Wochenimpuls

Neujahrsvorsätze

Statistisch gesehen halten Neujahrsvorsätze gerade mal drei Tage. Und dann: Katerstimmung! Wer kennt das nicht? Voller Elan nehmen wir uns zu Jahresbeginn vor, mehr Sport zu treiben, gesünder zu essen, geduldiger zu sein oder mehr Zeit für Freunde und Familie zu haben. Doch schon nach wenigen Tagen - allenfalls Wochen - holt uns der Alltag ein und all die guten Vorsätze sind dahin. Um im Bild zu bleiben: Liegen sie dann dort als großer Haufen, der langsam anfängt, übel zu riechen und unser schlechtes Gewissen immer größer werden lässt. Jedes Jahr dasselbe: Ich nehme mir vor, regelmäßig laufen zu gehen. Am ersten Januar stehe ich motiviert in neuen Sportschuhen vor der Tür - doch spätestens am vierten Tag regnet es. Und die Schuhe bleiben im Schrank. Eine strenge Stimme mahnt mich dann, meinen Hintern hochzukriegen und auch im Regen laufen zu gehen - so wie ich es mir vorgenommen habe. Aber auch die Stimme wird immer leiser. Wahrscheinlich liegt sie tief begraben unter dem Haufen der gebrochenen guten Vorsätze. Irgendwann gebe ich dann ganz auf und das Thema Sport hat sich bis nächstes Jahr wieder erledigt. 
Ich glaube: Es ist gar nicht so schlimm, wenn etwas nicht klappt, das ich mir vornehme. Es ist überhaupt kein Drama, wenn ich nicht alles durchhalte und alle Pläne und Vorsätze umsetze. Schlimm ist aber, wenn ich ganz aufgebe. Das gilt für Vorsätze zum Sport oder zu unseren Essgewohnheiten. Das gilt ganz besonders aber auch für unser geistliches Leben. Es wird immer Zeiten geben, in denen uns das Beten leichter fällt und andere, in denen es schwer und zäh wird. Gehen Sie freundlich mit sich um, wenn ein guter Vorsatz nicht gleich gelingt. Aber geben Sie nicht auf, sondern versuchen Sie es noch einmal. Und sagen Sie sich: Etwas im zweiten, dritten oder hundertsten Anlauf zu schaffen, ist ein genauso gutes und befriedigendes Ergebnis wie ein Vorsatz, dessen Umsetzung gleich gelingt. Erst recht, wenn es um Sie selbst geht.

Ihr

Rainer Woelki
Erzbischof von Köln

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