Expertin sieht religiöse Aufladung von Sozialen Medien und KI

Unseren täglichen Chat gib uns heute

Die Nutzung von Smartphones weist nach Ansicht der Religionswissenschaftlerin Inken Prohl Züge von religiösen Ritualen auf. Und bei den Heilsversprechen der künstlichen Intelligenz werden Parallelen zur Religion noch auffälliger.

Symbolbild Mann mit einem Smartphone / © Naturbursche (shutterstock)
Symbolbild Mann mit einem Smartphone / © Naturbursche ( shutterstock )

Der regelmäßige Griff zum Smartphone trägt nach Meinung der Heidelberger Religionswissenschaftlerin Inken Prohl Züge eines religiösen Rituals. "Schätzungen zufolge führen wir täglich etwa 200 Wischbewegungen auf unseren Geräten aus. 

Inken Prohl, Professorin für Religionswissenschaft an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. / © Stefanie Ball/KNA (KNA)
Inken Prohl, Professorin für Religionswissenschaft an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. / © Stefanie Ball/KNA ( KNA )

Für viele Menschen ist der erste Griff am Morgen das Handy, ein Essen ohne Blick aufs Display ist selten", sagte Prohl in einem am Donnerstag im "Mannheimer Morgen" veröffentlichten Interview. Dazu komme die regelmäßige Nutzung von Chatbots wie ChatGPT. "Interfaces sind so gestaltet - Farben, Haptik, Blickführung - dass sie Verhalten strukturieren. 

Die Bildsprache verstärkt das: Googelt man 'Künstliche Intelligenz', dominieren blaue Bilder, Gehirne, leuchtende Netzwerke, Anspielungen auf Michelangelos 'Erschaffung Adams'", erläuterte die Forscherin. "Dieses Blau steht seit dem 19. Jahrhundert für Seriosität und Wissenschaftlichkeit."

Symbolbild Mensch und Künstliche Intelligenz / © Summit Art Creations (shutterstock)
Symbolbild Mensch und Künstliche Intelligenz / © Summit Art Creations ( shutterstock )

Was die Debatten um Künstliche Intelligenz anbelange, würden in Zukunftsmuseen Räume inszeniert, in denen eine "Heilskraft" der KI beschworen werde. "Offiziell geht es um kritische Debatten, in der Inszenierung aber wird KI oft mystifiziert. Das ist Performance mit stark religionsähnlichen Elementen", gab Prohl zu bedenken.

"Glaubenssätze über die Zukunft"

Auch die Zukunftsvisionen der Tech-Eliten, die etwa die Segnungen der KI propagierten, besäßen Anklänge an die Sphäre des Religiösen, so die Expertin. "Wenn wir Religion als Ordnungsvorstellungen und Zukunftsvisionen verstehen, die auf nicht überprüfbaren Annahmen beruhen und mit starken Bildern, Ritualen und Symbolen verknüpft sind, dann sind wir bei vielen Tech-Narrativen im religiösen Bereich. 

Wenn etwa in diesen Kreisen von kosmischem Bewusstsein und Superintelligenz die Rede ist, ist das kein technisches Vokabular. Es sind Glaubenssätze über die Zukunft, die wir nicht überprüfen können - gerade das macht sie religionsähnlich."

Wie früher "religiöse Profis" versuchten heute Tech-Eliten, Sicherheit in Bezug auf eine unbekannte Zukunft zu vermitteln - etwa mit der Verheißung, eine künstliche Superintelligenz werde alle Probleme lösen, fügte Prohl hinzu. "Das beruhigt, bündelt Hoffnungen und legitimiert enorme Investitionen."

Sorge um Demokratie

Die Wissenschaftlerin warnte davor, dass religiös strukturierte Zukunftserzählungen im Tech-Bereich die Demokratie gefährden könnten.

Inken Prohl

"Wenn KI oder Superintelligenz als allwissende Problemlöserin imaginiert werden, kann das die Bereitschaft mindern, sich politisch mit realen Konflikten auseinanderzusetzen."

"Religionen neigen dazu, Aspekte der sozialen Wirklichkeit auszublenden, wenn sie starke Heilsgewissheit bieten. Wenn KI oder Superintelligenz als allwissende Problemlöserin imaginiert werden, kann das die Bereitschaft mindern, sich politisch mit realen Konflikten auseinanderzusetzen", erläuterte Prohl. "Wo religiös strukturierte Technik-Heilslehren ins Spiel kommen, entstehen blinde Flecken - und die sind mit Blick auf die Demokratie problematisch."

Was ist Künstliche Intelligenz?

Der Begriff Künstliche Intelligenz (KI) wurde vor mehr als 60 Jahren geprägt durch den US-Informatiker John McCarthy. Er stellte einen Antrag für ein Forschungsprojekt zu Maschinen, die Schach spielten, mathematische Probleme lösten und selbstständig lernten. Im Sommer 1956 stellte er seine Erkenntnisse anderen Wissenschaftlern vor. Der britische Mathematiker Alan Turing hatte sechs Jahre zuvor bereits den "Turing Test" entwickelt, der bestimmen kann, ob das Gegenüber ein Mensch ist oder eine Maschine, die sich als Mensch ausgibt.

Symbolbild Künstliche Intelligenz / © maxuser (shutterstock)
Symbolbild Künstliche Intelligenz / © maxuser ( shutterstock )
Quelle:
KNA