Organisationen machen auf friedenspolitische Forderungen aufmerksam

Friedenskanzler gesucht

Wenige Tage vor der Bundestagswahl haben 17 Friedensorganisationen, darunter auch pax christi, eine Initiative gestartet. Mit einer fiktiven Stellenanzeige suchen sie nach einem Friedenskanzler. Was steckt hinter dieser Aktion?

pax christi / © Harald Oppitz (KNA)
pax christi / © Harald Oppitz ( KNA )

DOMRADIO.DE: Was genau hat es mit dieser Idee des Friedenskanzlers auf sich?

Gerold König (Bundesvorsitzender von pax christi): Wir haben uns zusammengesetzt und haben überlegt: Was steht eigentlich in den Wahlprogrammen? Wenn Sie die Wahlprogramme zur Bundestagswahl lesen, werden Sie von allen Parteien das Wort Frieden kaum oder nur kurz finden. Der Ukrainekrieg oder der Krieg in Gaza und Israel sorgen für eine riesige Verunsicherung. Es wird immer nur von Krieg, Waffen oder Töten gesprochen. Aber das Wort Frieden kommt überhaupt nie oder nur ganz selten vor.

DOMRADIO.DE: Welche konkreten friedenspolitischen Forderungen verbinden Sie mit dieser Aktion?

König: Eine friedenspolitische Forderung ist es, den sozialen Frieden in unserem Land wiederherzustellen. Wieder demokratiefähiger zu werden. Wir haben eine Demokratie, aber wir müssen lernen, in dieser Demokratie zu leben. Da spielt Frieden eine große Rolle. Die zweite Aufgabe ist die internationale Geschichte. Es muss Verhandlungen geben. Frieden ist harte Arbeit, Frieden kommt nicht von selbst und Frieden kann man nicht durch Waffen erreichen. Es muss Verhandlungen geben. Es muss miteinander gesprochen werden. Es muss kommuniziert werden. Es muss eine Bereitschaft geben, diplomatisch aufeinander einzuwirken. Das sehen wir im Moment bei allen vier Kanzlerkandidaten nicht.

Gerold König

"Das Völkerrecht wird momentan mit Füßen getreten".

DOMRADIO.DE: Stärkung internationaler Institutionen und Einhaltung des Völkerrechts: Wie wichtig sind diese Punkte für Pax Christi?

König: Für Pax Christi sind sie enorm wichtig. Das Völkerrecht muss für alle gelten. Es muss sowohl für den Staat Israel gelten. Es muss für Russland gelten. Es muss für die Ukraine gelten und es muss auch für uns selbst gelten. Das Völkerrecht wird momentan mit Füßen getreten. Deshalb ist es wichtig, jemanden zu finden, der oder die das im Blick hat und für das Völkerrecht und für die Menschenrechte einsteht. So gewinnt unser Land Vertrauen und Partner zurück.

Gerold König

"Durch den Kolonialismus sind Verletzungen entstanden, die nie geheilt worden sind".

DOMRADIO.DE: Ein weiterer Punkt ist die Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte. Warum ist das aus Ihrer Sicht auch für eine Friedenspolitik relevant?

König: Durch den Kolonialismus sind Verletzungen entstanden, die nie geheilt worden sind. Es wurde einfach übergangen, es wurde weitergemacht, es wurde weitergelebt wie bisher. Die offenen Wunden, die durch den Kolonialismus entstanden sind, wurden nie richtig bearbeitet und treten jetzt auch immer wieder häufiger Zutage. Sie werden uns auch zum Vorwurf gemacht. Wir werden dadurch unglaubwürdig und müssen da auch Vertrauen wiedergewinnen.

DOMRADIO.DE: Die Suche nach dem Friedenskanzler, das ist eine symbolische Aktion. Was kann sie konkret bewirken?

König: Sie kann bewirken, dass die Menschen hinterfragen: Was steht eigentlich dahinter? Warum machen die das eigentlich? Es soll auch die Frage aufkommen: Was bedeutet mir Frieden und wo beginnt Frieden? Für welchen Frieden stehen die Kandidatinnen der Parteien ein? Das steckt da ein Stück hinter. Wir brauchen einen langen Atem, wir brauchen Mitspracherecht. Die Friedensbewegungen müssen wieder aktiver mit eingreifen können und müssen auch gehört werden. Zum Beispiel kämpfen wir seit langen Jahren um ein Rüstungsexportkontrollgesetz, was nicht zustande kommt. Solche Dinge müssen wieder viel stärker aufgenommen werden.

Gerold König

"Es geht darum, einen langfristigen und nachhaltigen Frieden zu schaffen. Dieser kommt nur durch Diplomatie und durch Verhandlungen zustande".

DOMRADIO.DE: Was sind Ihre ganz konkreten Erwartungen an die Politik der nächsten Bundesregierung in Bezug auf Frieden und Sicherheit?

König: Dass es zu einem nachhaltigen Frieden kommt, der belastbar ist und nicht zu einem Diktatfrieden. Es geht nicht darum, Deals abzuschließen, was der aktuellen Politik in Amerika entspricht. Es geht darum, einen langfristigen und nachhaltigen Frieden zu schaffen. Dieser kommt nur durch Diplomatie und durch Verhandlungen zustande. Das erwarten wir von einer neuen Bundesregierung, dass sie mit einem großen Maß von Vertrauen ausgestattet einen nachhaltigen Frieden anstrebt und schafft durch Diplomatie.

Pax Christi

pax christi ist eine ökumenische Friedensbewegung in der katholischen Kirche. Sie verbindet Gebet und Aktion und arbeitet in der Tradition der Friedenslehre des II. Vatikanischen Konzils. 

Der pax christi Deutsche Sektion e.V. ist Mitglied des weltweiten Friedensnetzes Pax Christi International.

Entstanden ist die pax christi-Bewegung am Ende des II. Weltkrieges, als französische Christinnen und Christen ihren deutschen Schwestern und Brüdern zur Versöhnung die Hand reichten. (pax christi)

Friedenstauben (dpa)
Friedenstauben / ( dpa )
Quelle:
DR

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