DOMRADIO.DE: "Dass kaum noch jemand glaubt, ist die Wurzel vieler Probleme." Mit diesem Satz in einem Zeitungsinterview haben Sie für Furore gesorgt. Sie haben bestimmt viele Reaktionen erhalten, oder?
Justus Geilhufe (Theologe, evangelisch-lutherischer Pfarrer in Großschirma und Buchautor): Ich bin das ja gewohnt. Ich habe vor ein paar Jahren eine Buchreihe mit einem Buch begonnen, das "Die atheistische Gesellschaft und ihre Kirche" heißt. Seitdem vertrete ich öffentlich genau diese These, aber nicht monokausal.
Der Glaube ist die Lösung für alles. Und wenn er weg ist, ist er der Grund für alles Böse. Und natürlich sind auch Atheisten nicht böse. Aber bei der These bleibe ich aus einer großen Überzeugung heraus. Ich glaube wirklich, dass die Kirche und der Glaube an das, was wir Gott nennen, fehlen. Das hat mit ein paar Dingen zu tun, wo wir allgemein als Gesellschaft sagen, da läuft etwas schief.
DOMRADIO.DE: Glaube würde an so einer Stelle helfen. Welche Punkte meinen Sie da speziell? Glaube ist ein sehr weit gefasster Begriff.
Geilhufe: Das lässt sich an verschiedenen Beispielen gut erklären. Wenn ich mich mit dem DOMRADIO unterhalte, wissen wir beide wahrscheinlich schon vorher durch das Internet ganz viel voneinander. Wir verbringen insgesamt viel Zeit im Internet, nicht erst seit es KI gibt. Da stellen wir uns natürlich die Frage, was eigentlich wahr ist und was nicht wahr ist. Worauf kann man sich verlassen und worauf kann man sich nicht verlassen?
Ich habe in meinem Umfeld bei Jung und Alt die Beobachtung gemacht, dass die christliche Vorstellung, dass etwas feststeht und sich nicht wegdiskutieren lässt und wir gleichzeitig nicht die ganze Wahrheit haben, weil wir fehlbare Menschen sind, vom Tisch ist.
Wir haben auf der einen Seite Leute, die denken, dass sie die ganze Wahrheit besitzen und deswegen andere Leute, die dem im Wege stehen, am liebsten weghaben wollen.
Oder wir haben gerade junge Menschen, die das Gefühl haben, dass gar nichts mehr wahr ist und alles zerfließt. Deshalb leben sie mit einer großen Angst und Unsicherheit.
Wenn wir also in unserem Alltag wieder mehr von dem hätten, was die Kirche, christliche Familien und christliche Freundeskreise machen, dann wäre vielleicht diese Angst oder Wut nicht so groß.
DOMRADIO.DE: Klingt etwas nach "back to the roots"?
Geilhufe: Naja, nicht wirklich. Ich bin eher ein konservativer Typ und bin total gerne "back to the roots". Aber ich würde nie sagen, dass wieder alles klasse ist, wenn wir jetzt 60 Jahre zurückgehen.
Wir haben viel über Bord geworfen und wir haben bei vielem auch als Kirche oder Christen gesagt, dass es vielleicht verzichtbar ist. Aber wir merken jetzt, dass die Lücke, die da gerissen wurde, echt groß ist.
DOMRADIO.DE: Sie haben vor einiger Zeit eine App gestaltet, die "Glauben" heißt und unter anderem Menschen wieder zum Glauben zurückbringen soll. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, die App an den Start zu bringen?
Geilhufe: Wir wollen über den Glauben ins Gespräch kommen, Beziehungen knüpfen und mit Leuten unterwegs sein. Aber wir formulieren auch ganz offen, dass wir zum Ziel haben, mehr Menschen zu taufen und bei uns im Osten des Landes auch eine Reihe von Menschen zum Wiedereintritt ermutigen wollen.
Dazu braucht es aus unserer Erfahrung in Ostdeutschland stellenweise sehr viel, was wir gar nicht mehr leisten können. Wir sind zu wenige Pfarrer und können vieles nur noch ehrenamtlich machen. Gleichzeitig merken wir aber, dass es nicht unmöglich ist. Vielmehr braucht es nur ein paar grundlegende Dinge, die die Menschen machen und kennenlernen können. Sie brauchen eine Gruppe, mit der sie sich austauschen können, damit sie nach einer gewissen Zeit diesen Schritt in die Kirche zu Jesus hin machen können. Das soll die App leisten.
Wir haben Glaubenskurse entwickelt, die mit ganz wenig Aufwand verbunden sind und nichts kosten sollen. Bei denen kommt das ganze Werbematerial kostenlos dazu. Nach ein paar Jahren, in denen wir das sehr erfolgreich ausprobiert haben, sind wir technisch an einen Punkt angekommen, an dem wir gemerkt haben, dass die beste Lösung für diese Art von Glaubenskurs eine Handyanwendung ist.
Es ist eine Anwendung, bei der der Videokurs, Impulse für den Alltag, ein kleines Nachschlagewerk, eine Notizmöglichkeit, eine Terminübersicht sowie eine kleine Einführung in das Projekt in einer Anwendung zusammengefasst sind. Man muss also nur kurz klicken, sich das runterladen und hat dann die Möglichkeit, ohne großen Aufwand und theologisch trotzdem sehr anspruchsvoll, in einen Glaubenskurs zu kommen. Man setzt sich dabei nicht alleine zu Hause auf die Couch, sondern trifft sich mit anderen und kommt in gute, fruchtbare Gespräche über den Glauben.
DOMRADIO.DE: Diese Funktion sich Notizen zu machen, seine Gedanken aufzuschreiben und das mit anderen zu besprechen, ist vielleicht ein spannender Weg. Machen die Leute das denn auch?
Geilhufe: Ja, tatsächlich. Wir starten in diesem Jahr an vielen verschiedenen Orten. Bisher war das "mein" Projekt. Aber jetzt haben wir es so aufbereitet, dass es vom Ost-Erzgebirge bis in die Nordkirche gemacht wird. Das Konzept ist wirklich sehr einfach.
Im Gegensatz zu anderen Kursen, die ganz fantastisch, aber manchmal sehr aufwendig sind, ist unser Kurs so gestaltet, dass die Leute ein kurzes Video für den Alltag bekommen, in dem am Ende ein theoretischer, ein emotionaler und ein ganz praktischer Impuls für den Alltag drin sind.
Unser Treffen geht immer nur eine Stunde, einmal die Woche. Nachdem wir uns kurz vorgestellt und uns ausgetauscht haben, wie es uns gerade geht, geht es nur um die Frage: Wie ging es dir mit dem ersten Impuls? Wie ging es dir mit dem zweiten? Wie hat die kleine Aufgabe geklappt?
Dann verabschieden wir uns, gehen wieder in den Alltag zurück und schauen, wo dieser Impuls für uns passt. So wachsen der Inhalt und die Gemeinschaft des Kurses in den Alltag der Menschen hinein. Das führt im kleinen Rahmen zu diesen Erfolgen, die wir uns wünschen, damit einzelne Leute sagen, dass sie in der Osternacht wieder Teil dieser Kirche werden möchten.
Das Interview führte Marcus Poschlod.