DOMRADIO.DE: Herr Sebus, schlägt Ihr karnevalistisches Herz in diesen Tagen höher?
Ludwig Sebus (Kölner Krätzchensänger, Komponist und Textdichter): Unbedingt. Allerdings mit 100 Jahren mehr aus einer gewissen Distanz. Aber auch passiv habe ich noch eine große Freude am Fastelovend und verfolge aufmerksam, wie er sich doch zunehmend über die Jahre stark verändert hat. Das betrifft die Kostüme genauso wie den Inhalt oder auch die Form der Sitzungen.
So vermisse ich zum Beispiel die klassische "Bütt", die früher immer selbstverständlich dazugehörte; heute findet dagegen alles auf dem Podium statt. Die Bütt aber machte den eigentlichen Fastelovend aus, bei dem man auch mal ablassen kann, was einem missfällt, ohne jemanden zu kränken oder Kritik unter der Gürtellinie zu üben.
Im Fastelovend gesteht man sich ein, dass nicht immer alles rund läuft; da wird dem Narren der Spiegel vorgehalten in der Hoffnung, dass sich etwas ändert.
DOMRADIO.DE: Wenn man bei ChatGPT eingibt, wie Karneval und Kirche zusammenhängen, kommt dabei folgendes Bonmot heraus: "Beide sorgen dafür, dass Leute verkleidet singen, an Wunder glauben – und am Ende geht der Hut rum." Was fällt Ihnen ein, wenn Sie an die Paarung "Karneval und Kirche" denken?
Sebus: Meines Erachtens greift die künstliche Intelligenz da viel zu kurz. Denn der Karneval ist ja etwas fürs Gemüt. Das ist schon mal das Wichtigste. Und dann würde ich zu Karneval und Kirche noch ein drittes "K" hinzufügen: Kirche, Karneval und Köln – diese drei bilden für mich eine Einheit.
Klar ist doch, ohne die Kirche gäbe es überhaupt keinen Karneval. Und so wurde Karneval früher auch nur in katholischen Gegenden gefeiert. Erst allmählich haben sich ihm dann auch die Protestanten geöffnet – und zuletzt hat schließlich auch das Judentum den Karneval für sich entdeckt.
Der Begriff „vaste lovent“ kommt aus dem Mittelhochdeutschen und bedeutet so viel wie „Abend vor dem Fasten“. Gemeint ist die Zeit vor der christlichen Fastenzeit, in der traditionell noch einmal ausgelassen gefeiert wurde. Für Köln ist der Fastelovend, wie wir ihn seit den Nachkriegsjahren kennen, prägend. In meiner Kindheit war er allerdings auf nur drei Tage begrenzt, heute liegt die Kernzeit des Karnevals zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch. Aber eigentlich feiern wir ja eine ganze Session, die schon wesentlich früher beginnt.
Doch bei aller Veränderung über die Jahrzehnte – die Kirche, der rheinische Frohsinn und dieses typisch Beseelende sind der Dreh- und Angelpunkt des Kölner Fastelovends geblieben. So erinnere ich mich auch noch immer gerne an den Wahlspruch von 1823 bei der Gründung des Karnevals, der ursprünglich mal die Richtung vorgab: „Von Zoten frei die Narretei“. Was so viel bedeutete, wie dass man nicht auf Kosten anderer Witze machte oder gar jemanden beleidigte.
Eine solche Haltung wie auch die damit verbundene Verantwortung sind mir heute noch wichtig. Persönliche Angriffe und Diffamierung gehören nicht in den Fastelovend. Vielmehr hat der Kölner Fastelovend eine ganz eigene innere Stärke und bedeutet die Weitergabe von persönlich empfundener Freude, was in Köln ganz konkret darin zum Ausdruck kommt, dass man sehr direkt mit Leuten in Kontakt kommt, die man gar nicht kennt.
Da reicht es schon, sich freundlich anzublicken, ein nettes Wort zu wechseln, und schon entsteht eine Verbindung. Den Kölner Fastelovend zeichnen Leichtigkeit und Heiterkeit aus.
DOMRADIO.DE: Nun gibt es zu allen Zeiten genügend Gründe, gerade nicht ausgelassen zu feiern – Stichwort Ukraine-Krieg, Gaza-Konflikt, Hungersnöte oder Naturkatastrophen... Nichts davon lässt sich einfach so wegschunkeln. Wie kann man dennoch Freud und Leid zusammenbekommen, ohne dass es kaltherzig wirkt?
Sebus: Die Gleichzeitigkeit von Freud und Leid gab es immer schon, nur gab es die unmittelbare Konfrontation mit Kriegen und Konflikten in früheren Jahrzehnten oder im letzten Jahrhundert durch die Medien nicht so, wie wir das heute kennen. Heute erhalten wir Nachrichten mit den dazu passenden Bildern in Echtzeit.
Von daher war das Leid für frühere Generationen oftmals weit weg, auch wenn es existierte. Exemplarisch für eine solche Gleichzeitigkeit von Trauer und Freude zeigte sich doch schon vor 2000 Jahren in der Gestalt Jesu Christi. Einerseits sehen wir sein Leid am Kreuz, erinnern uns aber auch an die Freude und Zuversicht, die er verbreitet hat – wenn ich da nur an seine Wunder denke.
Von daher gehörten Freud und Leid immer schon zusammen, weil beides nur allzu menschlich ist. Und die Freude dient dazu, das Leid zu mildern. Man kann feiern und sich gleichzeitig mit denen solidarisieren, die Leid zu ertragen haben – in der Ukraine, in Gaza oder sonst wo. Diese Menschen blenden wir ja nicht aus, wenn wir hierzulande fröhlich auf die Straße gehen.
Wichtig ist, Haltung zu zeigen und sich für den Frieden – im Kleinen und im Großen – stark zu machen. Lebensfreude zu haben und das Leben zu bejahen sind ein wichtiges Gut. Das schließt keineswegs aus, Empathie zu zeigen und im Rahmen seiner Möglichkeiten dazu beizutragen, Leid zu mildern.
DOMRADIO.DE: Dass Karneval in schweren Zeiten immer ein Spagat ist, haben Sie am eigenen Leib erfahren. 1950 sind Sie mit traumatischen Erfahrungen aus russischer Kriegsgefangenschaft ins völlig zerstörte Köln heimgekehrt. Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Karneval nach dem Krieg?
Sebus: Dieser erste Nachkriegskarneval, den ich 1950 in der Friesenstraße erlebt habe, war insofern etwas Besonderes für mich, als ich zu dieser Zeit immer noch die nächtlichen Bombenangriffe mit den vielen tausend Toten im Kopf hatte. Aber ich habe noch frühere Erinnerungen: Ich weiß noch gut, dass meine Mutter 1934 mit mir zur Aufstellung des Zuges am Kaiser-Wilhelm-Ring ging und mir einen Wagen zeigte, der die Juden mit dem Schriftzug verunglimpfte "Die Letzten ziehen ab".
Und da sagte meine Mutter zu mir: "Was die heute mit den Juden machen, machen sie morgen mit den Christen." Was von großem Weitblick zeugte. Denn ich persönlich bin davon überzeugt, hätte Hitler den Krieg gewonnen, gäbe es heute nicht mehr den Katholizismus, wie wir ihn kennen, zumal Jesus Christus für Hitler ein Jude war.
Und auch 1939, im Jahr des Kriegsausbruchs, hatte der Karneval nichts mit dem heutigen Erscheinungsbild von Karneval gemein. Überall hingen die roten Fahnen der Nationalsozialisten mit dem Hakenkreuz. Was auch immer über diese Zeit später gesagt und geschrieben wurde, die Kölner hegten eine herzliche Abneigung gegen die Nazis, oder aber sie zeigten zumindest eine gewisse Gleichgültigkeit, mit der die Nazis nichts anzufangen wussten.
Natürlich nahm das Regime Einfluss auf den Karneval und auch auf den Rosenmontag, aber dass dieser nationalsozialistisch geprägt war, kann man nicht sagen. Schließlich hatten sich gerade die Kölner von der Nazi-Initiative "Kraft durch Freude", einer Unterorganisation der Deutschen Arbeitsfront, die 1933 mit dem Ziel gegründet worden war, den Totalitätsanspruch des NS-Regimes mit der "Bildung einer wirklichen Volks- und Leistungsgemeinschaft aller Deutschen" zu erfüllen, losgesagt.
Aber wie gesagt, den ersten Karneval nach dem Krieg habe ich 1950 miterlebt. Die Menschen standen auf den Trümmern ihrer Häuser. Die Straße, durch die der Zug kam, war gerade mal auf drei oder vier Meter Breite frei geschaufelt worden. Alle waren voller Begeisterung dabei, nur ab und zu sah man einen "Schutzmann", der ein bisschen für Ordnung sorgte.
Die tausenden zusätzlichen Ordnungskräfte und Polizisten, die heute notwendig sind, brauchte man damals nicht. Die Menschen selbst hatten eine Ordnung in sich und freuten sich einfach nur, dass sie überhaupt wieder einen Karnevalszug erleben konnten, noch am Leben und frei waren: frei von Angst, frei von Bombenalarm, frei von Belagerung, Androhungen und Zwängen jeder Art.
Zu dieser Zeit gab es auch keinen großen Unterschied zwischen Arm und Reich; alle waren sie an einem gemeinsamen Tiefpunkt angekommen, weil es einfach nichts gab und die Stadt nur noch aus Ruinen bestand.
DOMRADIO.DE: Die politischen Entwicklungen in diesen Tage können Angst machen. Zum Glück regt sich vielerorts Widerstand. Nicht nur in den USA. Gerade der Kölner Rosenmontagszug ist ja eine einzige Demonstration, dass Karneval auch eine sehr ernste Seite hat, sich niemand wirklich raushalten kann. Ganz im Gegenteil: klar Position gegen Ungerechtigkeit oder Missstände zu beziehen, macht ja auch Teil seines Selbstverständnisses aus…
Sebus: Totalitäre Staaten und deren Führer können alle nicht lachen; sie haben keinen Humor. Infolgedessen verstehen sie auch nicht, was der Sinn und Zweck einer Persiflage ist. Dabei dient sie ja dazu, den anderen auf einen Irrweg aufmerksam zu machen und zu mahnen: Überlege mal, halte inne, versuche es anders!
In diesem Jahr wird es im Rosenmontagszug einen Wagen mit Trump geben, dessen nacktes Hinterteil Hinterherlaufende abküssen, weil sie ihm nach dem Mund reden und meinen, ihn mit Schmeicheleien besänftigen zu können. Dabei versetzt sie das in eine absolut blöde und schwache Lage.
Ich bin der Meinung, dass politisch nur der etwas erreichen kann, der nicht nur Versprechungen macht, sondern Probleme auch löst. Sonst bleiben die Menschen unzufrieden, und am Ende sind die Frustrierten bei Wahlen das Zünglein an der Waage. Davor sollten wir uns hüten! Politiker müssen ihre Fehler erkennen und korrigieren.
Von daher, ja, der Karneval muss politisch sein und den Finger in die blutende Wunde legen. Auch dafür ist der Rosenmontagszug da: bildlich vorzuführen, was früher im Sinne von sich reinwaschen in der "Bütt" geschah. In diesem Kontext ist es eine Sauerei, dass der Wagenbauer Jacques Tilly in Russland angeklagt ist. Ich muss sagen: Ich bewundere seinen Mut!
DOMRADIO.DE: 2024 wurden Sie für 70 Jahre Mitgliedschaft bei den Roten Funken geehrt. Zuletzt stand überraschend abends die Bürgergarde blau-gold vor Ihrer Tür. Sie gelten als Altmeister des Karnevals, sind in diesen Tagen überall gern gesehener Gast. Was bedeutet Ihnen heute noch diese fünfte Jahreszeit?
Sebus: Da lasse ich bewusst die kölsche Seele klingen. "Uns kölsche Siel", wie ein Lied von mir heißt, ist für mich das, was jeder bekommt, der Köln gern hat – auch wenn er hier nicht geboren ist. Das Kriterium für eine echte kölsche Seele besteht vielmehr darin, dass er auf andere zugehen können muss, Freude schenkt und Freude empfängt.
In der fünften Jahreszeit ist der Gemeinschaftssinn noch ausgeprägter als zu anderen Zeiten; man steht füreinander ein, hilft sich gegenseitig, ist aufmerksam für die Sorgen des anderen. Auch ich nutze diese Zeit ganz bewusst dazu, um mit Menschen in Kontakt zu kommen, die ich eigentlich nicht kenne. Da entstehen Freundschaften, die unter Umständen ein ganzes Leben halten.
Und ich bin immer dankbar für alle Menschen, denen ich neu begegne, die mich inspirieren, auf andere Gedanken bringen und mein Leben bereichern. In meiner Zeit als Krätzchensänger hatte ich in der Regel um die 230, 240 Auftritte zwischen Neujahr und Aschermittwoch – neben meinem Beruf – während ich heute, wie gesagt, auch gut passiv fröhlich sein kann. Aber nach wie vor ist unter Menschen zu sein und diese Herzlichkeit zu spüren für mich wie zehn Vitaminspritzen; als würde ich nochmals ganz neu auftanken.
DOMRADIO.DE: Karneval lebt von Spott, Kritik und Überzeichnung – wo liegen für Sie die Grenzen – auch gegenüber religiösen Gefühlen? Darf man im Karneval über Kirche, Glauben oder kirchliche Würdenträger lachen?
Sebus: Mich regt furchtbar auf, dass es zwar amtliche Kontrollinstanzen für Rundfunk und Fernsehen gibt, sie aber Blasphemie nicht ahnden. Schließlich ist Christus für uns Gott. Und es ist nicht zulässig, über ihn zu spotten. Da bin ich sehr, sehr empfindlich, und da ist für mich auch die Grenze des Zulässigen erreicht.
Auch von der Kirche selbst fehlt mir da oft ein ernstes kräftiges Wort der Widerrede. Spott und Hohn Einhalt zu gebieten sind wir alle aufgerufen – in erster Linie aber die Verantwortungsträger in der Kirche.
DOMRADIO.DE: Welche Rolle spielt Ihr eigener Glaube im Karneval?
Sebus: Mein Glaube ist im Laufe der Jahre immer noch gewachsen. Ich bin in einem christlich-katholischen Elternhaus aufgewachsen, war Messdiener und Pfarrjugendführer. Das prägt. Aber auch später, als ich andere Religionen kennengelernt habe, kam ich zu dem Schluss, dass für mich das Christentum die einzige Religion ist, deren Basis die Liebe ist, und dass das ein ganz wichtiges Instrument ist.
Das hat mich immer überzeugt, weil der Auftrag zu lieben die wichtigste Botschaft ist – auch im Karneval. Alle sind wir zu allen Zeiten gehalten zu lieben und dieses Gebot wirksam zu machen, gerade auch, wenn wir ausgelassen feiern. Denn die Freude kommt von Gott.
DOMRADIO.DE: Welche Empfehlung würden Sie als Karnevalist der Kirche aktuell mitgeben?
Sebus: Als Christen haben wir eine frohe Botschaft weiterzutragen: am besten mit Lockerheit und einem fröhlichen Herzen. Ich kann immer wieder nur sagen: Der Glaube hat mir in allen Situationen meines Lebens stets geholfen. Und jungen Leuten kann ich nur Mut machen, dem Glauben einen Platz im eigenen Leben einzuräumen und sich auf das einzulassen, was Christus gesagt hat: das eigene Leben so teilen, dass uns der liebe Gott dafür eines Tages belohnt.
Denn der Glaube gibt auch dann Halt, wenn niemand sonst mehr da ist. Das habe ich am eigenen Leib erfahren. Es hat in meinem Leben schon Wunder gegeben, die mich vor dem Allerschlimmsten bewahrt haben. Das Frohe an der christlichen Botschaft müsste die Kirche demnach immer voranstellen.
DOMRADIO.DE: In Ihren Liedern haben Sie oft genug „Dä leeve Herrjott“ besungen. Mit 100 ist der Weg zum Paradies unter Umständen nicht mehr weit. Wie stellen Sie sich den Himmel vor?
Sebus: Eine große Frage. Ich muss ehrlich eingestehen, dass ich nicht weiß, was da oben passiert. Vermutlich ist alles ganz anders als das, woran wir auf der Erde glauben. Aber wenn ich an einen Herrgott glaube, der allmächtig ist, alle die Grenzen öffnet, wo unser Wissen endet und der Glaube beginnt, dann tragen mich Hoffnung und Zuversicht.
Jedenfalls glaube ich, in einer Welt weiterzuleben, die irgendwie die Seele frei macht für den Herrgott, der über das ganze Weltall herrscht, in dem wir als winzigkleiner Punkt ohnehin nur eine untergeordnete Rolle spielen. Ich vertraue auf eine verheißene Herrlichkeit, die jede Grenze menschlichen Denkens übersteigt.
DOMRADIO.DE: In welcher Gemütsverfassung befinden Sie sich? Denken Sie übers Sterben nach?
Sebus: Natürlich ist meine Gemütsverfassung altersgerecht. Nicht nur dass meine körperliche Kraft nachlässt, auch meine Nerven werden schwächer und meine Gefühle durchlässiger, so dass mir öfter als früher die Tränen kommen – was ich nicht mehr kontrollieren kann. Vieles in der Erinnerung berührt mich, aber auch vieles im Heute.
Übers Sterben selbst denke ich weniger nach. Vielmehr ist es so, dass ich morgen am Tag gerne die Augen zumachen würde. Das Leben ist in den letzten Jahren doch zunehmend beschwerlich geworden. Ich wünsche jedem, dass er 90 wird, aber von da an war für mich rückblickend jedes weitere neue Lebensjahr, als würde ich statt einem auf einen Schlag gleich drei Jahre älter.
Das Sterben – das habe ich auch bei meiner Frau erlebt – ist eine langwierige Sache. Der Tod an sich macht mir keine Angst. Aber bis es so weit ist, will ich noch möglichst viel Freude schenken.
Das Interview führte Beatrice Tomasetti.