Ein Mann im Tauchanzug läuft immer weiter in einen Fluss hinein. Seine Füße versinken im Schlamm. Schritt für Schritt verschwindet er im trüben Wasser, bis nur noch ein Schlauch an der Wasseroberfläche zu sehen ist. Der Schlauch schlürft und klimpert, während durch ihn Sediment nach oben gesaugt wird. Unten, am Grund des Flusses, hält der Mann im Taucheranzug das Ende des Schlauchs fest. Er hofft, dass er so möglichst viel feinen Goldstaub nach oben befördern kann.
Doch die Arbeit ist gefährlich: Die Sicht ist gering, Sauerstoffflaschen können platzen und überall lauern wilde Tiere. Immer wieder sterben Menschen bei dieser Arbeit, berichtet Mattes Tempelmann. Er ist Berater bei Misereor für Bergbau, Ökologie und Menschenrechte und hat solche Einsätze selbst mit angesehen. Er beschreibt die Arbeit als extrem hart und gefährlich – nicht nur unter Wasser.
Quecksilber als unsichtbare Gefahr
Denn nach dem Absaugen wird das Material über Wasser in Sortierbecken gefiltert. Um den Goldstaub zu binden, kommt Quecksilber zum Einsatz. Damit am Ende reines Gold übrig bleibt, wird das Quecksilber verbrannt, wobei hochgiftige Dämpfe entstehen. Diese können schwere Erkrankungen wie Krebs verursachen. Gleichzeitig lagert sich das Schwermetall in Böden und Gewässern ab und belastet die Umwelt dauerhaft.
Tempelmann berichtet, dass viele Arbeiter ohne Masken oder Handschuhe im Schlamm stehen und direkten Kontakt mit Quecksilber haben. Wie gefährlich Quecksilber ist, zeigt ein Unfall nahe des Goldbergwerks Yanacocha in Peru: Nach einem LKW-Unfall trat das Schwermetall aus. Anwohner spielten mit den silbernen Kügelchen, ohne um die Gefahr zu wissen, so Mattes Tempelmann. Viele von ihnen seien später an den Folgen der Vergiftung gestorben.
Casino-Logik, schnelles Geld und wenige Alternativen
Bei den Gold-Arbeitern selbst treten die gesundheitlichen Folgen oft erst Jahre später auf – ein Grund, warum die Gefahr im Alltag verdrängt wird. Hinzu kommt, dass trotz der bekannten Risiken viele Menschen weiter im Goldabbau arbeiten, denn der Reiz liegt im Gold selbst.
In der Flussgoldschöpfung lassen sich an guten Tagen umgerechnet bis zu 50 US-Dollar verdienen – deutlich mehr als in der Landwirtschaft. "Das ist die Casino-Logik, die Menschen zu dem Geschäft treibt", sagt Tempelmann. In Regionen mit wenigen Arbeitsplätzen erscheint der Goldabbau für viele als einzige Perspektive.
Besonders stark betroffen von Goldabbau ist der Südosten Perus. Dort verantwortet Monsignore David Martínez de Aguirre Guinea, Bischof des Apostolischen Vikariats Puerto Maldonado, eine Region im Amazonasgebiet von rund 150.000 Quadratkilometern.
"Eine schreckliche Verwüstung"
Der massive Zustrom von Menschen begann in den 1990er-Jahren, schildert er. Durch den Bau der Interoceánica-Autobahn im Süden Perus seien Zehntausende Menschen in die Region migriert, verbunden mit der Hoffnung, schnell Geld zu verdienen.
Die Folgen seien gravierend. Martínez de Aguirre Guinea berichtet von tiefgreifenden sozialen Verwerfungen. Ein Großteil des Goldabbaus sei illegal oder zumindest nicht reguliert. Illegale Aktivitäten zerstörten familiäre Strukturen, begünstigten Alkoholismus, Ausbeutung und Menschenhandel. "Im Amazonasgebiet gibt es Gegenden, in denen die nationale Souveränität verloren gegangen ist", beklagt der Bischof.
Zwischen Ablehnung und Abhängigkeit
Hinzu kämen massive Umweltzerstörungen: Konflikte um das Land, das gleichzeitig als Bergbaugebiet, landwirtschaftliche Fläche und indigenes Territorium ausgewiesen sei. "Sie verursachen eine schreckliche Verwüstung", klagt David Martínez de Aguirre Guinea. Kriminelle Strukturen hätten sich in Teilen der Region so stark verfestigt, dass bewaffnete Gruppen teilweise besser ausgerüstet seien als staatliche Sicherheitskräfte. Besonders indigene Gemeinschaften und Kleinbauern seien dadurch extrem gefährdet. Menschen würden erpresst und kriminelle Banden verübten Raubüberfälle.
Die lokale Bevölkerung reagiert unterschiedlich auf den Goldboom. Der Bischof schildert, dass viele Menschen den Bergbau ablehnen, weil er ihre traditionellen Lebensgrundlagen zerstört. Andere versuchten, Landwirtschaft und handwerklichen Kleinbergbau zu kombinieren. Wieder andere setzten ganz auf den Goldabbau oder auf Dienstleistungen rund um die Minen.
Profite fließen ins Ausland
Dabei bleiben die Gewinne aus dem Goldabbau größtenteils nicht in den betroffenen Regionen, sondern fließen an internationale Konzerne. Besonders im industriellen Bergbau dominieren transnationale Unternehmen. Lokale politische Eliten unterstützten dieses System häufig, da sie selbst davon profitierten.
Ein Beispiel ist die Goldmine Yanacocha in Peru, die einem US-Unternehmen gehört. Mattes Tempelmann war an Diskussionen über eine geplante Erweiterung beteiligt. In Studien zeigte er, dass es vor Ort Alternativen wie ökologischen Tourismus oder Landwirtschaft gäbe. Doch diese benötigt Wasser – eine knappe Ressource, die auch der Bergbau in großem Umfang beansprucht. Am Ende setzten sich meistens wirtschaftliche Interessen durch.
"Lichtblicke der Hoffnung"
Sowohl Misereor als auch die Kirche vor Ort sehen sich mit einer Situation konfrontiert, die sie fordert – teilweise überfordert. Martínez de Aguirre Guinea beschreibt den Goldabbau als ein System, das staatliche und kirchliche Handlungsmöglichkeiten übersteige. Aufgabe der Kirche sei es dennoch, an der Seite der Menschen zu bleiben und Alternativen aufzuzeigen.
Dabei gehe es sowohl um weniger schädliche Formen des Bergbaus – etwa Pilotprojekte ohne Quecksilber und mit Wiederaufforstung – als auch um völlig andere Einkommensmöglichkeiten. Im Umfeld des Vikariats und mit Unterstützung kirchlicher Organisationen würden agroforstwirtschaftliche Projekte gefördert, die Familien ein Einkommen außerhalb des Bergbaus ermöglichen sollen. "Sie sind Lichtblicke der Hoffnung", sagt der Bischof.
Aufklärung statt sofortigem Verbot
Ähnliche Ziele verfolgt Misereor. Vor Ort setzen sie zunächst auf Sensibilisierung. Ziel sei es, Menschen über Gefahren aufzuklären und einfache Schutzmaßnahmen zu fördern, etwa Atemschutzmasken oder Handschuhe, so Tempelmann. Ein sofortiges Verbot des Goldabbaus wäre aus Sicht der Hilfsorganisation kaum umsetzbar, da viele Familien auf das Einkommen angewiesen sind.
Langfristig hält Mattes Tempelmann den Goldabbau jedoch für grundsätzlich problematisch. "Es gibt keine ökologische Form des Goldabbaus", sagt er. Jeder Bergbau bedeute einen massiven Eingriff in die Natur. Auch Konzepte wie sogenanntes "faires Gold" bewertet er kritisch. Angesichts der sozialen und ökologischen Schäden hält er es für nicht vertretbar, Gold allein aus ästhetischen oder spekulativen Gründen zu konsumieren.
Da der Run auf das Edelmetall aber ungebrochen hoch bleibt, bleibt bei den Menschen vor Ort die Hoffnung: Die Hoffnung, den besonderen Klumpen Gold zu finden. Deshalb und wegen fehlender Alternativen werden die Männer weiter in ihre Tauchanzüge steigen und Schritt für Schritt im trüben Wasser verschwinden. Solange, bis nur noch der Schlauch an der Wasseroberfläche zu sehen ist, der nach und nach das Sediment nach oben saugt.