Er wandelte sich vom jugendlichen Revolutionär zum konservativen Katholiken. Er war ein Universalgelehrter, obwohl er nie eine Universität besucht hatte. In seinem Kampf für Geistesfreiheit verbreitete er Schmähungen gegen Juden und Sinti und Roma. Joseph Görres, der vor 250 Jahren, am 25. Januar 1776, in Koblenz geboren wurde, ist alles andere als eindeutig zu charakterisieren.
Görres war, wie der Dichter Jean Paul formulierte, ein "Herkules des Geistes" und ein Deutscher mit sechs oder sieben Leben. Er habe "das Herz eines Revolutionärs, das historische Bewusstsein eines Konservativen, den Scharfblick eines Naturforschers, die Phantasie eines Dichters und die politische Leidenschaft eines geborenen Publizisten" gehabt, charakterisierte ihn der langjährige Chefredakteur der Wochenzeitung "Rheinischen Merkur", Otto B. Roegele (1920-2005).
Der Zeitgenosse Heinrich Heine formulierte es weniger schmeichelhaft: "Als Herr Görres, von den Fürsten verfolgt, nichts mehr zu beißen hatte, warf er sich in die Arme der Jesuiten."
Der Kirche entfremdet
Der junge Joseph wuchs als ältestes von acht Kindern in einer kleinbürgerlichen katholischen Familie auf. Der Kirche entfremdete er sich schon in Jugendjahren, weil er sie für die politischen Missstände und die Engstirnigkeit im vorrevolutionären Deutschland mitverantwortlich machte.
Görres lebte zwischen zwei Revolutionen: der Französischen Revolution von 1789, die er zunächst bewunderte und schließlich bekämpfte, und der erahnten Revolution von 1848. Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit, das war sein Traum. Doch als der 24-Jährige 1799 nach Paris reiste, schockierte ihn der immer noch herrschende Revolutionsfuror so sehr, dass er sich auf seine Studien zurückzog.
Als Privatdozent in Heidelberg widmete er sich von 1806 bis 1808 den Naturwissenschaften, der Germanistik und der Volkskunde. Die 1807 herausgegebenen "Teutschen Volksbücher" und die 1810 verfasste zweibändige Mythengeschichte belegen, dass er vom Geist der Romantik erfasst war. Als Freund von Clemens Brentano und Achim von Arnim gab er wichtige Impulse für die nationale und politische Wiedergeburt Deutschlands.
Der Kölner Dom als Nationaldenkmal
Seit 1814 gab Görres den "Rheinischen Merkur" heraus, die erste große politische Zeitung, die sich als so schlagkräftig erwies, dass Napoleon sie als "fünfte Großmacht" bezeichnete. In seiner 1814 veröffentlichten Schrift "Der Dom zu Köln" beklagte Görres den ruinösen Zustand der unvollendeten Kathedrale und war maßgeblich daran beteiligt, dass sie als deutsches Nationaldenkmal vollendet wurde.
Mit Entschiedenheit kämpfte Görres für ein freiheitliches, einiges Deutschland. Seine Ideen seien antirevolutionär und antifranzösisch gewesen, schreibt der Historiker Andreas Holzem in der "Herder Korrespondenz". Aber sie seien nicht rückwärtsgewandt gewesen, sondern hätten "eine neue Idee korporativer Freiheit" eingefordert.
Kein Wunder, dass die Zeitung schon 1816 von der preußischen Regierung verboten wurde. Als sich Görres dann 1819 mit der Schrift "Teutschland und die Revolution" scharf gegen die Politik der Restauration in Preußen wandte, konnte er sich einer Verhaftung nur durch Flucht nach Straßburg entziehen.
"Erst in diesen Auseinandersetzungen wurde Görres jener antipreußische, auf einen politischen Katholizismus setzende Autor, als der er bis heute gelesen wird", schreibt Holzem. Im Exil entdeckte der Gelehrte seine alte katholische Überzeugung wieder. 1827 als Professor für Geschichte und Literaturgeschichte - gegen alle preußischen Einwände - nach München berufen, galt Görres Interesse nun vor allem der publizistischen und wissenschaftlichen Verteidigung seines Glaubens.
Sprachrohr für Freiheit der Kirche
Er wurde zum Sprachrohr für die Freiheit der katholischen Kirche. Seine 1837 veröffentlichte Streitschrift "Athanasius", die vehement die preußische Politik gegen die Kirche angriff, gilt als Gründungsurkunde des politischen Katholizismus.
Dabei erwies sich Görres als "wüster Polemiker", wie Holzem schreibt. Vorurteile gegen Aufklärung und Freimaurerei, gehässige Unterstellungen gegen das Judentum und gegen die "Zigeuner": "Es ist heute schwer erträglich, was Görres hier der Druckerpresse überantwortet hat", schreibt der Historiker. Görres starb am 29. Januar 1848 mit 72 Jahren in München. Die von ihm erahnte erneute Revolution, von der er die Erneuerung Deutschlands erwartete, verpasste er nur knapp.
Sowohl in der Publizistik als auch in der Wissenschaft hat der berühmte Rheinländer Spuren hinterlassen. Zum 100. Geburtstag des Gelehrten gründete eine Gruppe junger katholischer Wissenschaftler am 26. Januar 1876 in Koblenz die "Görres Gesellschaft" zur Förderung der Wissenschaft. Sie wollten nicht länger den protestantischen Kollegen das Feld überlassen, die in Preußen Karriere machten.
In der Publizistik erlebte der "Rheinische Merkur" nach dem Zweiten Weltkrieg eine Wiedergeburt. Am 15. März 1946 erschien die erste Ausgabe der überregionalen Wochenzeitung, die bis 2010 für eine christliche und konservative Ausrichtung der Gesellschaft warb.