Das Erzbistum Rio de Janeiro hat eine Aufführung bei dem berühmten Karnevalsumzug der Stadt kritisiert. Die Karnevalsgruppe Acadêmicos de Niterói habe bei ihrer Hommage an den linken Staatspräsidenten Luiz Inácio Lula da Silva traditionelle Familienwerte ins Lächerliche gezogen, erklärte die Erzdiözese laut brasilianischen Medien (Mittwoch Ortszeit).
Vater, Mutter, Kind
Die Teilnehmer trugen dabei Kostüme in Form von Blechdosen – sogenannte "Konservative in Konservendosen" –, die Illustrationen einer traditionellen Familie aus Vater, Mutter und Kind zeigten. Laut der Karnevalsgruppe richtete sich ihre Kritik an Vertreter eines neuen Konservatismus – darunter Vertreter der Agrarlobby, der Oberschicht, Verteidiger der Militärdiktatur (1964-85) sowie evangelikale Christen.
Das Erzbistum äußerte Besorgnis über die "Verwendung von Symbolen des christlichen Glaubens und der Institution Familie in kulturellen Darbietungen in einer Weise, die wir als beleidigend empfinden", so das Schreiben mit dem Titel "Die Bedeutung von Familie und Religion".
Weiter heißt es darin, die Populärkultur sei Ausdruck brasilianischer Identität, ein Raum für Kreativität, Begegnung und Freude. "Gleichzeitig ist es notwendig, dass solche Ausdrucksformen die tiefen religiösen Überzeugungen und Werte respektieren, die das soziale Leben prägen und für die Menschen dieser Stadt unverletzlich sind."
Kritik von katholischen Abgeordneten
Eine Gruppe katholischer Parlamentarier erklärte, es gebe Anzeichen dafür, dass der Umzug die gesetzlich festgelegten Grenzen hinsichtlich künstlerischer und religiöser Freiheit überschritten habe. Rios Anwaltskammer verurteilte den Umzug wegen "religiöser Intoleranz".
Repräsentanten der rechtskonservativen Opposition hatten vergeblich versucht, den Umzug in dieser Form verbieten zu lassen. Die Hommage an Präsident Lula, der als Ehrengast daran teilnahm, verstoße gegen die Wahlgesetze. Lula will im Oktober erneut für das Präsidentenamt kandidieren. Die Kritiker sprachen von einem vorgezogenen Wahlkampf, der bei dem landesweit ausgestrahlten Umzug untersagt ist. Brasiliens Oberstes Gericht entschied gegen ein Verbot.
Die Aufführung der Gruppe löste auch deshalb Kritik aus, weil sie die Inhaftierung von Lulas politischem Erzfeind, Ex-Präsident Jair Messias Bolsonaro, feierte. Dieser verbüßt wegen eines versuchten Putsches eine lange Haftstrafe. Der Karnevalsgruppe Acadêmicos de Niterói brachte der Umzug wenig Erfolg. Sie erhielt von der Karnevalsjury am Mittwoch die geringste Punktzahl aller Teilnehmer.