KNA: Herr Schroeder, Sie spielen einen Kommissar im ZDF, sind aber privat ehrenamtlicher Vollzugshelfer. Wie passt das zusammen?
Steffen Schroeder (Schauspieler): Das hat verschiedene Gründe. Das Thema Gefängnis hat mich als Schauspieler von Beginn meiner Karriere an beschäftigt - meine erste Fernsehhauptrolle spielte unter anderem im Knast. Hinzu kommt, dass ich auch schon lange in der Opferarbeit aktiv bin - beim Weißen Ring. So ging mir ein Gedanke nicht aus dem Kopf: Wie wird ein Mensch zum Täter? Opfer- und Straffälligenhilfe haben mehr miteinander zu tun, als man glaubt.
KNA: Inwiefern?
Schroeder: Ich betrachte das, was ich tue, als Präventionsarbeit. Grundsätzlich gilt: Je weniger Kontakt ein Häftling zur Außenwelt hat, umso größer ist die Gefahr, rückfällig zu werden, wenn er wieder entlassen ist. Bei Langzeithäftlingen, die fünf Jahre oder mehr in Haft sind, ist es so, dass früher oder später alle Beziehungen zu Familie, Freunden oder Bekannten abreißen. Durch das Ehrenamt wird versucht, ein normales Verhältnis zu einem Menschen in der Außenwelt herzustellen.
KNA: Warum ist das wichtig?
Schroeder: Die allermeisten Straftäter kommen ja wieder auf freien Fuß, wenn sie ihre Strafe abgesessen haben. Für mich ist das ein gewagtes Konzept: Sie alle in ein Haus zu sperren und darauf zu hoffen, dass sie dort zu besseren Menschen werden. Therapieren die sich dann gegenseitig? Kommen sie dann geläutert wieder raus? Für mich liegt das nicht automatisch auf der Hand. Wie sollen sie zu besseren Menschen werden, wenn man sie wie Tiere behandelt - so haben es mir viele oft erzählt. Und: Manchmal lernen sie im Gefängnis erst die richtig schlimmen Sachen, das sagen sie auch.
Manchmal ist das Wegsperren die einzige Lösung. Es gibt sehr schwer wiegende Taten, vor denen man die Gesellschaft schützen muss. Aber man sollte mehr nach alternativen Formen der Bestrafung suchen. Handeln muss Konsequenzen haben. Ich bin selbst dreifacher Vater, in der Erziehung gilt das ja genauso.
KNA: Was sind das für Menschen, die Sie bei Ihren Besuchen im Gefängnis kennengelernt haben?
Schroeder: Vorwiegend Gewalttäter, darunter auch Mörder. Sie alle sind als Opfer ins Leben gestartet. Das entschuldigt ihre Taten nicht, aber: Gewalt passiert meist im Kreislauf. Ich habe mich gefragt, wie ich sein würde, wenn meine Eltern alkoholkrank gewesen wären, mich geschlagen oder missbraucht hätten ...
KNA: Engagieren Sie sich aus Nächstenliebe?
Schroeder: Ja, diese christlichen Werte sind mir wichtig. Wenngleich ich mich mitunter mit der Kirche auch schwertue. Die Bibelstellen, in denen sich Jesus derer angenommen hat, die in unserer gesellschaftlichen Hierarchie ganz unten sind - wie etwa den Prostituierten - waren für mich schon als Kind am eindringlichsten. Er wollte, dass wir an die Ränder der Gesellschaft gucken.
KNA: Sie haben einen Mörder, der mittlerweile entlassen ist, jahrelang regelmäßig im Gefängnis in Berlin Tegel besucht und über diese Beziehung auch ein Buch geschrieben ...
Schroeder: Ja, ich habe sieben Jahre lang einen verurteilten Mörder begleitet. Er saß 22 Jahre im Gefängnis, ist aber mittlerweile entlassen. Wir haben immer noch Kontakt. Ich habe ihn alle ein bis drei Wochen im Gefängnis besucht. Wir saßen dann in einem kleinen Raum zusammen und haben einfach nur geredet, über Gott und die Welt.
Am Anfang hatte ich Sorge: Was soll ich dem bloß sagen? Er kommt ursprünglich aus der ultrarechten Szene. Aber dann habe ich festgestellt, dass wir auf anderen Ebenen Schnittmengen haben. Er hat ein Kind, das genauso alt ist wie mein Ältester, und wir haben herausgefunden, dass wir in Potsdam mal in derselben Straße gelebt haben, wenn auch zu unterschiedlichen Zeitpunkten.
KNA: Worüber reden Sie - mit ihm oder anderen Strafgefangenen, die Sie begleiten?
Schroeder: Es geht in all diesen Gesprächen ums Zuhören. Man selbst muss nicht viel sagen. Alle Häftlinge haben Angst, dass Mitgefangene es ausnutzen könnten, wenn sie sensible Informationen über einen haben. Im Gefängnis gibt es eine innere Hierarchie, von der macht man sich keine Vorstellung. Das führt dazu, dass die Leute niemanden haben, bei dem sie ihre Sorgen oder Ängste lassen können. Es ist sehr schwierig für einen Menschen, wenn er nichts Relevantes teilen kann.
KNA: Geht es in Ihren Gesprächen auch um die Tat?
Schroeder: Auch. Klar ist: Es gibt eine unglaublich schwere Schuld, die etwa ein Mörder zu tragen hat. Und die kann man natürlich nicht ansatzweise wieder gut machen. Zum Beispiel kann es aber Sinn machen, über die Opferhilfe indirekten Kontakt zu den betroffenen Familien aufzunehmen und zu sagen, dass es einem leid tut. Das kann in der Aufarbeitung einen Unterschied für Opferfamilien machen. Die Tataufarbeitung nimmt leider eher einen geringen Anteil im Strafvollzug ein.
KNA: Haben Sie selbst etwas durch diese Tätigkeit gelernt?
Schroeder: Ja, man bekommt Dankbarkeit und lernt Demut - dem Leben gegenüber. Das sollte man sich immer mal wieder in Erinnerung rufen, wenn dieses oder jenes im eigenen Leben nicht klappt. Kein Mensch ist ohne Schuld. Auch ich habe schon anderen Menschen weh getan, wenn auch nicht physisch. Grundsätzlich kann jeder Mensch im Gefängnis landen.
KNA: Wie ist es an den Feiertagen in der Haftanstalt?
Schroeder: Die Weihnachtszeit ist die Zeit, vor der die Häftlinge am meisten Angst haben. Sie fühlen sich isolierter denn je, weil sie wissen, dass überall die Menschen zusammensitzen. Dann wird ihnen besonders bewusst, wie allein sie sind. Es passieren auch die meisten Suizide in dieser Zeit. Hinzu kommt: Die Schließzeiten sind länger als sonst, weil viel Personal im Weihnachtsurlaub ist.
KNA: Hat Ihnen Ihre Insider-Sicht auf Gefängnisse beim Drehen schon einmal weitergeholfen?
Schroeder: Es ist eher so: Das, was ich mache, fängt da an, wo der Freitagabend-Krimi aufhört. Mir persönlich ist das auch zu viel - konsequent wird auf allen Sendern durchgemordet.
KNA: Dennoch kehren Sie Anfang des Jahres noch einmal in einer Folge als Kommissar Kowalski in die Soko Leipzig zurück.
Schroeder: Weil ich diese Figur mag und sie mir sehr ans Herz gewachsen ist. Ich habe auch immer gern Krimis gedreht. Aber es laufen ja fast nur Krimis im Fernsehen. Das ist ein eigenartiges Hobby der Deutschen. Und ich glaube auch, dass diese Bilder und Geschichten was mit den Köpfen der Leute machen. Zum Beispiel haben viele mehr Angst als früher, finde ich. Vielleicht ist es Zeit für eine andere Art der TV-Unterhaltung.
Das Interview führte Nina Schmedding.