KNA: Herr Professor Engler, die Görres-Gesellschaft ist mit 2.900 Mitgliedern eine der größten und ältesten Wissenschaftsgesellschaften in Deutschland. Was ist heute ihr Sinn und Zweck?
Bernd Engler (Amerikanist und Literaturwissenschaftler, Präsident der Görres-Gesellschaft): Während die Görres-Gesellschaft in ihrer Gründungsphase - also im ausgehenden 19. Jahrhundert – das Ziel verfolgte, katholische Wissenschaftler gegen berufliche Einschränkungen im Zusammenhang des bismarckschen Kulturkampfs zu schützen, sieht sie sich heute insbesondere als Impulsgeber für gesellschaftliche Debatten im christlichen Wertehorizont.
Wir positionieren uns ganz bewusst an den Schnittstellen von Wissenschaft, Gesellschaft, Politik und Religion. Gerade in Zeiten eines fortschreitenden Werterelativismus oder gar einer unsere kulturellen und religiösen Wurzeln ignorierenden Wertevergessenheit erscheint es mir außerordentlich wichtig, klare christliche Positionen zu vertreten.
KNA: Sie sprechen von Werterelativismus und Wertevergessenheit. Aber ist es nicht gerade Sache von Wissenschaft, unvoreingenommen an Themen heranzugehen und auch Positionen in Frage zu stellen?
Engler: Als Wissenschaftsorganisation sind wir natürlich nicht Parteigänger eines weltanschaulichen Lagers - etwa eines christlichen Fundamentalismus, wie wir ihn unter anderem in Amerika erleben. Wir verstehen uns vielmehr als Dialogplattform, auf der auch widerstreitende Meinungen offen ausgetragen werden können, allerdings ohne dabei unseren katholischen Gründungsauftrag aus dem Auge zu verlieren.
KNA: Ist der katholische oder christliche Anspruch eher hinderlich - und in der heutigen Wissensgesellschaft überhaupt noch vermittelbar?
Engler: Man könnte meinen, dass die zunehmende Säkularisierung, die die katholische Kirche, aber auch die meisten anderen Religionsgemeinschaften weltweit in Bedrängnis bringt, einer christlichen Werteorientierung im Bereich der Wissenschaft im Wege steht. Doch sehen wir gerade wegen des um sich greifenden Werterelativismus auch ein gesteigertes Interesse an Orientierung. Gerade unsere jüngeren Mitglieder sprechen unsere Zielsetzungen vermehrt an.
Allerdings darf Wissenschaft sich nicht ideologisch vereinnahmen lassen, sondern muss immer wieder neu ihre Fragestellungen und Positionen überdenken – nur so bleibt sie glaubwürdig. Es geht letztlich aber dennoch darum, dem katholischen beziehungsweise christlichen Wertehorizont, der unsere Kultur über Jahrhunderte hinweg prägte, eine wahrnehmbare Stimme zu verleihen.
KNA: Haben Sie den Eindruck, dass die Bischöfe die Görres-Gesellschaft ausreichend unterstützen? Oder zeichnen sich Sparmaßnahmen ab?
Engler: Die Görres-Gesellschaft ist natürlich auch von den jüngsten Sparmaßnahmen der Deutschen Bischofskonferenz betroffen; sie ist allerdings nicht in ihrer Existenz bedroht.
Ich nehme durchaus wahr, dass sich viele kirchliche Verantwortungsträger – also auch die Bischöfe – der Bedeutung der Görres-Gesellschaft als Vermittler christlicher Wert- und Glaubensvorstellungen in die Wissenschaft bewusst sind und unsere Arbeit nachdrücklich unterstützen.
KNA: Eine der größten Herausforderungen für Gesellschaft und Wissenschaft ist die KI. Können Sie als Görres-Gesellschaft dazu beitragen, eine aus dem christlichen Menschenbild entwickelte Antwort auf die Herausforderungen und die Macht der Tech-Konzerne zu geben?
Engler: Sie sprechen ein überaus wichtiges Thema an, das unsere tradierten Vorstellungen von der Rolle des Menschen als wertegeleitetem und mündigem Entscheidungsträger grundsätzlich in Frage stellt. Die technischen Errungenschaften der KI bringen gewaltige ethische Probleme mit sich - vor allem auch im Gesundheitsbereich.
Es muss uns letztlich darum gehen, der Vorherrschaft von Marktinteressen beziehungsweise von an sozialer Kontrolle orientierten KI-Nutzungen und einer blinden Technik- und KI-Gläubigkeit entgegenzutreten. Der Mensch muss auch weiterhin Letztinstanz von allen unser Leben und unsere Gesellschaft bestimmenden Entscheidungen bleiben.
KNA: War das schon Thema bei der Görres-Gesellschaft?
Engler: Unser Institut für Interdisziplinäre Forschung hat sich bereits intensiv mit solchen Fragen befasst - etwa mit einer auf ein Symposium zurückgehenden Publikation im Jahr 2023 mit dem Titel "Digitale Welt - Künstliche Intelligenz - Ethische Herausforderungen".
Im November werden wir eine Tagung mit dem Titel "Digitalisierung im Gesundheitswesen und ethische Herausforderungen" in Bonn in Zusammenarbeit mit Christiane Woopen, Direktorin am Center for Life Ethics der Universität Bonn, ausrichten.
KNA: Die USA und die Trump-Regierung zeigen gerade, wie sich die Freiheit der Wissenschaft einschränken lässt und wie politische Interessen das Forschungsinteresse steuern können. Sehen Sie die Forschungslandschaft in Deutschland gewappnet gegen solche Entwicklungen?
Engler: Im Prinzip sehen wir auch bei uns immer wieder Angriffe auf die Wissenschaftsfreiheit und Versuche der Indienstnahme der Wissenschaft für politische oder wirtschaftliche Zwecke. Doch erweist sich unser Wissenschaftssystem als enorm widerstandsfähig – hoffentlich noch lange.
Eine Leugnung des menschengemachten Klimawandels oder der Rolle von Impfungen bei der Verhinderung von Krankheiten ist trotz weit verbreiteter Wissenschaftsskepsis bei uns nicht wie in den Vereinigten Staaten möglich. Das Rahmenthema unserer diesjährigen Jahrestagung in Koblenz "Wissenschaft und Öffentlichkeit" wird übrigens die angesprochene Problematik durchaus prominent aufgreifen.
Das Interview führte Christoph Arens.