sebus erinnert an Einmarsch der Wehrmacht ins Rheinland vor 90 Jahren

Als die Wehrmacht vor dem Dom stand

Ludwig Sebus erinnert sich an den Einmarsch der Wehrmacht ins Rheinland am 7. März 1936. Der 100-jährige Kölner erzählt von gemischten Gefühlen in der Bevölkerung, der Rolle der Kirchen und seinen persönlichen Erinnerungen an damals.

Autor/in:
Moritz Mayer
Soldaten der Wehrmacht fahren und reiten auf den Kölner Dom zu. (NS DOK)
Soldaten der Wehrmacht fahren und reiten auf den Kölner Dom zu. / ( NS DOK )

Ein Beamer strahlt Videos in Schwarz-Weiß auf die Wand. Zu sehen sind Hakenkreuz-Flaggen am Kölner Dom. Frauen und Männer, die am Straßenrand stehen, den Hitlergruß zeigen und dem 'Führer' zujubeln. Ereignisse, perfekt inszeniert vom Nazi-Propagandaapparat, festgehalten für die Nachwelt.

Die Reportage "Ludwig Sebus: Ein Jahrhundert Mensch!" wird in Ausschnitten im NS-Dokumentationszentrum in Köln gezeigt. / © Moritz Mayer (DR)
Die Reportage "Ludwig Sebus: Ein Jahrhundert Mensch!" wird in Ausschnitten im NS-Dokumentationszentrum in Köln gezeigt. / © Moritz Mayer ( DR )

Einer der rund einhundert Personen, die das betrachten, ist Ludwig Sebus. Der Film, der läuft, zeigt sein Leben. Sebus ist als 100-Jähriger einer der Zeitzeugen, die noch heute von der Besetzung des Rheinlands durch die Wehrmacht und der Zeit danach erzählen können. Entsprechend voll ist es im Saal des NS-Dokumentationszentrums in Köln.

Einmarsch ins Rheinland

Ludwig Sebus war damals zehn Jahre alt. Einige hätten sich gefreut, sagt er und ergänzt: "Viele waren froh, dass die Soldaten kamen, denn sie haben sich mehr als Deutsche gefühlt." Er erinnert sich an die Stimmung in der Stadt – vor 90 Jahren. 

Als die Wehrmacht ins entmilitarisierte Rheinland einmarschierte, seien die Reaktionen aber keineswegs einheitlich gewesen. Einige Kölner seien auch zwiegespalten gewesen, sagt Sebus. Sie hätten sich gefragt, wohin das führen würde, wenn Deutschland der Welt zeigen wolle, wie stark es wieder sei.

Ludwig Sebus (2. v. r.) erzählt bei der Veranstaltung im NS-Dokumentationszentrum in Köln von seinen Erlebnissen. / © Moritz Mayer (DR)
Ludwig Sebus (2. v. r.) erzählt bei der Veranstaltung im NS-Dokumentationszentrum in Köln von seinen Erlebnissen. / © Moritz Mayer ( DR )

"Man hat gesehen, dass sie in Richtung Krieg liefen", nimmt Sebus vorweg. Deshalb hätten viele Menschen den Einmarsch mit einem schwer zu beschreibenden Gefühl beobachtet – zwischen Stolz, Unsicherheit und Sorge.

Begeisterung in der Bevölkerung

Historische Quellen zeigen, dass die öffentliche Stimmung vielerorts deutlich enthusiastischer war, als man es heute vielleicht vermuten würde. Der Historiker Dr. Alexander Wolz erklärt, dass zahlreiche Berichte aus dieser Zeit von Jubel sprechen, als am 7. März 1936 deutsche Truppen ins entmilitarisierte Rheinland einmarschierten. 

Aus Tagebüchern und Zeitungsberichten gehe hervor, dass viele Bürger diesen Schritt begeistert aufgenommen hätten. Adolf Hitler sei für seine Tatkraft gelobt worden, so der Historiker für Neueste Geschichte. Viele hätten das Gefühl gehabt, Deutschland nehme sein Recht wieder selbst in die Hand und lasse sich nicht länger von Frankreich oder anderen Staaten bestimmen. "Für Hitler ist das ein Riesenerfolg gewesen", fasst Wolz zusammen.


Die Rolle der Kirchen

Auch die Kirchen reagierten damals überwiegend positiv auf diesen außenpolitischen Schritt. Gerade im Rheinland habe man die katholische Kirche lange als wichtigen Meinungsmacher betrachtet, sagt Wolz. Untersuchungen zeigen, dass kirchliche Stimmen den politischen Erfolg Hitlers in der Rheinlandbesetzung anfangs vielfach unterstützten.

Laut Wolz habe sich die Kirche rund um die Reichstagswahl im März 1936 recht eindeutig positioniert und "empfahl den Stimmberechtigten, Hitler zu wählen", erklärt der Historiker der Universität Würzburg. 

Propaganda vor Domkulisse

Dabei war das Verhältnis zwischen Kirche und Nationalsozialismus schwierig. Vor 1933 hatten viele katholische Milieus die NSDAP skeptisch gesehen. Doch der politische Erfolg Hitlers überlagerte in diesen Tagen grundlegende Konflikte.

Ludwig Sebus erzählt von seinen persönlichen Erinnerungen an die NS-Diktatur. / © Moritz Mayer (DR)
Ludwig Sebus erzählt von seinen persönlichen Erinnerungen an die NS-Diktatur. / © Moritz Mayer ( DR )

Auch Ludwig Sebus blickt heute kritisch auf die Rolle der Kirchen in dieser Zeit. "Ich hätte mir in der Nazi-Zeit gewünscht, dass mehr das Format des Bischofs von Münster, Graf von Galen, gehabt hätten", sagt er. Er hätte sich damals mehr klare kirchliche Stimmen erhofft, mehr Menschen, die deutlicher gesagt hätten, wenn politische Entscheidungen nicht mit christlichen Werten vereinbar sind, sagt der 100-Jährige heute.

Ein Ort der Freiheit

Dennoch spielte für ihn der Glaube auch in dieser Zeit eine wichtige Rolle. Während der Nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland traf er sich mit einigen anderen jeden Samstag in der Kirche St. Maria im Kapitol. Tief unten in der Krypta versammelten sie sich heimlich zum Abendgebet, der Komplet.

St. Maria im Kapitol / © Oliver Berg (dpa)
St. Maria im Kapitol / © Oliver Berg ( dpa )

"Sicherlich war immer ein bisschen Angst dabei, ob uns jemand sah oder irgendjemand das Versteck verraten hatte", berichtet Sebus und ergänzt: "Wir fühlten uns, wenn wir da unten waren, ziemlich frei."

Der Glaube habe ihm dabei Kraft gegeben – nicht nur in dieser Zeit, sondern auch später im Krieg an der Front, während der Bombennächte und in der Gefangenschaft. "Der Glaube hat mir in der ganzen Kriegszeit sehr geholfen", sagt Sebus.

Heute, neunzig Jahre nach dem Einmarsch der Wehrmacht ins Rheinland, erzählt Ludwig Sebus seine Erinnerungen weiter, wie hier im NS-Dokumentationszentrum – als Mahnung für die Nachwelt.


Hier geht es zur 90-minütigen Reportage "Ludwig Sebus: Ein Jahrhundert Mensch!".

Historiker Dr. Alexander Wolz hält zu diesem Thema am Samstag einen Vortrag in Köln: "Hitlers Weg in den Zweiten Weltkrieg".

Quelle:
DR

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