Theologin warnt vor gefährdenden Ideen für Demokratie und Kirche

Integralismus als "Machtideologie"?

Die Theologin Michaela Quast-Neulinger sieht eine Bedrohung für Demokratie und Kirche. Religiöse Machtideen würden Staaten und Gesellschaft prägen. Sie erklärt, wer diese Strömungen unterstützt und welche Risiken daraus entstehen.

Ein Schild mit der Aufschrift Ich liebe Demokratie bei einer Demonstration gegen rechts am 3. Februar 2024 in Augsburg. / © Christopher Beschnitt (KNA)
Ein Schild mit der Aufschrift Ich liebe Demokratie bei einer Demonstration gegen rechts am 3. Februar 2024 in Augsburg. / © Christopher Beschnitt ( KNA )

Als eine "Gefahr für Demokratie und Kirche" hat die Innsbrucker Theologin Michaela Quast-Neulinger den Integralismus bezeichnet. Dieser stelle eine "Machtideologie" dar, die darauf ziele, die Gesamtheit des öffentlichen und privaten Lebens der katholischen Kirche zu unterwerfen. 

Damit stelle der Integralismus eine Spielart einer politischen Theologie mit einer religiös-totalitären Stoßrichtung dar, führte Quast-Neulinger in Wien aus. Der Integralismus stehe in einem "massiven Widerspruch zur Gesamtheit der katholischen Lehre" und stelle eine "antimodernistische Machtideologie" dar, "die sich eine eigene Version des wahren katholischen Glaubens zurechtzimmert, um auf dieser Grundlage dann ein totalitäres Regime zu errichten". 

Die Gruppe, die diese Ideologie vertrete und politisch wie theologisch vorantreibe, sei zwar sehr klein, aber sehr gut vernetzt und verfüge über Kontakte bis in die aktuelle US-Regierung hinein.

Auch Österreich spiele in diesem Netzwerk eine wichtige Rolle, wie der Heiligenkreuzer Zisterzienserpater Edmund Waldstein und die Franziskaner-Hochschule von Steubenville mit Niederlassung in der Kartause Gaming, zeigten. 

Integralismus-Wiederkehr nach Konzil 

Dass der Integralismus, dessen historische Wurzeln bis ins 19. Jahrhundert und die Zeit des katholischen Antimodernismus zurückreichen, nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) wiederkehren und heute erstarken konnte, sei auf den ersten Blick überraschend, so Quast-Neulinger. Schließlich habe das Konzil ihm durch die Anerkennung der Religions-, Meinungs- und Gewissensfreiheit und des Wertes und der Würde anderer Religionen den Boden entzogen.

Auch die Absage an totalitäre Herrschaftsformen, an ein Selbstverständnis als "societas perfecta", die Anerkennung der Demokratie und das Bekenntnis zur Kooperation von Staat und Kirche bei gleichzeitiger Trennung der Machtsphären haben dazu beigetragen. Die Wiederkehr des Integralismus laufe heute über eine dezidiert antiliberale Lesart zentraler Konzilsdokumente und Umdeutungen von Begriffen wie etwa dem Gemeinwohl, führte die Theologin weiter aus.

Des eigenen theologischen Bodens versichern

Waldsteins Blog und internationale Konferenzen mit prominenten Teilnehmern, wie etwa US-Vizepräsident James David Vance, würden zur Verbreitung dieser Lesart beitragen. Verbindungsperson zwischen Integralismus und der US-Politik, insbesondere der MAGA-Bewegung, sei Gladden Pappin, Präsident des "Hungarian Institute of International Affairs" in Budapest. 

US-Vizepräsident JD Vance  / © Kenny Holston/Pool The New York Times via AP (dpa)
US-Vizepräsident JD Vance / © Kenny Holston/Pool The New York Times via AP ( dpa )

So stelle Ungarn unter Viktor Orbán aus integralistischer Sicht eine Art "role model" für das angestrebte katholische, "postliberale", von einer starken Herrschergestalt und Exekutive geleitete Staatswesen dar. 

So sehr die theologischen Grundannahmen und Schlussfolgerungen abzulehnen seien, so sehr sollte man sie allerdings in ihren politischen Ambitionen ernst nehmen und sich immer wieder des eigenen theologischen Bodens versichern, auf dem man steht, so Quast-Neulinger weiter. Dazu zähle etwa die Frage, wie Lehrentwicklungen zu beurteilen sind.

 Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban / © Andrew Medichini/AP (dpa)
Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban / © Andrew Medichini/AP ( dpa )

Entwicklungen, die die Integralisten in kirchlichen Fragen strikt ablehnen -, aber auch die unbedingte Verteidigung der Erträge des Zweiten Vatikanischen Konzils, also der Religionsfreiheit, der Anerkennung der Würde aller Menschen und die Orientierung an einer "universellen Geschwisterlichkeit". 

Quelle:
KNA