Trauernden Menschen etwas Gutes tun: Katrin Lehmann-Buss hat dafür einen ungewöhnlichen Weg gefunden. Leise und ohne viele Worte ist sie jeden Mittwochvormittag ehrenamtlich auf dem Erfurter Hauptfriedhof unterwegs - als Friedhofsclown "Finovo". Über diese Rolle kann die Theologin und Trauerbegleiterin nach eigenem Empfinden leichter eine persönliche Verbindung zu Hinterbliebenen herstellen: "Ich erreiche die Menschen unmittelbar".
Etwa, wenn sie einer trauernden Witwe am Grab ein rotes Filzherz schenkt und ihr so für einen Moment ein Lächeln aufs Gesicht zaubert, wenn sie einem alten Mann still beim Entfernen des Herbstlaubs hilft oder einer Hinterbliebenen beim Schrubben des Grabsteins. Finovo unterstütze die Menschen gerne bei ihren Arbeiten - "man rechnet nicht damit", weiß die 41-Jährige. "Oft bin ich einfach nur anwesend."
"Schmunzeln, Lächeln, Herzenswärme"
Vorher klärt sie über einen behutsamen Blickkontakt, ob sie einer Person näher kommen darf. Mal gibt es nur eine kleine Geste von Finovo, mal packt er aus einem alten Koffer eine kleine Gartenharke oder Minigießkanne aus und legt los, mal kommt es zu einem ersten Gespräch. "Darf ich Sie ein paar Schritte begleiten?", fragt Finovo dann vielleicht. Oder er schlägt vor, etwas zu zaubern. Kinder sind erstaunt, wenn eine gefundene Feder in einem Sack verschwindet und daraus - nach einem Zauberspruch - tatsächlich Seifenblasen aufsteigen.
"Ich spreche weniger mit Worten als mit dem Herzen - es geht um Schmunzeln, Lächeln, Herzenswärme." Aus ihrer Erfahrung bringt Finovo "ein bisschen mehr Leichtigkeit" auf den Friedhof. Sein Name stehe für Ende und Neuanfang, passend zu einem Trauerprozess.
Anders als "irgendein Vertreter"
Lehmann-Buss arbeitet als selbstständige Trauerbegleiterin und leitet in Erfurt ein Kompetenzzentrum für Trauer und Trauma. "Für viele besteht eine große Hemmschwelle, in die Beratung zu kommen", beobachtet sie. Nach dem Motto "Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, dann kommt der Berg eben zum Propheten" habe sie überlegt, wo sie die meisten trauernden Menschen antreffe. Neben dem Friedwald sei das der Friedhof. "Ich wollte die Menschen dort aber nicht einfach ansprechen wie irgendein Vertreter", sagt die Expertin. Ihre Überlegung: "Es bräuchte etwas ganz Anderes, mit dem man nicht so rechnet".
So kam der Friedhofsclown ins Spiel. Lehmann-Buss, die neben Theologie und Psychologie auch Perimortale Wissenschaften - einen interdisziplinären Studiengang rund um Sterben, Tod und Trauer - in Regensburg studiert hat, absolvierte eine Clown-Ausbildung. Der Clown ist für Lehmann-Buss "eine der ehrlichsten Figuren und sehr offen". Im Anschluss auf einer Palliativstation, in Schulen oder im Altenheim unterwegs zu sein, das fühlte sich für sie aber irgendwie nicht richtig an. "Ich wollte auf den Friedhof." Auf einem katholischen Friedhof in Regensburg entstand dann die Idee mit Finovo. Das sei zwar "ein Stückchen verrückt - aber auch die Trauer verrückt".
Irritierte Blicke
Ein Clown als Brücke zu Trauernden - kann das gut gehen? Schließlich ist ihnen alles andere als zum Lachen zumute, ist der Friedhof kein Zirkus, und billige Späße sind in dieser Situation mehr als fehl am Platz. Irritierte Blicke kalkuliert die Trauerbegleiterin mit ein, wenn sie mit bunter Hose, roter Nase und ihrem alten Koffer auf dem 57 Hektar großen Friedhof der thüringischen Landeshauptstadt unterwegs ist. Nicht jeder Besucher lässt sich auf den Clown ein.
Doch bei vielen siege die Neugier - vor allem bei älteren Menschen, die prüfen möchten, "ob das alles so rechtens ist". Für alle Fälle gibt es einen Aushang am Friedhofseingang, der über das unkonventionelle Angebot informiert. Lehmann-Buss weiß, dass manche bei ihrem Anblick denken könnten: "Hier läuft eine Verrückte über den Friedhof". Fast alle wollten wissen, was sie in ihrem großen Koffer habe - "'da ist viel Erinnerung drin'", sagt Finovo dann. Weil er die Menschen bei Arbeiten am Grab unterstützt, hat er neben Seifenblasen, Nylontüchern und einem Zauberspiegel auch Putzutensilien und einen kleinen Eimer im Gepäck.
Seifenblasen am Kindergrab
"Die Menschen sprechen mit mir, ich höre viel zu", sagt die Trauerexpertin. Etwa der Mutter, die ihr verstorbenes Kind besucht, dem Familienvater, dessen Frau nur eben Brötchen holen wollte und dann tödlich verunglückte, oder der 98-jährigen Witwe, die am Grab ihrem Mann sagt: "'Es war nicht abgemacht, dass Du vor mir stirbst' - ich höre vieles..." Allein ihre Anwesenheit sei für Menschen ein Trost. "Die Eltern am Grab ihres Kindes sind froh, dass Finovo Anteil nimmt und Seifenblasen pustet." Manchmal legt er als Gruß einen kleinen Kieselstein mit einem Clownsgesicht auf ein frisches Kindergrab - oder schenkt einem Geschwisterkind einen solchen Stein.
Die Erfurter Friedhofsverwaltung unterstütze ihr feinfühliges Angebot mittlerweile, freut sich Lehmann-Buss. Einmal im Monat treffe sie sich mit den Mitarbeitenden zum Austausch. Denn was Finovo wahrnimmt, ist auch für die Friedhofsmitarbeiter interessant - etwa bei der Gestaltung der drei Kindergrabfelder.
Nach anfänglicher Skepsis freut sich inzwischen schon mancher auf den ungewöhnlichen Friedhofsgast. Mittwochmorgens steht ihr alter Koffer mit dem Kreideschriftzug "Der Friedhofsclown ist heute da" hinter dem Tor am Haupteingang. In einer Ecke hängt dann eine Lichterkette, zwei Kannen mit heißem Tee und Becher stehen bereit. "Manche warten schon und wollen einen Tee mit mir trinken und erzählen.